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Xanten: Bei Familie Hendricks lernen Kinder mit Behinderungen reiten

In Vynen lernen Kinder mit und ohne Behinderungen reiten : In der Xantener Ponyreitschule am Deich

Sie heißen Rakete oder Chiara. Hier kümmert sich Familie Hendricks um kleine, große und alte Pferde. Am Rheindamm lernen Kinder mit und ohne Behinderungen reiten. Ein  Besuch auf der Anlage Vikarienkamp in Vynen.

Sibylle Hendricks ist vielseitig, im Leben und auf dem Sattel. Reitlehrerin, Turnierrichterin, Pferdewirtin, viele Jahre passionierte Turnierreiterin, Mutter von drei Töchtern (16, 13, 11 Jahre) und einem Sohn. Der 14-Jährige hat allerdings im Gegensatz zu seinen drei Schwestern mit Pferden nichts an der Mütze, er geht lieber angeln. 2015 hat sich die Grundschullehrerin einen Traum erfüllt. Auf der Reitanlage Vikarienkamp am Rheindamm in Vynen, die sie und ihr Mann Rüdger im Mitte 2019 gekauft hat, gründete die 47-Jährige eine Ponyreitschule für Kinder mit und ohne Behinderungen.

Angefangen hat alles auf dem elterlichen Hof mitten im Dorf, wo die passionierte Pferdesportlerin – sie ist in allen Disziplinen erfolgreich bis zur Klasse M geritten – schon immer Anfängerstunden gab. „Ich bin mit einem Haflinger angefangen, dann kam der zweite dazu, dann ein Pony für eine Tochter.“ Sie selber ist ganz klassisch zum Reiten gekommen, über den Reit- und Fahrverein Xanten. Mit 14 bekam sie ihr eigenes Pferd, „Fair Play, ein Wallach“. 1999 nahm sie mit der Stute Shasa an der Europameisterschaft der ländlichen Vielseitigkeitsreiter (Amateure) in Österreich teil.

 Auch Shetlandpony Harry gehört zu den tierischen Bewohnern der Ponyreitschule am Deich. Melina, Luisa und Greta (von links) kümmern sich um die Fellpflege.
Auch Shetlandpony Harry gehört zu den tierischen Bewohnern der Ponyreitschule am Deich. Melina, Luisa und Greta (von links) kümmern sich um die Fellpflege. Foto: Armin Fischer (arfi)
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Neben ihrem Studium absolvierte Hendricks unter anderem die Prüfungen zum Trainer A, zum Ausbilder im Behindertenreitsport (DKThR) und zum Pferdewirt Schwerpunkt Reiten (Stensbeckplakette) erfolgreich. Heute ist die vierfache Mutter als Ausbilderin und Turnierrichterin im Rheinland unterwegs, außerdem unterrichtet sie als Seiteneinsteigerin an drei Vormittagen an einer Grundschule in Goch Deutsch als Zweitsprache für Kinder mit Migrationshintergrund.

„Ich liebe das, Unterricht zu geben. Und ich mache das alles hier wirklich gerne“, versichert sie, schaut über das große Gelände mit den zwei Stallgassen und zeigt die 20x40 Meter große Reithalle, die vor einigen Tagen einen neuen Boden bekam. „Nach dem Ebbe-Flut-System“, erklärt sie, „der Boden wird von unten bewässert, damit es nicht staubt“.

Und während sie das erklärt, geht Ehemann Rüdger mit einer Schubkarre voll Heu über den Hof. „Mein Mann“, stellt sie ihn vor, „er reitet zwar nicht, aber er kann alles reparieren.“ Der Maschinenbauingenieur lacht, schiebt die Karre in die Stallgasse mit den 14 Boxen, in denen einige der neun Ponys für den Schulbetrieb stehen, außerdem ein paar junge Pferde und ein „Rentner“. „Das ist Dunlop, der ist 26 Jahre alt“, erzählt Sibylle Hendricks. Der Wallach gehörte Jacques Louis van de Kop, einem Allgemeinmediziner in Vynen und Vorbesitzer der Reitanlage Vikarienkamp. Dunlop ist hier geblieben, als van de Kop seine Praxis im Dorf an seinen Nachfolger übergab und in den Ruhestand ging. Auch einige Reiter haben Sibylle Hendricks ihre Ponys überlassen, nachdem sie für ihre Tiere zu groß geworden sind.

So wie Chiara, „die habe ich letzten Sommer bekommen“. In einer anderen Box steht Kara Deniz, eine Zuchtstute. „Das ist mein Hobby“, sagt die 47-Jährige und streichelt der 18-jährigen Stute über die Mähne, die schon sechs Fohlen zur Welt gebracht hat. Nebenan schaut Cyra durch die oben geöffnete Tür, wartet wie Kara Deniz und die anderen darauf, dass es endlich Futter gibt. „Wir wechseln uns mit dem Füttern ab. Morgens fährt mein Mann vor der Arbeit zum Stall, abends mache ich das in der Regel.“ Zwei Mal täglich gibt es Heu und Kraftfutter, außerdem Möhren und Mineralfutter. Das Ausmisten der Ställe übernimmt zumeist Trainerin und Sattlermeisterin Anne Müller (42).

Auf der anderen Seite des Hofs, in der zweiten deutlich älteren Stallgasse, die noch von den früheren Besitzern Schless gebaut worden ist, steht Anika, ein achtjähriges Dartmoor-Ponys aus Südengland. „Die ist total garstig, dreht einem in der Box den Hintern zu, wenn Fütterungszeit ist“, sagt Sibylle Hendricks und lacht. Niklas dagegen poltert immer wieder vor die Stalltür, wenn er weiß, dass es bald Futter gibt. „Der ist 26 und noch top-fit.“ Am längsten lebt Rakete (26) bei Sibylle Hendricks. „Der ist jetzt 23 Jahre bei mir. Die Pferde werden bei mir alle sehr alt.“

Und auch Rakete wird auf dem Vikarienkamp das Gnadenbrot bekommen, so wie alle Pferde, wenn sie mal nicht mehr „nützlich“ sind. „Hier geht kein Pferd auf vier Beinen vom Hof“, sagt die Pferdewirtin. Ihr Jonny, mit dem alles angefangen hat, ist 2021 mit 29 Jahren gestorben. Und Sibylle Hendricks wird kurz wehmütig, als sie von Jonny erzählt. „Er hat mich 25 Jahre begleitet.“

Reitstunden finden montags bis samstags statt. Kinder ab vier Jahren werden behutsam an das Lebewesen Pferd/Pony herangeführt. In kleinen „Rund ums Pony“-Gruppen geschieht dies für die Jüngsten spielerisch. Sie erlernen den ersten Umgang mit dem Tier, werden mit und ohne Sattel geführt, voltigieren, machen einen Ausritt zum Rhein oder über den Deich. Eine Einheit dauert 60 Minuten. Anschließend können reitbegeistere Kinder in den Einzelunterricht an die Longe wechseln, um später in Kleingruppen ihr Erlerntes weiter zu verfestigen.

Montags und freitags sind Mädchen und Jungen mit Einschränkungen aus zwei integrativen Kindertagesstätten in Uedem und Xanten (Waldblick) auf dem Reiterhof am Deich. Unter der behutsamen Leitung von Sibylle Hendricks, ausgebildet fürs Reiten als Sport für Menschen mit Behinderung, erfahren sie beim therapeutischen Reiten durch Bewegungen und die Wärme des Pferdes eine sehr intensive wie erfolgreiche Therapie.