Debatte um Notarztstandorte „Die Pläne vom Kreis werden Leben kosten“

Xanten/Rheinberg · Der Xantener Mathias Kolloch war schon zweimal auf die Hilfe eines Notarztes angewiesen, sein Nachbar Tobias Fuß war immer als Ersthelfer bei ihm. Sie warnen davor, die Notarztstandorte von Xanten und Rheinberg nachts in Alpen zusammenzulegen.

Der Xantener Mathias Kolloch brauchte schon zweimal nachts die Hilfe eines Notarztes, zuletzt vor vier Wochen. Nachbar Tobias Fuß (l.) war jedes Mal als Ersthelfer vor Ort. Er setzte sich schon als Leiter des Xantener Ordnungsamtes (bis Ende 2019) für den Erhalt des Xantener Notarztstandortes ein.

Der Xantener Mathias Kolloch brauchte schon zweimal nachts die Hilfe eines Notarztes, zuletzt vor vier Wochen. Nachbar Tobias Fuß (l.) war jedes Mal als Ersthelfer vor Ort. Er setzte sich schon als Leiter des Xantener Ordnungsamtes (bis Ende 2019) für den Erhalt des Xantener Notarztstandortes ein.

Foto: RP/Markus Werning

Herr Kolloch, Sie hatten vor wenigen Wochen nachts einen Krampfanfall, der Notarzt musste kommen. Ihr Nachbar, Herr Fuß, war als Ersthelfer vor Ort. Wie haben Sie beide die Situation erlebt?

Mathias Kolloch Ich kann mich an gar nichts mehr erinnern. Das ist komplett weg. Das musst Du erzählen, Tobias.

Tobias Fuß Als ich herüberkam, lag Mathias auf dem Boden des Wohnzimmers und hatte einen Krampfanfall. Seine Frau hatte mich angerufen, es war morgens gegen Viertel vor Fünf gewesen, sie hatte auch schon den Notruf abgesetzt. Bis der Rettungsdienst eintraf, ging es also darum zu verhindern, dass Mathias die eigene Zunge verschluckt und erstickt, das kann bei einem Krampfanfall passieren. Außerdem kann man sich durch die unkontrollierten Zuckungen verletzen. Deshalb habe ich ihn in die stabile Seitenlage gelegt und aufgepasst, dass er nirgendwo anschlägt.

Ließ der Krampfanfall nach?

Tobias Fuß Nein. Es war ein außergewöhnlich heftiger Krampfanfall. Normal dauert es drei, vier, vielleicht fünf Minuten, bis so etwas vorbei ist. Danach sinken die Betroffenen in eine Art Tiefschlaf, weil sie vom Verkrampfen so erschöpft sind, aber sie atmen dann wieder normal. Bei Mathias war es dagegen so, dass der Krampfanfall weiterging, auch dann noch, als der Rettungsdienst eingetroffen war.

Wann kam der Rettungsdienst?

Tobias Fuß Er war sehr schnell da, kurz danach kam auch der Notarzt, und er konnte die notwendigen Maßnahmen einleiten. Aber Rettungsdienst und Notarzt haben die Situation erst in den Griff bekommen, als sie potente Medikamente spritzten, damit konnten sie den Krampfanfall durchbrechen. Mathias bekam dann noch Sauerstoff, wurde in den Rettungswagen getragen und zum Evangelischen Krankenhaus nach Wesel gefahren.

Sie beide haben sich an unsere Redaktion gewandt, nachdem wir über die Überlegungen der Kreisverwaltung zum Xantener Notarztstandort berichteten, und Sie wollten diesen Fall schildern. Warum?

Mathias Kolloch Ich habe die Berichte gelesen, aber ich hätte nicht verstanden, welche Konsequenzen drohen, wenn ich nicht selbst schon in der Situation gewesen wäre, dass ein Notarzt mich retten musste. Die Debatte um die Notarztstandorte ist solange ein abstraktes Thema, bis Sie selbst darauf angewiesen sind, dass ein Notarzt vor Ort ist. Und ich bin der Meinung, dass jeder ein Anrecht darauf hat, im Ernstfall rechtzeitig Hilfe zu bekommen.

Tobias Fuß Der Kreis Wesel behauptet, dass es künftig nur wenige Fälle seien, in denen der Notarzt nicht rechtzeitig vor Ort sei. Ich bezweifle, dass es statistische Ausnahmefälle sind, und mir ist es wichtig, deutlich zu machen, dass hinter diesen Fällen auch immer Menschen und Familien stehen, die in größter Not sind und dringendst Hilfe brauchen. Das ist viel wichtiger, als Einsatzzahlen aus der Corona-Zeit zu betrachten, die nicht valide sind. Wenn ich die Erklärungen vom Kreis Wesel lese, regt mich das auf, weil er auf angebliche Einsparpotenziale guckt und das noch als Verbesserung verkauft. Das ist nicht richtig, und es geht hier um Menschenleben.

Nach welchen Kriterien sollten die Notarztstandorte beurteilt werden?

