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Xanten: Pferdepipi macht den guten Ton

Xanten : Pferdepipi macht den guten Ton

Bei der ersten internationalen Fachtagung im Xantener Römermuseum beschäftigen sich Wissenschaftler mit „Terra Sigillata“, dem Porzellan der Antike. Das neue Museum verzeichnet exzellente Besucherzahlen.

Wunderschön sieht er aus, dieser Trinkbecher, den Dr. Bernd Liesen da hält. Ein feines Blattmuster ziert ihn. Die Oberfläche glänzt wie glasiert. Das Material ist dünn, fein, fast wie Porzellan. Und wäre der Becher nicht sichtlich aus mehreren Scherben rekonstruiert worden, man käme kaum auf den Gedanken, dass er alt sein könnte. Tatsächlich zählt er aber schon 2000 Lenze. Er stammt aus dem ersten Jahrhundert und wurde aus einem Material gemacht, das Fachleute Terra Sigillata nennen.

Diesem „Porzellan der Antike“ ist gestern und heute die erste internationale Fachtagung im Römermuseum gewidmet. Wissenschaftler aus Deutschland, den Niederlanden und Frankreich hören 16 Referenten und diskutieren. Bernd Liesen, wissenschaftlicher Fundbearbeiter im Archäologischen Park Xanten, leitet die Tagung.

Terra Sigillata ist in der Archäologie von besonderer Bedeutung. In Millionen Stücken fertigten einige wenige Manufakturen im Römischen Reich Teller, Tassen, Schalen. Gebrauchsgegenstände zwar, die aber, nicht zuletzt aufgrund weiter Handelswege, doch einen gewissen Luxuscharakter hatten und eine Zierde für jeden antiken Haushalt waren. Die Dekorationen, Muster und Figuren auf den Waren sind so charakteristisch, dass die Wissenschaftler sie einzelnen Manufakturen und oft sogar bestimmten Töpfern zuweisen können.

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Bis heute unnachahmlich

In der Colonia Ulpia Trajana wurde Terra Sigillata nie hergestellt. Gleichwohl wird sie im heutigen Xanten in Massen gefunden. „Man braucht nur einen Stein hinter den Rücken zu werfen und dort zu graben“, ulkte gestern APX-Leiter Dr. Martin Müller. In der Römerstadt mangelte es an dem kalkhaltigen Ton, der als Rohstoff benötigt wurde. Die Töpfer hüteten übrigens ihre Produktionsgehemnisse. „Manche mischten Pferde-Urin in den Ton, um ihn geschmeidiger zu machen“, erklärte Bernd Liesen. Die Gehemnisse des römischen Massenerzeugnisses sind noch lange nicht alle gelüftet. Selbst mit den heute zur Verfügung stehenden technischen Mitteln, so Liesen, lasse sich Terra Sigillata in ihrer Feinheit nicht originalgetreu nachbilden.

Lob in ganz Deutschland

APX-Leiter Dr. Müller freute sich gestern nicht nur über die Aufmerksamkeit der Wissenschaft für das neue Römermuseum. Quer durch die Republik werde das Museum gelobt. Die Besucherzahlen sprechen für sich: In den ersten zehn Wochen waren 82 000 Menschen da. Das bringt weiteren Aufschwung für den APX: In diesem Jahr hatte er bisher 390 000 Besucher, im ganzen Jahr 2007 waren es 343 000. „Wir sind das bestbesuchte Museum für römische Archäologie in Deutschland“, freute sich Müller. Und was die Antike insgesamt angeht, habe nur das Pergamonmuseum in Berlin noch bessere Zahlen. Doch dieser kleine Triumph sei der Bundeshauptstadt gegönnt.

(RP)