Protestfahrt der Bauern von Wesel über Xanten nach Rees bremst den Niederrhein aus

Hunderte Trecker passieren Xanten : Bauern-Protest bremst den Niederrhein aus

Protestierende Landwirte verschaffen sich mit ihren kilometerlangen Konvois von Wesel über Xanten nach Rees sowie nach Bonn Gehör. Der Verkehr kam teilweise komplett zum Erliegen.

Am Niederrhein haben Verkehrsteilnehmer in Wesel, Xanten und Rees am Dienstagmorgen den Unmut der Niederrhein-Bauern auf den Straßen deutlich zu spüren bekommen. Ein Treckerkonvoi sorgte zeitweise für Stillstand auf den Straßen. Besonders betroffen waren am frühen Morgen die Weseler Rheinbrücke und ihre Zubringer, weil sich hier eine lokale Aktion mit mehreren Hundert Schleppern gleich mehrmals auswirkte. Die Weseler Niederrheinhalle war der zentrale Sammelpunkt für den regionalen Demonstrationszug übers linksrheinische Xanten zum rechtsrheinischen Rees. Zuvor hatten sich schon Hunderte Treckerfahrer aus Niedersachsen mit niederrheinischen Kollegen in Alpen für den Zug nach Bonn gesammelt.

Wesel, 7.30 Uhr: In noch tiefschwarzer Nacht weisen gelbe Rundumlichter der Traktoren den Weg zur Niederrheinhalle. Unaufhölich rollen sie über die Dinslakener Landstraße heran. Die ist so schmal, dass trotz separater Spur allein das Linksabbiegen der breiten Bauern-Vehikel zur Bahnunterführung schon für Rückstaus bis zum Bahnhof sorgt. An der Halle steht Ortsbauer Carsten Schmäh mit Warnweste auf der Straße und weist die Neuankömmlinge auf den Parkplatz ein. Der ist bald voll. Das Gros der Kolonne, darunter auch Lkw, Kleintransporter und andere Kraftfahrzeuge, weicht auf den großen Parkplatz an der Rundsporthalle aus. Dort sind auch bald die Wege zwischen den Stellflächen belegt. Die Polizei zählt bis 8 Uhr 223 Trecker und weiß, dass noch einige unterwegs sind.

Die Stimmung unter den Bauern ist gemischt. Die Bandbreite reicht von aufgekratzt und kampflustig über enttäuscht bis niedergeschlagen. Die Spruchbänder an den Fahrzeugen drücken indes eindeutig die Sorgen der Branche um ihre Zukunft aus. Günther Wanitschke, Ortsbauer aus Kamp-Lintfort, bringt es auf den Punkt. „Mein Enkel möchte gerne Bauer werden. Aber das könne wir ihm doch gar nicht mehr zumuten“, sagt er. Die Kamp-Lintforter Nachbarn Lars Pittgens und Heinrich Kühne sowie der Weseler Carsten Schmäh nicken. Alle freuen sich über jeden neun Trecker, der auf den Platz kommt. Mit so einem breiten Zusammenhalt hat keiner gerechnet. „Und unserer Frauen machen jetzt zuhause unsere Arbeit“, betont Wanitschke. „Das Vieh muss ja versorgt werden.“ Die Linksrheiner berichten von dem anderen Konvoi, der sich um 4 Uhr beim Landhandel Lemken in Alpen zur Abfahrt nach Bonn getroffen hat. 400 sollen es gewesen sein. Dann bricht auch der Weseler Treck auf, verstopft zunächst den Kreisverkehr auf der Kurt-Kräcker-Straße und nimmt dann Kurs auf die Rheinbrücke. Noch eine gute Stunde später ist auf der Reeser Landstraße zu spüren, dass es vorne, an der Südring-Kreuzung vor der Rheinbrücke, gerade irgendwie nicht weitergeht. Gewiefte Büdericher mit Arbeitsstelle in der Stadt beispielsweise hatten ihr Auto wohlweislich stehenlassen und waren aufs Rad umgestiegen.

Ein Blick aus der Luft lässt nur erahnen, wie lang sich der Protest-Konvoi über den Niederrhein schlängelte. Auf der B57 (l.o.n.r.u.) reiht sich ein Traktor an den nächsten, während die übrigen Verkehrsteilnehmer warten müssen. Foto: Arnulf Stoffel (ast)


