Lokalsport: Niedrig - Triathlon-Legende und Vorbild

Lokalsport: Niedrig - Triathlon-Legende und Vorbild

Der Star des 33. Xantener Dreikampfs gönnte seinen Konkurrenten den Sieg über die Olympische Distanz. Johann Ackermann setzte sich gestern in 1:54:57 Stunden vor Timo Schaffeld sowie Stefan Werner durch.

Er gehört zu den Menschen, die einem auf Anhieb sympathisch sind, von denen man glaubt, sie schon lange zu kennen, obwohl man gerade zum ersten Mal mit ihnen gesprochen hat. "Kann sein, dass ich mich etwas verspäte. Ich muss noch zwei Esel in Rheken abholen", hatte Andreas Niedrig (49) gesagt, als telefonisch der Treffpunkt vereinbart wurde, um vor seinem Start beim 33. Nibelungen-Triathlon noch ein wenig mit dem Mann aus Oer-Erkenschwick ("sagen Sie bloß nicht Öhr") zu plaudern.

Eine lebende Legende. Ein Mann, der zehn Jahre zu den Top 10 der Welt über die Langdistanz gehörte, und bei allen Wettkämpfen aufs Treppchen kam. Ein Dreikämpfer, der mit 13 noch aktiver Schwimmer war - "dann habe ich sieben Jahre lang nichts gemacht - außer Drogen konsumiert. Alles, was der Markt so hergab". Und dann hat er sich aufgerappelt, einen Entzug gemacht und sich ins Leben zurückgelaufen. "Lauf um dein Leben - vom Junkie zum Ironman", lautet der Titel des Films über sein Leben.

"Ich bereite mich nicht mehr vor. Ich mache mein Leben lang Sport. Ich bin hier, ich werde starten - mal sehen, was kommt", erzählt er, macht den Kofferraum seines Multivan auf, in dem sein Rennrad Marke Trik ist, königsblau-weiß, genau wie sein Shorty. Und beide Esel, Kunstwerke für seine Frau, mit der er seit 30 Jahren verheiratet ist und mit der er zwei Kinder hat. Erst letzte Woche hat sich Niedrig für den Triathlon in Xanten angemeldet und ging über die Olympische Distanz an den Start. Dass er als Erster aus dem Wasser kommen würde, daran hatte er keinen Zweifel. Und auf dem Rad, "da müsste ich mit einem 42-er Schnitt unterwegs sein". Nur beim Laufen, "da muss mir der liebe Gott helfen". Denn 2016 hatte er sich an der rechten Achillessehne verletzt, konnte ein halbes Jahr gar nicht trainieren. "Letztes Wochenende habe ich meinen ersten Triathlon in diesem Jahr gemacht. In Essen", sagte er. Und? "Na ja, gewonnen halt."

15 bis 30 Stunden treibt er Sport in der Woche, hält Vorträge für und in Wirtschaftsunternehmen, ist in Schulen, Gefängnissen, Therapieeinrichtungen unterwegs, um Menschen eine Botschaft zu vermitteln: "Du musst 'was im Leben haben, an das du glaubst, das du liebst. Und dafür musst du alles tun." Ein letztes Mal von der Banane abgebissen und 'rauf aufs Rad. "Ich muss mich warmfahren - wie ein Diesel, den musste man früher auch vorglühen."

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Eigentlich sollte Niedrig die Nummer 1 tragen. Die hat ihm aber einer "weggenommen": Stefan Werner, der sich für Hawaii qualifiziert hat und in Xanten ebenfalls über die Olympische Distanz startete. "Der wird mich schlagen." In dem Moment schob Werner sein Rennrad über den Parkplatz. Die beiden kennen sich, begrüßten sich freundschaftlich. "Ich gewinn auch nicht, der Sascha (Hubbert) macht das Rennen. Der kann zwar nicht schwimmen, aber Rad fahren und laufen", war sich der hoch gewachsene Triathlet aus Bocholt sicher.

Doch es kam anders: Niedrig lief zwar als Erster aus der Wardter Förde, nach ihm Johann Ackermann. Beide stiegen in der Wechselzone in Sekunden-Abstand auf ihre Räder, schenkten sich keinen Millimeter und gingen wieder fast zeitgleich auf die Laufstrecke. Doch da büßte der 49-Jährige Plätze ein, und Ackermann stellt einmal mehr unter Beweis, warum er 2016 in Xanten die Liga-Wertung gewonnen hatte. Scheinbar mühelos absolvierte er seinen Triathlon und lief als Gesamterster nach 1:54:57 Stunden durchs Ziel vor Timo Schaffeld (1:58:46) und Werner (1:59:19). Andreas Niedrig wurde Fünfter (2:03:18).

Für Ackermann ist Niedrig ein Riesenvorbild. "Er hatte mir noch alles Gute gewünscht, als wir auf die Laufstrecke gingen. Es macht Spaß, zu sehen, wie er den Triathlon lebt". Genauso sah's Schaffeld, der im Interview mit Moderator Raimund Stroick von einem "geilen Rennen" sowie "schönen Paket" sprach: "Da stimmte alles, auch das Wetter." "Gib' alles, den kriegst du noch", habe Niedrig ihn angefeuert, als er ihm beim entgegenkam. Mit "ihm" war Werner gemeint. Der nahm's mit Humor: "So ist das halt: Da wirst du auf den letzten Metern noch eingefangen beim Triathlon".

Niedrig blieb ganz entspannt. "Mit war klar, dass die Jungs gewinnen würden." Aber leicht angeschlagen? Nein, das sei er nicht gewesen: "Ich bin in Top-Form." Sprach's, lachte und erzählte von seinem Sohn Laurenz, der sich auf die Olympischen Spiele in Tokio vorbereitet, wo er über 400 Meter starten möchte. Sein Sprössling hatte ihm vor einiger Zeit gesagt: "Papa, du bist auf dem Rückflug, kannst mal ruhiger werden". Nein. Kann er nicht. Will er auch nicht. Heute hat Andreas Niedrig nur vor einer Sache Angst: "Qualitativ schlecht alt zu werden!"

(jas)