Sonsbeck ist Rosi Flinterhoffs Revier geworden

Rosi Flinterhoff : Sonsbeck ist ihr Revier geworden

Rosi Flinterhoff kam 1976 aus Duisburg an den Niederrhein – anfangs ein Kulturschock. Doch ihre Tätigkeit als Lehrerin an der s’Grooten-Schule hat sie tief im Ort und in der Region verwurzelt.

Als erstes kam der Schock: „Du meine Güte, in wat für ’nem Kaff bisse denn hier gelandet?“ Das war der erste Gedanke, den Rosi Flinterhoff im Jahr 1976 hatte, als sie als junge Frau aus Duisburg nach Sonsbeck kam. „Das erste halbe Jahr war ich richtig krank“, sagt die heute 65-Jährige. Mehr als vier Jahrzehnte ist das inzwischen her. Eine Zeit, die aus dem Ruhrpott-Kind eine waschechte Sonsbeckerin gemacht hat. Ihr Beruf hatte das alternativ angehauchte Mädchen aus der Großstadt ins christlich verwurzelte Sonsbeck verschlagen. Im Alter von gerade einmal 23 Jahren trat Rosi Flinterhoff ihre Stelle als Lehrerin an der hiesigen Hauptschule an. Also half alles Jammern nichts. Flinterhoff blieb. 42 Jahre wurden es schließlich – die längste Zeit, die jemals ein Lehrer an der s’Grooten-Schule unterrichtet hat.

Flinterhoff arrangierte sich schnell mit der neuen Situation. „Ich musste mich im wahrsten Sinne integrieren und erstmal an alles gewöhnen. Karneval, Schützenverein, Frauenkegelclub – das gab’s bei uns zu Hause ja nicht.“ Zu Hause, das war für sie das Ruhrgebiet. 1953 als Tochter eines Bergmanns in Oberhausen geboren, war sie später die erste in ihrer Familie, die das Abitur machte. „Das war schon etwas Besonderes. Denn wenn man wie ich aus sehr einfachen Verhältnissen kam, traute man sich da eigentlich nicht dran.“ Doch mit ihrer aufgeschlossenen Art konnte sie ihre Lehrer für sich gewinnen. „Die haben mich gefördert und mir geholfen, meinen Weg zu gehen.“ Schließlich gelang ihr der Schritt an die Universität. In der Nachbarstadt Duisburg studierte sie auf Lehramt. „Ein Semester länger als vorgesehen, ich war nebenbei noch im Allgemeinen Studierendenausschuss aktiv.“

Schließlich führte sie ihr Weg im Sommer 1976 an die Hauptschule Sonsbeck. Was ihr von damals in Erinnerung geblieben ist? „Hinterm Lehrerzimmer gab es einen schmalen Schlauch von Raum, in dem geraucht werden durfte. Da sah man teilweise die Köpfe der Kollegen nicht mehr, weil alles so vernebelt war“, sagt die passionierte Raucherin mit einem verschmitzten Grinsen. „Zuletzt war ich mit die einzige, die noch zur Zigarette griff.“

Zuletzt, das war vor knapp drei Wochen. Der Beginn der Sommerferien markierte gleichzeitig das Ende der inzwischen zur s’Grooten-Hauptschule umbenannten Bildungsinstitution. Und das Ende von Flinterhoffs Karriere. Denn das, was sie sich anfangs niemals hätte vorstellen können, war am Ende Realität geworden: Ihr gesamtes Berufsleben – stattliche 42 Jahre – verbrachte Flinterhoff an der Sonsbecker Schule, wurde hier heimisch und sesshaft. Nur ein Jahr nach ihrer Ankunft in der niederrheinischen Gemeinde heiratete sie ihren Mann Dieter und brachte eine Tochter zur Welt.

In ihrem Garten erinnert sie ein mit Schülern erstellter Totempfahl an ihre Schulzeit. Foto: Fischer, Armin (arfi)

Doch auch andere Kinder lagen ihr am Herzen: ihre Schüler. „Irgendwann machte man mir das Angebot, Schulleiterin zu werden. Aber im Nachhinein bin ich froh, dass es nicht so gekommen ist. Ich brauchte immer die direkte Begegnung mit Kindern und Jugendlichen.“ Ihr Beruf war inzwischen auch ein Stück weit Berufung geworden. „Chaoten gab es immer, aber irgendwie hat man sie dann im Laufe der Jahre doch einfangen können. Diejenigen, die früher die schwierigsten Charaktere waren, sind heute die Vernünftigen.“ Richter, Architekten, Ingenieure – viele ihrer ehemaligen Schüler haben es zu etwas gebracht.

Doch nicht nur im Unterricht, auch bei außerschulischen Aktivitäten spannte sie ihre Schüler ein. „Für eine Karnevalssitzung mit dem Motto „Cowboy und Indianer“ haben wir aus einem Baumstamm einen Totempfahl geschnitzt und bemalt, das war ein richtig tolles Teil.“ Hinterher schmückte der Pfahl das Schulgelände, sollte vor einigen Jahren dann aber entsorgt werden. „Das wäre viel zu schade gewesen. Also hat mein Mann das Ding gerettet und in unseren Garten gestellt.“ Und da steht der Pfahl auch heute noch – als eine Art hölzerne Mahnung, dass man mit viel Geduld und Verständnis auch vermeintlich abgeschriebenen jungen Menschen zu ihrem persönlichen Glück verhelfen kann.

Und nun? „So richtig angekommen im Ruhestand bin ich, ehrlich gesagt, noch nicht, ich muss das erst einmal alles begreifen“, sagt Flinterhoff mit ein wenig Wehmut in der Stimme. Aber viel reisen wolle sie bald, auf jeden Fall nach Italien, vielleicht endlich mal nach Irland. „Und eventuell belege ich einen Schlagzeug-Kursus. Mein Mann sammelt Instrumente. Irgendwer muss darauf ja spielen.“

Und vielleicht wird sie eines Tages ihre Erfahrungen an ihre Enkelin weitergeben können. „Die will Grundschullehrerin werden.“ Möglicherweise wird Oma ihr ja erzählen, dass es eigentlich gar nicht so schlimm ist, wenn man die Heimat zunächst einmal verlassen muss, um anderswo sein eigenes Revier zu finden.

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