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Weiberfastnacht am Niederrhein: So jeck waren die Rathausstürme

Weiberfastnacht am Niederrhein : So jeck waren die Rathausstürme

Wozu auf die Kommunalwahl im September warten? In Rheinberg, Alpen, Sonsbeck und Xanten stand schon jetzt ein Machtwechsel an. Die alten Weiber haben die Kommunen erobert – mal gab es etwas Gegenwehr, mal ging der Schlüssel freiwillig in die nächste Hand.

Sonsbeck Das Kastell wurde kurzerhand in ein Spielkasino verwandelt, in dem Rathausmitarbeiter in Gangsterkostümen aus den 20er Jahren darauf warteten, die Möhnen zu bedienen. Die Getränkekosten teilten sich Volksbank und Gemeinde. „Ich hoffe, unsere Gemeinde bleibt trotzdem schuldenfrei“, flachste Heiko Schmidt. Bei allem Entgegenkommen, ganz so bereitwillig wollte der Bürgermeister den Rathausschlüssel dann doch nicht hergeben. „Wir wollten Spielcoupons von Steuergeldern kaufen. Jetzt kommt ihr und wollt das Geld versaufen“, begrüßte Schmidt die rund 100 stürmungswilligen Möhnen. Doch Obermöhne Lucia Baumgärtner machte dem Verwaltungschef einen Vorschlag, den dieser nicht ablehnen konnte: „Wir wollen mit euch tanzen, singen, essen und später eure Trinkfestigkeit messen.“ Eine Hürde galt es aber noch zu überwinden: Die Möhnen mussten erst am Glücksrad drehen und auf das Schlüsselsymbol hoffen. Gabi Maibaum gelang das auf Anhieb und ob Absicht oder nicht: Bürgermeister Schmidt erwischte das Feld „Küss mich“ und ließ sich von den Obermöhnen natürlich nicht zweimal bitten. Nach einem Likörchen für alle hielten die Möhnen den begehrten Schlüssel in den Händen und stürmten um 17.03 Uhr das Kastell.

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Xanten Als Tom der Zauberer empfing Bürgermeister Thomas Görtz vor dem Rathaus zum „Wahlzirkus 2020“ mehr als 140 Möhnen, die von ihm die Kontrolle über die Stadt einforderten. „Die Schulden konnte ich leider nicht wegzaubern, vielleicht kann ich euch ja etwas zähmen“, sagte Görtz schalkhaft und fuchtelte mit seinem Zauberstab umher. Er hatte sich in eine silberne Glitzermontur geworfen, mitsamt hochabsätzigen Plateauschuhen, Zylinder, und Plüschhäschen auf der Schulter. Görtz nahm die chaotischen Zustände der vergangenen Monate in seiner Partei aufs Korn. „Echte Freunde, die Hymne der CDU“, scherzte er, als der Spielmannszug zu musizieren begann. Im Rathaus gehe es manchmal wie im Zirkus zu, es gebe „Akrobaten, die Kapriolen schlagen“ und einige, die sich bereits ohne sein Zutun selbst „aus der Manege gezaubert“ hätten. Die Möhnen und Narren hüpften und tanzten, bildeten eine Polonaise, ehe sie gut gelaunt in den Sitzungssaal einzogen. Görtz hatte Obermöhne Nadine Kretschmer zuvor widerwillig den obligatorischen goldenen Schlüssel überreicht. Sie stichelte, er solle sich hinsichtlich der Kommunalwahl nicht zu sicher sein: „Wir werden sehen, wer dann hier steht vor all den Leuten.“

Rheinberg Das hat es in Rheinberg noch nie gegeben, da hat die Soko Altweiber um Obermöhne Silke Geerkens ganze Arbeit geleistet: Sagenhafte 150 Weiber haben gut gelaunt das Stadthaus gestürmt, haben gesungen, getanzt, gelacht und geschunkelt und sich eine Menge ausgedacht, wie sie dem schicken Torrero Francesco Tatzello den Schlüssel abluchsen können. „Heute starten die tollen Tage, bis Aschermittwoch hört man keine Klage“, reimte die Soko-Anführerin. Ihr gestrenger Möhnen-Befehl lautete: Erst nach Karneval darf wieder gemeckert werden. Im Nu hatte sich das wunderschön und bunt geschmückte Stadthallen-Foyer gefüllt, auf allen Etagen standen Cowboys, Prinzessinnen und Piraten und verfolgten den Kampf der alten Weiber um den Schlüssel. Aber erst einmal startete zur Musik der Berkas eine Polonaise – zum Rheinberger Karnevals-Klassiker „Wir wandern durch Rhinberk, von Bud- bis Ossenberg“. Die Möhnen hatten ein Quiz mit Fragen vorbereitet, die den Torrero nahezu verzweifeln ließen: Welche Konfektionsgröße hat der Prinz? Wer war die erste Obermöhne der Rhinberkse Jonges? Wie heißt die Obermöhne mit vollem Namen? Zu schwer für den angezählten Torrero. „Wir woll’n den Schlüssel seh’n!“, skandierten die Möhnen entschlossen. Francesco Tatzello gab sich geschlagen, rückte das Teil schweren Herzens heraus. Diesmal hatte der Stier gesiegt.

Alpen Mit leichter Verspätung, aber dann mit Macht bewegte sich der Zug der Alten Weiber um 17.18 Uhr aufs Alpener Rathaus zu, geleitet von Dorfschupo Andreas Mötter als Gelbweste. „Aus dem Wilden Westen haben wir einen gewaltigen Sprung gemacht“, so Marion Niedrig aus dem Führungsquartett des Möhnenkomitees völlig atemlos. Sie waren in den „goldenen 20ern“ angekommen, in denen es sich die Rathaus-Belegeschaft gemütlich gemacht hatte. Doch die Kraft der Obermöhne reichte, um dem wehrlosen Bürgermeister den Schlüssel – Thomas, der Vergessliche musste den erst holen – zu entreißen und die Macht zu übernehmen. Dann war das Feld frei. Nicht nur für völlig losgelöste Weiber. Auch für tiefsinnige politische Beobachter. Die sahen eine verblüffende Ähnlichkeit des Ober-Grünen Peter Nienhaus zum Chef im Rathaus. Beide hatten wohl denselben Schneider. Kenner deuteten den Dresscode als dezente Ankündigung eines grünen Bürgermeisterkandidaten. SPD-Schwergewicht Jörg Banemann ging als braver Groko-Cowboy in Rot-Schwarz, der Liberale „Hommen kam“ in Räuberzivil mit Narrenkappe des FC Kölle. Was das knallrote Kleid von Kämmerin Andrea Wessel signalisierte, kann man sich leicht ausmalen. Bezaubernd.