Landwirtschaft im Umbruch Ukraine-Krieg beflügelt Ergebnis der Agrar-Genossenschaft

Niederrhein · Erhebliche Preisanstiege stellten die Agriv zwar vor Herausforderungen im Geschäftsjahr 2021/2022. Besonders bei Dünge- und Pflanzenschutzmitteln sowie im Futtermittelhandel konnten dadurch aber deutlich höhere Umsätze erzielt werden. Verlierer ist das Viehgeschäft.

 Agriv-Vorsitzender Hans-Josef Gräven bei seiner Begrüßung im vollbesetzen Saal. Auch per Livestream waren Hunderte Gäste zugeschaltet.

Agriv-Vorsitzender Hans-Josef Gräven bei seiner Begrüßung im vollbesetzen Saal. Auch per Livestream waren Hunderte Gäste zugeschaltet.

Foto: AgriV/Agriv

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat in der Agrar-Wirtschaft eine Zäsur gesetzt. Ein stark schwankender Markt und der Wegbruch von Warenströmen und Lieferketten setzten auch die landwirtschaftliche Genossenschaft Agriv vor erhebliche Herausforderungen. „Wir haben mittlerweile in allen Produktbereichen mit extremen Kostensteigerungen zu kämpfen“, sagte der Agriv-Vorsitzende Hans-Josef Gräven bei der Generalversammlung der Genossenschaft, die zum zweiten Mal als hybride Veranstaltung mit knapp 300 Gästen in der Stadthalle Vennehof in Borken und rund 400 Teilnehmern am Bildschirm stattfand. Doch nicht zuletzt aufgrund dieser Preisanstiege konnte die Genossenschaft ein „mehr als zufriedenstellendes“ Jahresergebnis erzielen. Der Gewinn belief sich auf 2,1 Millionen Euro, nach 1,2 Millionen Euro im Vorjahr. Die Mitglieder profitieren davon in bisher höchstem Ausmaß: So werden fast 1,1 Millionen Euro an Warenrückvergütung ausgezahlt. Wir geben einen Überblick über die einzelnen Geschäftsbereiche.

Viehgeschäft Verlierer der Marktlage ist das Viehgeschäft. „Auffallend ist die große Umsatzzahl von rund 110 Millionen Euro im Viehgeschäft, das gleichzeitig im Ertrag mit nur zwei Millionen Euro den niedrigsten Beitrag zum Gesamtergebnis leistet“, sagte Vorstandssprecher Stefan Nießing. Bei Ferkelpreisen von 51 Euro und Schlachtschweinepreisen von 1,95 pro Kilo sei die Lage auf den Höfen sehr angespannt, bestätigte auch Berthold Brake vom Vorstand. Die afrikanische Schweinepest beeinflusste immer noch die Exportmärkte, die Geflügelpest grassiere im regionalen Verkaufsgebiet. Dazu kommen die hohen Energiekosten und Futtermittelpreise. Als positiv bewertete Nießing, dass trotz der großen Unsicherheit aller Sauenhalter und Mäster die gehandelten Ferkel „nur“ fünf Prozent unter den Stückzahlen des Vorjahres liegen. „Dieses ,nur‘ finden wir gut“, so Nießing, weil bei vielen Züchtern befürchtet wurde, dass sie ihre Betriebe aufgeben wollten.

Bernd Schulze-Wehninck (v.l.), Ansgar Tubes, Johannes Hufe und Isabel Tangerding (r.) verabschiedeten sich von ihren Ämtern.

Bernd Schulze-Wehninck (v.l.), Ansgar Tubes, Johannes Hufe und Isabel Tangerding (r.) verabschiedeten sich von ihren Ämtern.

Foto: AgriV/Agriv

Seit Beginn des aktuellen Geschäftsjahres geht die Agriv neue Wege: Der Viehhandel wurde zum 1. Juli in die separate Gesellschaft Agrivieh ausgelagert. Ab Januar 2023 steigen die langjährigen Kooperationspartner – die Viehvermarktung Rheinland (VVR) mit Sitz in Sonsbeck und der Viehhandel Buers aus Dingden mit ein. „Wir glauben, die Bündelung der Kräfte zum richtigen Zeitpunkt auf den Weg gebracht zu haben, um das Viehgeschäft auf Erfolgsspur zu halten“, sagte Nießing.

