Bald drohen Punktabzüge : Im Handball fehlen viele Schiedsrichter

Die Anzahl der Unparteiischen im Verband Niederrhein ist gesunken. Bald drohen Punktabzüge, falls die Vereine keine Referees melden sollten. Der TuS Xanten und die HSG Alpen/Rheinberg kritisieren den Vorstoß.

Die Lage im Handballverband Niederrhein (HVN) ist angespannt. „Bei uns herrscht Schiedsrichtermangel“, sagt Präsidiumsmitglied Martin Mende. Das betrifft jedoch nicht nur den Verband, sondern vor allem die Vereine, die ihrerseits Unparteiische stellen müssen. Andernfalls drohen bald für die am höchsten spielende Mannschaft neben Geldstrafen auch Abzüge von bis zu drei Punkten.

Christoph Glenk spricht von Wettbewerbsverzerrung. „Aus unserer Sicht sind Punktabzüge eine einzige Katastrophe, bei der auch wieder hauptsächlich die kleinen Vereine betroffen sind“, sagt der Handball-Abteilungsleiter des TuS Xanten. Schon jetzt ist für jeden fehlenden Unparteiischen eine Strafe von 150 Euro fällig. „Finanzkräftigen Vereinen war das egal. Die konnten sich quasi freikaufen. Kleine Vereine müssen sehen, wie sie das Geld aufbringen“, so Glenk.

Xanten stellte zuletzt acht aktive Schiedsrichter. Bei elf Mannschaften (vier Senioren- und sieben Jugend-Teams) war das zu wenig. Das Soll lag für den TuS bei elf Spielleitern. Glenk: „Für diese Saison haben wir zwei neue Mannschaften gemeldet. Zur Belohnung dafür, dass wir eine gute Jugendabteilung haben und es schaffen, den Seniorenbereich auszubauen, müssen wir direkt zwei weitere Schiedsrichter stellen.“

Für Mende ist das Hauptproblem nicht, neue Referees zu gewinnen. Denn vor allem 14- bis 16-Jährige kommen regelmäßig hinzu. „Es ist viel schwerer, sie länger dabei zu halten. Ab dem Erwachsenenalter von 18 oder 19 Jahren wird’s vor allem durch die Arbeit oder ein Studium und weitere Hobbys problematisch, alles unter einen Hut zu bekommen“, sagt das HVN-Präsidiumsmitglied. Dazu käme noch die mögliche Doppelbelastung, wenn die Schiedsrichter noch selbst als Handballer aktiv sind.

Diese Problematik hat auch das Schiedsrichter-Gespann Holger Fleisch und Jürgen Rieber in einem Interview mit angemerkt. Beide leiten sowohl in der Handball-Bundesliga als auch international Handball-Spiele. „In unserem Heimatbezirk Esslingen/Teck in Baden-Württemberg wurden 50 neue Schiedsrichter ausgebildet, davon waren 48 unter 18 Jahre alt. Von diesen 50 bleiben aber nur zehn Prozent länger als drei Jahre dabei.“

Christoph Glenk merkt an, dass allein nur die Meldung von Unparteiischen – pro Mannschaft im Verein ein Schiedsrichter – nicht ausreichen würde. „Er wird nur in voller Wertung anerkannt, wenn er mindestens 15 Spiele geleitet hat. Das ist sowohl für aktive Spieler und Trainer nicht zu leisten.“

Wird das Schiri-Soll nicht erfüllt, gibt’s Geldstrafen für die Vereine. Ab der Saison 2021/22 drohen sogar Punktabzüge für die am höchsten spielende Mannschaft. Das könnte erhebliche Auswirkungen auf den Aufstiegs- oder Abstiegskampf haben. „Es geht gar nicht, dass so in die sportliche Leistung eingegriffen wird“, ärgerte sich Sebastian Elbers aus dem Vorstand der HSG Alpen/Rheinberg. Er ist froh, dass der Verein dem Handball-Kreis (HK) Wesel vier neue Schiris, allesamt Teenager, melden konnte. Und mit dem 13-jährigen Levin Jansen steht schon ein fünfter Jugendspieler bereit. „Er hat die Prüfung bestanden, ist aber noch zu jung.“ Erst ab 14 Jahren darf man im HK Wesel Spiele pfeifen. Auch der TuS Xanten hat drei Bewerber gefunden, die die Ausbildung machen wollen.

Kreis-Schiedsrichterwart Wolfgang Tecker weist daraufhin, dass die Kinder nach bestandener Prüfung nicht allein gelassen werden: „Ein erfahrener Kollege ist in den ersten Einsätzen als Betreuer dabei. Er hat auch die Aufgabe, dass es auf den Bänken ruhig bleibt, und er behält die Trainer im Blick.

Martin Mende will einen Punkt nicht unterschlagen: „Wir verzeichnen ein deutliches Verschlechtern der Umgangsformen in den Hallen. Verbal wird es immer ruppiger. Wir sind aber meilenweit entfernt vom Fußball. Glücklicherweise erleben wir keine körperlichen Angriffe.“

Christoph Glenk und seine Vorstandskollegen habe sich Gedanken gemacht, einen anderen Anreiz zu schaffen, um mehr Referees zu bekommen: „In unseren Augen wäre es besser, eine Art Belohnungssystem einzuführen. Wenn ein Verein genügend Schiedsrichter stellt, bekommt er zum Beispiel eine finanzielle Vergütung. Wir finden, dass der Handballverband das überall in der Gesellschaft zu beobachtende Problem des Mangels an Freiwilligen einfach an die Vereine weitergibt, ohne sich aktiv an einer konstruktiven Lösung zu beteiligen.“

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