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Niederrhein: Geisterspiel: Ein befremdliches Gefühl

Fußball : Geisterspiel: Ein befremdliches Gefühl

Fabian Kleintges-Topoll, freier Mitarbeiter der RP-Redaktion Xanten, begleitet den KFC Uerdingen seit drei Jahren für Reviersport. Am Dienstag erlebte er sein erstes Drittliga-Geisterspiel.

In kaum einer Profi-Liga wurde während der Corona-Pause so heftig über den Re-Start diskutiert wie in der Dritten Liga. Viele Vereine plädierten für einen Abbruch. Nach wochenlangem Hin und Her rang sich der DFB dann zur Fortsetzung der unterbrochenen Saison durch. Seit dem 30. Mai rollt der Ball im Eiltempo (elf Spiele in fünf Englischen Wochen) wieder durch die Stadien. Endlich, könnte man auf den ersten Blick meinen. Doch Fußball ohne Fans, das ist einfach nicht dasselbe. Trotz der ersten Skepsis war meine Vorfreude riesig, nach über zwei Monaten mal wieder ein Stadion von innen zu sehen.

Am Dienstag war es soweit. Meine Geisterspiel-Premiere stand bevor. Das Duell zwischen dem KFC Uerdingen und dem TSV 1860 München versprach im Vorfeld viel Spannung. Dass diese Partie ohne Zuschauer völlig anders werden sollte, als alle, die ich bisher als Fan oder im Dienst gesehen habe, war mir natürlich bewusst. Dennoch war ich gespannt, was mich erwarten würde.

Die Dauer-Arbeitskarte konnte zu Hause bleiben. Für den Sonderspielbetrieb wird eine Spieltags-Akkreditierung benötigt. Alle Pressevertreter wurden im Vorfeld genau über die Hygiene- und Verhaltensregeln informiert. Vor dem Zutritt musste ich einen Gesundheits-Fragebogen mit meinen Kontaktdaten ausfüllen und versichern, dass bei mir keine Coronavirus-Symptome aufgetreten sind. Zur Kontrolle ging‘s dann in einen extra aufgebauten Container, eine Art Schleuse vor dem Stadion. Das Fieberthermometer zeigte zum Glück keine Auffälligkeiten: 36,5 Grad, normale Körpertemperatur. Das Ganze war schon befremdlich. An den Mund-/Nasen-Schutz hat man sich jedoch mittlerweile gewöhnt. Die Maske bis zu vier Stunden zu tragen, ist dann aber doch irgendwann anstrengend.

Im Parkhaus durfte das Auto bei der Ankunft diesmal nicht abgestellt werden. Nach Aushändigung der Arbeitskarte liefen alle Journalisten durch die Katakomben Richtung Aufzug, um sich auf direktem Weg in Richtung Pressetribüne zu begeben. Der Innenraum war tabu. Die Zeit vor dem Anpfiff, in der man sonst voller Heißhunger am Spieltags-Buffet steht oder sich mit den Kollegen unterhält, vermisst man schon. Immerhin wurde der Aufstellungsbogen pünktlich geliefert. Eineinhalb Stunden können trotzdem ganz schön lang sein. Knapp 3.000 Zuschauer sind bei einem Heimspiel des KFC im Schnitt mit dabei. In der 55.000 Besucher fassenden Merkur Spiel-Arena kam man sich auch mit Besuchern schon ziemlich verloren vor. Aufgrund der Sanierungsarbeiten im Grotenburg-Stadion weicht der KFC derzeit nach Düsseldorf aus.

So ganz ohne Kulisse war die Atmosphäre fast schon gespenstisch. Kurz vor Spielbeginn befestigten einige KFC-Delegierte noch ein paar Fanclub-Banner auf der Gegengerade. Ansonsten waren die Abläufe nahezu dieselben. Musik ertönte aus den Lautsprechern, der Stadionsprecher las die Aufstellungen vor, die Hymne wurde gespielt. Nur mitgesungen hat niemand. Die offizielle Task Force Sportmedizin des DFB sieht vor, dass maximal 214 Personen in drei Zonen rund um das Spiel beschäftigt sein und damit die Arena betreten dürfen. 94 im Innenraum (Spieler, Schiedsrichter, Sanitäter usw.), 81 auf der Tribüne (Journalisten, TV-/Funktionsteams, Feuerwehr, Polizei) und 39 im Außengelände (Ordnungspersonal). Komplett wurde das Kontingent sicher nicht ausgeschöpft.

Auch wenn der Abstand zum Spielfeld groß ist, konnte man von dort aus fast jedes einzelne Wort der 22 Akteure auf dem Rasen genau verstehen, durch das Hallen noch deutlich besser als vor dem Fernsehbildschirm. Bei all der Totenstille und der fehlenden Stimmung, Fußball wurde auch noch gespielt. Vom Ambiente her wirkte das Duell zwar wie ein Testspiel, dennoch ging es in den Zweikämpfen ordentlich zur Sache. Die Uerdinger gaben ihre 1:0-Pausenführung am Ende leichtfertig aus der Hand und verloren mit 1:3.

Der Presse musste sich KFC-Coach Stefan Kramer dennoch stellen, wenn auch auf eine etwas andere Art und Weise. Da die Mixed-Zone für Interviews geschlossen bleibt und die Pressekonferenz nur virtuell auf Youtube übertragen werden darf, ging‘s für mich nach dem Abpfiff sofort zurück zum Auto. Der Spielbericht war natürlich längst online. Immerhin: Jeder anwesende Journalist konnte seine Fragen per WhatsApp an den KFC- Pressesprecher schicken, der diese an die Trainer weiterleitete.

Das Geisterspiel war auf jeden Fall ein spezielles und gleichzeitig besonderes Erlebnis. Auch wenn alles reibungslos funktionierte, an die Situation mit leeren Rängen möchte ich mich aber nur ungerne gewöhnen.