Europameisterschaft im Dressurreiten : „Zwei alte Frauen mit großer Zukunft“

Die Powerfrau Isabell Werth und die stille Dorothee Schneider liefern sich bei der Dressur-EM in Rotterdam ein dramatisches Duell. Die Fortsetzung folgt am Samstag in der Kür.

Rotterdam/Rheinberg Die Frage hat Dorothee Schneider bestimmt schon hundertmal gehört, in Rotterdam wurde sie natürlich wieder gestellt. Wann wird sie es endlich schaffen, die große Isabell Werth zu besiegen? „Darum geht es mir gar nicht“, sagte Schneider, versunken in sich selbst und ihr stilles Glück: „Es geht mir darum, mit diesem wundervollen Pferd immer wieder zu zeigen, was wir können.“

Und das ist eine ganze Menge. Werth und ihre elegante Tänzerin Bella Rose mussten bei der EM jedenfalls alle Register ziehen, um Schneider und ihren stolzen Kraftprotz Showtime im Grand Prix Special auf Distanz zu halten. Am Ende trennte ein einziger Prozentpunkt die alte und neue Europameisterin Werth von ihrer Herausforderin – und wenn Schneider sich nicht einen teuren Fehler in den Einerwechseln erlaubt hätte, wäre die Reihenfolge wohl schon eine andere gewesen. Werth erlaubte sich keinen Fehler, natürlich nicht, das tut sie ja nie, wenn es um große Titel geht.

„Man kann nur unter Druck echte Topleistungen abrufen“, sagte sie, „wenn alles angespannt ist, wenn jedes Härchen steht, erst dann erreicht man neue Höhen.“ Die erreichte sie mit Bella Rose vor allem in der Piaffe-Passage-Tour. Als die Stute die allerletzte Piaffe in vollendeter Perfektion auf dem Radius eines Bierdeckels tanzte, zogen alle sieben Preisrichter die Traumnote zehn. „Ich glaube nicht, dass es irgendwo auf der Welt jemanden gibt, der das besser macht“, sagte Werth: „Eigentlich hätte man dafür auch eine Zwölf geben können.“

Nun, die gibt es in der Dressur bekanntlich nicht, aber immerhin kassierte Werth für die einzelnen Teilelemente insgesamt 73 (!)-mal eine Zehn. Dennoch blieb es spannend bis zur letzten Sekunde. Schneider und Showtime hatten mächtig vorgelegt, und noch vor der Schlusslinie waren Werth und Bella Rose nur Zweite. Doch die Art und Weise, wie die Stute die letzten Meter fliegend, schwebend, völlig entrückt ins Ziel zauberte, verhalfen Werth zum 19. EM-Titel ihrer Karriere.

Dorothee Schneider, diese stille, freundliche, zurückhaltende Frau, haderte nicht mit dem so knapp verpassten Titel. Sie genoss ihr Glück über ihre erste Einzelmedaille bei einem großen Championat in vollen Zügen. Sie lächelte, sprach leise und mit großer Dankbarkeit vom „größten Tag meines Lebens“. Seit zehn Jahren reitet sie Showtime, der sich „von einem schüchternen Jungen zu einem starken Wettkämpfer entwickelt hat. Er ist mein Herz, mein Seelenpferd, ich liebe ihn über alles.“

Nun gewinnt ja Liebe alleine im Sport keine Titel, und so geht es am Samstag in der Kür (ab 15 Uhr) wieder bei Null los. Eine Kampfansage wird man von Dorothee Schneider nicht hören. „Ich werde es niemals auf Biegen und Brechen darauf anlegen, eine Medaille zu gewinnen, ich bin sehr dankbar für alles und nehme es immer so, wie es kommt.“

Und um auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Sie hat Isabell Werth schon besiegt, vor wenigen Wochen im Special bei der DM in Balve. „Wir sind eben zwei alte Frauen mit einer großen Zukunft“, sagte die 50-jährige Werth und klatschte die 50-jährige Schneider grinsend ab. Von Liebe und Dankbarkeit hat sie nichts gesagt ...

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