Neukirchen-Vlyn:

Niederrhein: Die historisch schlechte Maisernte

„Im Märzen der Bauer“ – dieses berühmte Volkslied steht Pate für eine Serie der Rheinischen Post und der Volksbank Niederrhein. Ein Jahr lang begleiten wir Bauern aus der Region. In der siebten Folge sind wir auf dem Maisfeld von Peter Geldermann (44) aus Neukirchen-Vluyn zu Gast.

So früh wie in diesem Jahr hat er noch nie den Mais geerntet. Sein Vater auch nicht. „Für den 9. August habe ich den Häcksler bestellt“, sagt Peter Geldermann. „Das ist historisch so noch nie da gewesen.“

Peter Geldermann, 44 Jahre alt, ist Diplom-Agraringenieur. Nach seinem Studium an der Fachhochschule in Soest übernahm er 2002 den heute 130 Jahre alten elterlichen Hof in Neukirchen-Vluyn. Ganz in der Nähe der Autobahn 57 bewirtschaftet er mit seiner Frau Heidi (46), den beiden Kindern Jonas (8) und Vitus (6), zwei Festangestellten sowie drei 450-Euro-Kräften 150 Hektar landwirtschaftliche Fläche für 180 Milchkühe mit Nachzucht. 50 Hektar davon sind Grünland, 60 Hektar sind für den Maisanbau vorgesehen, auf den restlichen Ackerflächen werden Zuckerrüben und Getreide angebaut. Eigentlich ein gesunder Mix. Doch in diesem Jahr ist alles anders.

Vor fünf Wochen stand auf diesem
Vor fünf Wochen stand auf diesem Feld noch Mais. Nun hat Peter Geldermann dort Gras eingsät. Denn neben der schlechten Maisernte fehlen dem Landwirt auch zwei Schnitte Gras. Foto: Dieker, Klaus (kdi)

Peter Geldermann steht vor seiner neu gebauten Siloanlage auf dem Hof. Drei Haufen Mais hat er dort vor fünf Wochen fertiggemacht. Ob’s ausreichend, vor allem aber energiereiches, Futter für seine Milchkühe ist, weiß er nicht. „Das wird sich erst in einigen Wochen oder Monaten zeigen“, sagt Geldermann. Er ist skeptisch: „Wir haben einen Anhänger wiegen lassen. Normalerweise sind dort 16 bis 17 Tonnen drauf, diesmal waren es nur neun Tonnen.“ Das sind fast 50 Prozent weniger Ertrag. „Und wir hatten noch Glück, wir hatten im Juli 34 Millimeter Regen, dadurch war unser Mais immerhin 2,5 Meter groß. Es gab aber auch Regionen, wo gar kein Niederschlag gefallen ist. Wo der Mais noch nicht einmal einen Meter groß war“, sagt Geldermann. Zum Vergleich: Eine Stange Mais kann, wenn Wetter und Boden gut sind, bis zu vier Meter groß werden.

Milchkühe mögen Mais: Die Pflanze ist
Milchkühe mögen Mais: Die Pflanze ist ein wichtiger Bestandteil des Futters, weil sie so energiereich ist. Foto: Dieker, Klaus (kdi)

Die Einbußen von Geldermann stimmen mit den Werten der Landwirtschaftskammer für den Kreis Wesel überein. Gerhard Hartl, auf Haus Riswick in Kleve als Berater für die Bereiche Futterbau und Milchvieh tätig, spricht ebenfalls von 50 Prozent weniger Mais in diesem Jahr. In der aktuellen Erntebilanz des Landes Nordrhein-Westfalen ist sogar von Ertragsrückgängen von bis zu 75 Prozent die Rede. Hartl geht aus diesem Grunde auch davon aus, dass die Futterbaubetriebe, allen voran die Landwirte, die Mais anbauen, von dem Nothilfeprogramm des Bundes profitieren werden. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CSU) hatte den Bauern Ende Juli 340 Millionen Euro Dürrehilfe zugesagt. Wie genau die Gelder verteilt werden, steht allerdings noch nicht fest.

Mancherorts ist der Mais total vertrocknet
Mancherorts ist der Mais total vertrocknet – wie hier in Alpen. Foto: Julia Lörcks

Im Kreis Wesel werden nach Angaben von Heinrich Schnetger, stellvertretender Leiter der Landwirtschaftskammer für die Kreise Kleve und Wesel, insgesamt 12.000 Hektar Mais angebaut. Das sind etwa 38 Prozent der Ackerlandflächen im Kreis. Auf die landwirtschaftlichen Flächen insgesamt, also Grün- und Ackerland zusammen, macht das 24 Prozent. Vor zehn, 15 Jahren sah das noch anders aus. Damals lag der Wert noch bei 30 Prozent. Im Jahr 2011, als vermehrt Biogasanlagen gebaut wurden und die Anzahl der Rinder in den Betrieben aufgestockt wurde, waren es auf einmal 37 Prozent. „Das war schon ein enormer Anstieg. Jetzt sind die Zahlen wieder stabil“, sagt Schnetger. Er erinnert sich noch ganz genau: „Damals war die Rede von Vermaisung.“ Bis heute leidet das Image der Pflanze darunter. Mais steht bei den Bürgern für Monokultur und viel Gülle.

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Peter Geldermann kann das gar nicht verstehen. Für ihn gehört das Süßgras, das ursprünglich aus Mexiko stammt, zu den wichtigsten Futterpflanzen. „Ohne Mais wäre das alles hier nicht denkbar. Die Pflanze ist energiereich und einfach anzubauen. Mit wenig Arbeitsaufwand lässt sich ein guter Ertrag erwirtschaften. Auch die Sache mit der Gülle stimmt nicht. Meine Gülle ist mir viel zu kostbar als dass ich sie verschwenden würde. Zudem ist mittlerweile alles reglementiert, werden die Bedarfe genau ermittelt. Auf einen Hektar fahre ich 180 Kilogramm Stickstoff auf. Und kein Gramm mehr, das kostet“, sagt Geldermann. Das spiegelt sich auch in der Weltgetreideernte wieder. 2016 nahm Mais mit mehr als eine Milliarde Tonne vor Weizen und Reis den ersten Platz ein. Mehr als 60 Prozent davon wird zu Maissilage verarbeitet, an Nutztiere verfüttert.

Dieses Jahr ist alles anders. „Schon der Anfang war schwierig“, sagt Geldermann. Damit meint er die Aussaat. In Deutschland erfolgt diese normalerweise von Mitte April bis Anfang Mai, wenn die Böden warm genug und die Gefahren von Spätfrösten nicht mehr gegeben sind. Geldermann hat am 20. April gesät, neun Pflanzen pro Quadratmeter, 90.000 Körner auf einen Hektar, 5,4 Millionen Körner insgesamt – und hatte Glück. „Je später gesät wurde, desto schlechter war der Mais“, sagt Geldermann. Das hat mit den Böden zu tun. So habe es Ende März/Anfang April sehr viel geregnet. „Wir haben hier leichte Böden, konnten früher einsäen. Kollegen, die schwere, also eigentlich bessere Böden haben, mussten länger warten.“

Was danach geschah, ist hinlänglich bekannt. Es folgte eine langanhaltende Trockenheit. Dazu kamen noch die hohen Temperaturen des Sommers. Die Dürre ließ den Mais nicht wachsen, an manchen Stellen gar vertrocknen. „Was wächst schon bei 35, 40 Grad?“ fragt Geldermann. Er erklärt: „Mais braucht, um reif zu werden, eine gewisse Temperatur und eine gewisse Anzahl an Sonnenstunden. Diese Wärmesummenmengen werden in der Regel von Mitte April bis Mitte September erreicht.“ 2018 war es allerdings viel wärmer als sonst. Auch die Sonne hat mehr geschienen. Dazu kam die Trockenheit. Die Folge: Der Mais war schon im August notreif. Mancherorts hat sich gar kein Kolben gebildet. „Das ist fatal, denn im Kolben steckt die ganze Energie“, sagt Geldermann. Diese wird er demnächst zufüttern müssen. Mit Getreide, dass er in diesem Jahr zum ersten Mal nicht verkauft hat. „Diese Einnahmen fehlen mir natürlich.“ Und damit nicht genug: Bei den Milchbauern fehle nicht nur der energiereiche Mais, sondern auch die ebenso wichtige Grassilage. „Wir hatten nur zwei Schnitte. Zwei von fünf“, sagt Geldermann. Er steht derweil auf einem Feld, dass er in den vergangenen zwei Monaten zum zweiten Mal neu eingesät hat. „Die erste Aussaat ist komplett vertrocknet, die zweite kommt nun langsam. Auch das bestehende Grünland ist zu 50 Prozent vertrocknet. Dadurch wird natürlich auch das Saatgut teurer.“

Doch zurück zur Maisernte: Mit einem Häcksler wird der Mais auf 0,8 bis 1,2 Zentimeter große Stücke zerkleinert und auf einen Anhänger befördert. Der gehäckselte Mais wird anschließend auf einen Haufen gefahren, verdichtet und mit Folie abgedeckt. „Der Gärungsprozess dauert mindestens sechs Wochen. In dieser Zeit darf keine Luft an die Silage kommen“, sagt Geldermann. Damit Krähen die Folie nicht kaputt picken, kommt noch ein Vogelschutznetz darüber.