Tobias Fuß Bei den Notarztstandorten ist primär zu beachten, ob die Notärzte in der vorgegebenen Zeit von 15 Minuten jeden Ort im Einsatzgebiet erreichen können. Von einem potenziellen Standort in Alpen aus sind aber große Teile vom Xantener Stadtgebiet nicht innerhalb von 15 Minuten zu erreichen. Sie müssen auch berücksichtigen, dass Notfälle zeitgleich auftreten können. Das kommt regelmäßig vor. Momentan helfen sich die Notarztstandorte in Xanten und Rheinberg dann gegenseitig aus. Aber wenn einer der Standorte wegfällt, dann haben wir nachts nur noch einen Notarzt für Xanten, Rheinberg, Alpen und Sonsbeck. Aber es gibt regelmäßig Fälle, in denen der Notarzt schon im Einsatz ist und ein weiterer Notruf eingeht. Dann muss Unterstützung von einem der nächst gelegenen Notarztstandorte angefordert werden, zum Beispiel aus Wesel. Der dortige Notarzt hat aber einen noch weiteren Weg bis nach Xanten oder Rheinberg, abgesehen davon, dass auch er schon in einem Einsatz sein kann. Die Pläne des Kreises können also Menschenleben kosten.

Wie wäre die Rettung Ihres Nachbarn ausgegangen, wenn der Notarzt später gekommen wäre?

Tobias Fuß Ich bin kein Mediziner, aber ich bin mir sehr sicher, dass mein Nachbar heute hier nicht sitzen würde, wenn der Notarzt nicht rechtzeitig eingetroffen wäre. Während eines Krampfanfalls haben Sie keine effiziente Atmung, also sinkt der Sauerstoffgehalt in Ihrem Körper, was ein erhebliches Problem werden kann, je länger der Krampfanfall dauert. Stellen Sie sich vor, Sie haben eine minimalste Atmung, und der Sauerstoffgehalt in Ihrem Blut sinkt – von so etwas können Sie schwere neurologische Schäden davontragen oder sterben. Mathias’ Krampf war nicht anders zu durchbrechen gewesen als mit Medikamenten, aber die Medikamentenabgabe ist eine Notarztaufgabe.

Der Kreis Wesel spricht von 250.000 Euro Mehrkosten, wenn beide Standorte nachts besetzt blieben. Können Sie dieses Argument nachvollziehen?

Tobias Fuß Natürlich muss man auf Kosten achten. Aber ich finde es müßig darüber nachzudenken, Menschenleben in Geld aufzurechnen. Wer will sich das anmaßen? Es geht um die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung, die gesetzlich vorgeschrieben ist, und zur kommunalen Sicherheitsinfrastruktur gehört es, dass ein Notarzt genauso wie Polizei und Feuerwehr rechtzeitig die Einsatzstelle erreichen kann. Das sehe ich durch die Pläne vom Kreis Wesel gefährdet. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass ein Zusammenschluss der Notarztstandorte nachts in Alpen Menschen das Leben kosten wird.

Warum?

Tobias Fuß Wir sind eine Flächengemeinde. Wir haben zwischen der Südgrenze Rheinbergs und der Nordgrenze Xantens große Strecken zu überwinden. Hinzu kommt, dass Xanten ein Akutkrankenhaus ist, aber kein Krankenhaus der Maximalversorgung. Es kommt regelmäßig vor, dass ein Notfall zwingend in einer großen Klinik behandelt werden muss. Der Notarzt begleitet den Patienten dann bis zu diesem Krankenhaus. In dieser Zeit ist er unterwegs. Solange müssen weitere Notfälle von einem anderen Notarzt aufgefangen werden.

Mathias Kolloch Bei meinem ersten Notfall im November 2016 war der Notarzt mehrere Stunden gebunden. Er fuhr mit mir zum Krankenhaus nach Xanten und von dort weiter nach Krefeld.

Was war damals passiert?

Mathias Kolloch Ich war ins Bett gegangen und wollte schlafen. Mein Sohn kam nach Hause und hörte Geräusche aus dem Schlafzimmer, die ihn beunruhigten, wie er später erzählte. Er rief dann den Notarzt.

Tobias Fuß Aus den Arztbriefen geht hervor, dass um 1.49 Uhr ein Notfall mit Atemnot gemeldet wurde. Ich war damals auch herübergekommen, um zu helfen. Das Problem war, dass Mathias Mageninhalt aspiriert hatte, und die Lunge vollstand, es kam kein Sauerstoff mehr hinein. Als Mathias in den Rettungswagen gebracht wurde, setzte der Herzschlag aus, er musste reanimiert werden. Der Notarzt hat getan, was er konnte, um ihn zu retten. Er hat ihn nicht aufgegeben. Ein paar Wochen später sind wir zusammen zur Rettungswache gegangen, um den Leuten, die in der Nacht Dienst hatten, zu danken…

Mathias Kolloch … Die haben vielleicht geguckt, als sie mich sahen. Die hatten nicht geglaubt, dass ich es schaffe. Der Notarzt ist mit mir zu seiner Chefin gerannt und hat gesagt: Der lebt noch, ich war es! Es war Wahnsinn, was er für mich gemacht hat.

Tobias Fuß Auch damals hätte der Notarzt nicht eine Minute später kommen dürfen. Sonst würde Mathias heute hier nicht sitzen. Natürlich sind auch auf dem Rettungswagen qualifizierte Leute. Aber Mathias musste reanimiert werden, er musste intubiert werden, ihm mussten Medikamente gespritzt werden, das sind ärztliche Aufgaben. Und jeder von uns, vom Baby bis zum Greis, kann in eine Situation kommen, in der er die Hilfe eines Notarztes braucht. Verkehrsunfälle, Herzinfarkte, Schwächeanfälle, Schlaganfälle, Krampfanfälle – solche Dinge passieren. Nicht täglich. Aber irgendwann kommt der Tag. Deshalb glaube ich, dass sich jeder gegen die Pläne wehren muss, dass zugunsten hochfraglicher Einsparpotenziale diese notärztliche Infrastruktur reduziert wird.

(wer)