Propst Klaus Wittke: In 20 Jahren ist es auch noch schön im Himmel

Xantener Domprobst nach seinem Schlaganfall : „Ich war sicher, dass es nicht zu Ende geht“

Vor einem halben Jahr erlitt der Xantener Dompropbst Klaus Wittke einen Schlaganfall. Er konnte nicht mehr sprechen und musste selbst "Ja" und "Nein" erst wieder lernen. Im Interview spricht er über den Weg zurück in den Alltag, über Angst und Gottvertrauen.

Dompropst Klaus Wittke empfängt uns in seinem Arbeitszimmer. Ein halbes Jahr ist vergangen, seitdem er im Oktober einen Schlaganfall erlitten hat. Es ist ihm nicht anzusehen. Das höre er oft, sagt der Propst. „Aber ich kann noch nicht wieder alles.“ Trotzdem ist er früh wieder öffentlich aufgetreten, mittlerweile predigt er auch wieder. Er habe sich nicht zurückziehen wollen, erklärt der Propst im Gespräch mit unserer Redaktion. „Man braucht den menschlichen Kontakt.“

Propst Wittke, der Schlaganfall ist ein halbes Jahr her. Wie geht es Ihnen heute?

Propst Klaus Wittke Es geht mir ganz gut. Aber ich kann noch nicht wieder alles so wie vorher. Ich bin nicht belastbar, brauche Ruhezeiten und Zeit zum Spazierengehen. Luft tut mir gut. Ich blühe jetzt auf. Wie die Natur. Ich habe schon gedacht, dass es ein Geschenk war, dass ich den Schlaganfall im Herbst und Winter hatte und jetzt die Natur wieder genießen kann.

Wie sieht Ihr Alltag aus?

Wittke Ich arbeite etwas, dann habe ich Logopädie und Sprachunterricht. Ich beschäftige mich mit Lesen. Aber schwere theologische Literatur überfordert mich. Abendtermine habe ich auch kaum. Der Tag ist aber nicht von Langeweile geprägt, weil ich für viele Dinge mehr Zeit brauche, und ich nehme mir die Zeit.

Im Gespräch ist Ihnen kaum etwas anzumerken.

Wittke Es ist natürlich viel besser, als in den ersten Wochen nach dem Schlaganfall. Aber es ist immer noch ein Ringen um Worte.

Sie haben die Sprache wieder komplett lernen müssen?

Wittke Sogar „Ja“ und „Nein“ musste ich wieder lernen. Am zweiten oder dritten Tag konnte ich es auch sagen, aber ich warf es durcheinander. Wenn jemand mich fragte, ob ich Durst habe, sagte ich „Nein“ und wollte eigentlich etwas zu trinken haben. Auch das Glaubensbekenntnis musste ich erst wieder lernen. Und die Uhr. Ich habe mir gesagt: Du musst Dir das aufschreiben, wie wir das sagen: Viertel nach sechs, halb sieben, viertel vor sieben, sieben Uhr. Dann habe ich die Uhr in meinem Kopf gedreht und mir gesagt, Du musst das können. Nach drei, vier Tagen habe ich es wieder gekonnt.

Wie schwer ist es, dabei geduldig zu bleiben?

Wittke Am Anfang, die ersten zwei, drei Monate, hat man Erfolge. Aber dann geht es nur noch in kleinen Schritten weiter. Ich habe auch jetzt noch Logopädie. Wir lesen Texte, ich erzähle die Texte nach, wir diskutieren darüber, weil ich meine, mit der Sprache muss ich umgehen können. Aber dann habe ich das Gefühl, dass ich seit drei Wochen keinen Erfolg mehr hatte. Bis ich etwas sage oder mache und denke, dass ich das jetzt wieder so kann wie früher. Dann habe ich wieder einen kleinen Erfolg. Aber es muss noch vieles zurückkommen. Ich verlasse mich dabei auf die Aussagen der Ärzte, und die haben mir gesagt, dass ich mich auf ein Jahr einstellen soll, bis es mir weitgehend wieder gut geht.

Erinnern Sie sich noch an den Tag, als sie den Schlaganfall hatten?

Wittke Ja. Ich bin ganz normal aufgestanden, habe mich angezogen, die Kaffeemaschine eingeschaltet und wollte mit dem Diakon frühstücken. Ihm fiel auf, dass ich Teller und Messer, aber Gläser gedeckt hatte, und eigentlich müsste man Tassen decken. Mir fiel dann auf, dass ich Brötchen in der Mikrowelle auftauen wollte und die Mikrowelle nicht anbekommen habe. Der Diakon hat dann den Notarzt gerufen.

Haben Sie ein Wort herausbekommen?

WittkeNein. Ich weiß aber nicht mehr, ob ich den Mund überhaupt bewegt habe. Später in der Reha ist mir aufgefallen, dass ich keine Zungenbewegungen mehr machen konnte. Mit der Zunge schnalzen oder dicke Backen machen, das konnte ich nicht mehr, das musste ich erst wieder lernen, dabei hat mir die Logopädie geholfen, und ich habe Übungen vor dem Spiegel gemacht.

Haben Sie in den vergangenen Monaten Angst gespürt?

Wittke Nein. Mein Leben liegt in Gottes Hand, davon bin ich überzeugt, und ich war mir sicher, dass es noch nicht zu Ende geht. Ich habe mir gesagt, dass es in 20 Jahren auch noch schön im Himmel ist und ich dann immer noch dorthin gehen kann.

Wieso haben Sie den Mut nicht verloren?

Wittke Ich habe wirklich Gottvertrauen, ich fühlte mich nicht verlassen. Ich habe mir gesagt: Du gibst die Hoffnung nicht auf. Das war für mich ein Zeichen, dass Gott mir zur Seite steht.

Selbst als Sie spürten, dass etwas nicht in Ordnung ist, haben Sie den Mut nicht verloren?

Wittke Ja, weil Menschen bei mir waren, der Diakon, meine Geschwister, ein Freund. Ich habe so viel Zuspruch erfahren, auch von meiner Gemeinde und meiner früheren Gemeinde. Das war phänomenal.

Haben Sie zwischendurch gedacht: Lieber Gott, welche Prüfung legst Du mir auf?

Wittke Eigentlich ist man als Priester ja auf das Wort angewiesen, die Verkündigung ist alles, was wir haben. Deshalb war die Diagnose der Ärzte erst einmal niederschmetternd. Da habe ich mir gedacht: Wie soll das alles gehen? Aber ich hatte schon am zweiten Tag Logopädie und habe die ersten sieben Worte gelernt. Ich habe sie zwar durcheinander geschmissen, aber es war das Wort Wasser dabei. Es wirkte auf mich wie ein Lebenselixier. Ich habe mir gedacht: Das Wort Wasser musst Du Dir merken, weil Wasser für die Taufe wichtig ist. Das hat mich bestärkt.

Sie sind im Januar wieder öffentlich aufgetreten, nur drei Monate nach dem Schlaganfall.

Wittke Der Lebensort Xanten ist für mich wichtig. Ich wollte und konnte mich nicht zurückziehen. Es ist mir auch ein Anliegen, auf die Menschen zuzugehen. Es gibt mir Rückhalt. Ein Beispiel: Ich bin spazieren gegangen und habe zufällig eine Frau getroffen, die mich begrüßte und sagte, ich würde sie nicht kennen, aber sie wäre hin und wieder im Dom und sei glücklich, dass ich wieder da bin. Darüber könnte ich jetzt noch weinen. So eine Zuwendung ist wirklich grandios.

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