Xanten, 10 Uhr: Ruhe vor dem Sturm. Noch ist hier alles wie immer – fast. An der Ecke B57/ Augustusring haben sich mehrere Einsatzwagen der Polizei positioniert. Sie warten, bis die Kolonne der Landwirte auch hier anrollt. „Dann sperren wir die Kreuzung, damit die Traktoren zügig durchfahren können und es zu keinem Chaos kommt“, so Oberkommissarin Janine van Geldern von der Kreispolizei Wesel. Das hatte es morgens insbesondere auf der Rheinbrücke gegeben, über die die Teilnehmer der Protestaktion von Wesel aus nach Rees gestartet sind. „Teilweise wurde extrem langsam und sogar nebeneinander gefahren – da kam niemand mehr vorbei“, berichtet van Geldern. „Wir können verstehen, dass die Landwirte ihren Protest deutlich machen wollen. Trotzdem war das anders abgesprochen.“

Gegen 10.20 Uhr tut sich etwas: Polizisten auf Motorrädern fahren den Protestlern voraus und kündigen deren Ankunft an. Wenig später rollen laut hupend die ersten Trecker an. In einem der ersten sitzt Georg Biedemann, einer der Organisatoren der Aktion im Kreis Wesel. An seinem dunkelblauen Trekker prangt ein Schild mit der Aufschrift „Bauer platt, Teller glatt“. Der Landwirt sitzt mit einer gelben Warnweste hinter dem Steuer und ist mit dem bisherigen Verlauf sichtlich zufrieden: „So etwas wie heute hat es unter Landwirten noch nie gegeben. Wir sind viel mehr als erwartet, und es schließen sich auf der Strecke immer mehr an“, erzählt er.

Foto: Fischer, Armin (arfi)

So auch ein paar Meter weiter an der Kreuzung B57/ Am Rheintor, wo sich vor ihm ein Xantener mit seinem Traktor einreiht – die restlichen Autos müssen warten, auch hier hat die Polizei eine Sperrung eingerichtet. Ein paar Schaulustige stehen vor dem Parkplatz und winken, Georg Biedemann winkt zurück. „Ich habe den Eindruck, dass viele hinter unserer Aktion stehen“, meint er. Der Protest sei längst überfällig gewesen, schon lange seien die Landwirte unzufrieden mit den politischen Entscheidungen. „Das Agrarpaket hat das Fass zum Überlaufen gebracht.“ Nicht alles daran sei schlecht, aber einzelne Punkte wie die Düngeverordnung oder der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln sei nicht durchdacht. „Über diese Punkte würden wir gerne reden.“

Unter den Teilnehmern sind auffallend viele junge Menschen. „Die machen sich natürlich Sorgen um ihre Zukunft und fragen sich, ob sie mit der Landwirtschaft noch Chancen haben“, erklärt Georg Biedemann, der von Schweinehaltung und Ackerbau lebt. Auch sein Sohn sei heute aktiv dabei – allerdings auf der größeren Protestfahrt nach Bonn. „Er hat auch den moderneren Traktor“, fügt er schmunzelnd hinzu, während er seinen Traktor weiter Richtung Rees lenkt. Ihm folgen rund 200 weitere Schlepper, viele von ihnen mit großen Schildern. Aufschriften wie „No farmers, no food, no future“ und „Opa, was ist ein Bauer?“ erinnern an die Dringlichkeit von Fridays for future. Auch Konsequenzen für die Verbraucher werden aufgezeigt: „Ist der Bauer ruiniert, wird dein Essen importiert“. Aber vor allem eins wird deutlich: der Wunsch nach Dialog: „Wir sind noch da. Hört uns bitte zu! Wir beißen nicht.“ und „Wir brauchen euch!“. Gegen kurz nach 11 Uhr fährt der letzte Schlepper über die Kreuzung, die Polizei gibt die Straßensperrungen unmittelbar wieder frei.

Rees, 13 Uhr: Am Ende werden zwar die Stellplätze am Reeser Westring knapp, wo sich die Bauern schließlich zu ihrer Abschlusskundgebung versammeln. Ein Verkehrschaos bleibt hier aber aus. Dafür sorgt auch die Polizei, die den Korso begleitet hatte. Um die Statik der Rheinbrücke in Rees nicht über Gebühr zu beanspruchen, durften immer nur wenige Traktoren in einer Reihe fahren.

Biedermann dankt den Landwirten für die rege Teilnahme. Und dann gibt es endlich etwas, um sich zu stärken. Mehrere Firmen aus der Region versorgen die Protestler nach mehreren Stunden Fahrt mit Getränken, Würstchen und Schnitzeln. Protest macht hungrig.

Foto: Fischer, Armin (arfi)

Mittags stellt dann schließlich die Kreispolizei Wesel fest, das rund 1000 Trecker ihr Revier durchquert haben. Einsatzleiter Rüdiger Kunst zieht ein positives Fazit: „Angesichts einer kilometerlangen Fahrzeugschlange ließen sich Verkehrsstörungen natürlich nicht vermeiden. Ich freue mich, dass alle Beteiligten besonnen auf die Beeinträchtigungen reagiert haben und so eine friedliche Demonstration gewährleistet werden konnte.“

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