Futtermittelhandel Der Futtermittelhandel gehörte zu den großen Profiteuren der Preissteigerungen im Zuge des Ukraine-Krieges. Obwohl sich die verkauften Mengen – nicht zuletzt wegen der rückläufigen Schweinezucht – im Vergleich zum Vorjahr sogar leicht verringert haben, konnte die Agriv mit insgesamt mehr als 96 Millionen Euro (2021: 80 Millionen Euro) ein deutliches Umsatzplus erzielen. Auch mit den ersten vier Monaten des neuen Geschäftsjahres kann die Agriv zufrieden sein. Die Mischfuttermengen konnten sogar leicht ausgebaut werden. „Die immer noch recht hohen Futterpreise sind jetzt leicht rückläufig“, sagte Berthold Brake. „Aber jede negative Meldung führt sofort zu stark ansteigenden Preisen, die dann nur langsam wieder sinken.“

Landwirtschaftliches Geschäft Mehr noch als der Futtermittelhandel profitierte das landwirtschaftliche Geschäft von den Preisanstiegen. Der Umsatz konnte um 25,1 Millionen Euro auf 140 Millionen Euro ausgebaut werden. „Allerdings“, so betonte Prokurist Eckhard Sy, „war der Erfolg kein Selbstläufer.“ Bereits im Herbst 2021 hätten steigende Energiekosten und Sanktionen, unter anderem gegen Belarus, Stickstoff-, Kali-, und Phosphordünger „in eine in der Form nie gekannte Preisspirale“ gesetzt. Nach dem Kriegsausbruch habe sich die Situation noch massiv verschärft. „Es galt das Motto: Haben ist besser als brauchen“, sagte Sy. „Egal ob Pflanzenschutzmittel, Silagefolie oder Düngemittel einzukaufen waren, neben dem Preis spielten zunehmend Lieferfähigkeit, Lagerfähigkeit, aber auch Vertrauen aus langjährigen Geschäftsbeziehungen eine Rolle.“ Sy dankte den Fachbereichsleitern für eine umsichtige und vorausschauende Einkaufsstrategie. „Durch stetige und frühe Ausnutzung aller Einlagerungsmöglichkeiten konnten wir die Preisspitzen bei Düngemitteln brechen und trotzdem sehr gute Erträge erwirtschaften.“

Energie Das Geschäftsfeld Energie konnte sowohl durch Preisexplosionen als auch durch Hamsterkäufe insbesondere bei flüssigen und festen Brennstoffen von einem Umsatzplus von 18 Millionen Euro profitieren.

Raiffeisen-Märkte Der Einzelhandel der Agriv konnte im Geschäftsjahr 2021/2022 nicht mehr an die höchst erfolgreichen beiden Vorjahre anknüpfen, in denen die Raiffeisen-Märkte von der Corona-Pandemie und den Lockdown-Schließungen anderer Märkte profitierten. Mit 16,6 Millionen Euro liegt der Einzelhandel knapp 1,4 Millionen Euro hinter den Umsatz des Vorjahres. „Mit Auslauf der Corona-Beschränkungen änderte sich das Konsumverhalten wieder in Richtung Urlaub und Reisen“, erklärte Sy. „Der eigene Garten war schlagartig kein Investment mehr.“ Darüber hinaus ging das neue Aushängeschild der Agriv, der Raiffeisen-Markt Kirchhellen, mit dreimonatiger Verspätung an den Start, nachdem in der laufenden Bauphase die Entwässerungsgenehmigung entzogen worden ist. Auch in der nahen Zukunft sieht die Genossenschaft diese Sparte eher ausgebremst. Nichtsdestotrotz „bleiben die Märkte ein rentables Geschäft“, sagte Sy. So soll schon im kommenden Jahr ein neuer Raiffeisen-Markt in den Sonsbecker Ortskern ziehen. Die Fläche soll sich zum bestehenden Standort von 300 auf 700 Quadratmeter vergrößern.

Generell sieht der Agriv-Vorsitzende Hans-Josef Gräven die aktuellen Umbrüche als Chance für die Agrar-Wirtschaft und die Genossenschaft. „Gerade während der jetzigen Ukraine-Krise hat sich gezeigt, wie wichtig es ist, dass es bei uns noch heimische und regionale Landwirtschaft gibt“, sagte er. Und Vorstandssprecher Stefan Nießing ergänzte: „Europa und die Welt haben sich verändert. Die Weichen müssen neu gestellt werden, damit wir zu einer größeren Unabhängigkeit und Selbstversorgung finden.“

(beaw)
Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort