Roccofant in Xanten: Kuscheltiere aus Kleidung toter Verwandter

Näherin aus Xanten: Kuscheltiere aus Kleidung toter Verwandter

Jana Hellekamps aus Xanten näht aus Kleidungsstücken von Verstorbenen Stofftiere für die Angehörigen. Die Kuscheltiere sollen bei der Trauerarbeit helfen. Ihre Kunden kommen aus ganz Europa.

Es sind die Einschnitte im Leben, die viele Menschen bewegen, Gewohntes über Bord zu schmeißen, den Beruf an den Nagel zu hängen und Dinge zu tun, die einem helfen, mit der veränderten Situation zurecht zu kommen. So erging es auch Jana Hellekamps.

Die 46-Jährige schneidert Tröster, näht aus Kleidungsstücken Verstorbener Stofftiere für die Angehörigen. Bei ihr war es eine schwere Erkrankung, die die Mutter von drei Kindern vor sieben Jahren veranlasst haben, nicht länger als Lerntherapeutin in Grundschulen zu arbeiten.

Jana Hellekamps fertigt Stofftiere aus den
Jana Hellekamps fertigt Stofftiere aus den Kleiderstücken Verstorbener. Zwei Tage braucht sie meist dafür. Foto: Fischer, Armin (arfi)

Hellekamps ist in der Nähe von Dresden aufgewachsen, hat in der Schweiz eine Mischung aus Psychologie und Lehramt studiert, ist 2001 der Liebe wegen nach Alpen gezogen und lebt und arbeitet seit sechs Jahren in Xanten. Jeden Tag sitzt und arbeitet sie in ihrem Atelier an der Alten Brauerei 9. „Roccofant“ steht in großen Lettern vor der Eingangstür, Rocco heißt ihr Bruder, die beiden sind nur eineinhalb Jahre auseinander und haben ein sehr enges Verhältnis, obwohl er weit entfernt in der Nähe von Berlin lebt.

Wie der Name zustande kam? Den hat sie gefunden, als ihr Bruder eine schwere Lebenskrise hatte und den Vater, der 2000 verstorben ist, gebraucht hätte. Sie wollte dem Bruder ein Trostpflaster schicken. „Ich habe einen Pullover von unserem Vater gefunden und eine Pluderhose, die mein Bruder und ich als Kinder getragen haben“. Daraus hat Hellekamps einen Elefanten geschneidert, die Knöpfe eines Pullovers vom Vater wurden zu Augen des Elefanten. „Roccofant“ hat sie das Stofftier für den Bruder genannt – und zu ihrem Markenzeichen gemacht, das sie an jedes Tier näht, das man bei ihr in Auftrag gibt. Genau wie ein kleines rotes Herz, das sie aus eigenem Stoff schneidert. „Immerhin habe ich ja dem Tier zu Leben verholfen“, sagt sie.

Die 46-Jährige hat viel zu tun, ihre Kunden, zwischen 0 und 99 Jahren, kommen aus ganz Europa. Zu 80 Prozent ist ihre Arbeit Trauerarbeit. Mit den Tieren gibt sie Kindern und Eltern, die einen geliebten Menschen verloren haben, „etwas zum Begreifen“, gibt der Trauer ein Lächeln. „Das funktioniert immer“, sagt sie.

Erst kürzlich hat ein Freund für ihren Neffen ein Stofftier in Auftrag gegeben. Der 30-Jährige hatte seinen geliebten Großvater verloren, an dem er sehr gehangen hat. Der Freund brachte Sakko, Hemd und Krawatte des Opas, außerdem vom Enkel ein T-Shirt mit einem aufgedruckten Emblem. Und auch der Euro, den er in dem Sakko noch gefunden hatte, sollte in das Stofftier eingearbeitet werden. „Na, dann machen wir daraus ein Känguruh“, schlug Jana Hellekamps vor. Und sie ist sicher, dass es Tränen gibt, wenn der Enkel in den nächsten Tagen das Stofftier bekommt. „Egal, ob Kinder oder hart gesottene Männer: Es fließen immer Tränen, wenn die Angehörigen ihre Tiere holen“.

Jana Hellekamps zeichnet alle Schnittmuster selber, sitzt dabei auf ihrem gemütlichen Sofa im Atelier. Sie näht (fast) alles mit der Hand, alle Tiere sind Unikate, keines ist wie das andere. Zwei Tage sitzt sie an einem Stofftier. „Ich beginne immer mit dem Kopf, damit es mich ansieht, wenn ich weiter arbeite“, sagt sie und lacht. Ganz zum Schluss kommt Öko-Füllwolle in die Tiere, sie kosten ab 99 Euro. Beim Nähen hat die 46-Jährige stets ein Headset auf, hört zu, wenn Angehörige von ihrem Leid, ihrer Trauer erzählen.

Jeden ersten Mittwoch im Monat repariert Jana Hellekamps von 15 bis 18 Uhr Stofftiere, die Kinder ihr bringen. „Dann bis ich Frau Dr. Eledil“, erzählt sie. Und während sie es sagt, schweifen ihre Gedanken zurück in die eigene Kindheit. An die Geschichten, die er ihr und den drei Brüdern immer erzählt und vorgelesen hat. So wie die vom Krokofanten und Eledil. Die Tiere, die man ihr bringt, macht sie kostenfrei wieder heil, als Entlohnung freut sie sich über ein Bild, das Kinder ihr malen, oder über etwas selbst Gebasteltes, das sie mit bringen.