Marienschülerinnen gedenken an die Reichspogromnacht

Gedenkfeier in Xanten: Erzählen gegen das Vergessen

Am Freitag um 17 Uhr beginnt im Xantener Dom das Gedenken aus Anlass der Pogromnacht vor 80 Jahren. Gestaltet wird die offizielle Feier von Schülerinnen der Marienrealschule. Vier von ihnen sind gerade aus Auschwitz zurück.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden im Deutschen Reich Synagogen in Brand gesetzt, zerschlugen Nationalsozialisten Geschäfte, hetzten Juden durch die Straßen. Es war der Auftakt zur Massendeportation und systematischen Ermordung von Juden durch die Nazis. Am Freitag um 17 Uhr wird im Dom der Pogromnacht vor 80 Jahren gedacht. Gestaltet wird die offizielle Feier in diesem Jahr von Schülerinnen der katholischen Marienrealschule, die sich seit Schuljahresbeginn mit dem Thema auseinandersetzen. Gerade sind Zehntklässlerinnen aus Auschwitz zurückgekehrt.

Zahlen, Augenzeugenberichte, Zeitungsausschnitte: In den vergangenen Monaten hat sich die Auschwitz-Arbeitsgemeinschaft an der Marienrealschule dienstags nachmittags jeweils 90 Minuten lang mit dem Thema beschäftigt. Die Grundlage bildete eine umfangreiche Arbeitsmappe von Lehrer Heinmann, der die Reisen nach Polen organisiert. Dazu hat Religions- und Musiklehrerin Regina Kammann, die die Schülerinnen mit ihrer Kollegin Ina Foitzik begleitete, Arbeitsblätter mit zentralen Fragen entwickelt und die Erinnerungen einer Schülerin eingearbeitet, die vor zwei Jahren eindrucksvoll ihre Empfindungen dargestellt hat. Allerdings: „Wohl wissend, dass reines Fachwissen die Realität, wenn überhaupt, nur andeuten kann“.

Das alles sei ihnen bewusst gewesen, sagen Lale Spickermann, Annemarie Graven, Insa Wademann und Marie Methke im Gespräch mit unserer Redaktion. Dann wird es vorübergehend still. Die vier 15-Jährigen suchen vier Tage nach der Rückkehr nach Worten: „Zwischen den noch belaubten Bäumen und der Rasenfläche ist alles unrealistisch gewesen, was wir gelernt hatten“, sagt Annemarie Graven. „Doch dann“, so Marie Methke, „standen wir in den Baracken, in denen Dutzende von Menschen auf dem Steinfußboden gelegen hatten. Ratten gab es und die ständige Angst vor den SS-Schergen, denen sie ausgeliefert waren.“

Lale Spickermann schüttelt den Kopf. Eine Zeitzeugin berichtete den 36 Mädchen von der Angst, den Ausdünstungen, von langen Antretestunden „bis sie einen holten“, zeigte die im Unterarm eintätowierte Lagernummer. Ein Italiener und eine Weißrussin, die erstmals die Stätte ihrer Peinigung betraten, weinten mit den Mädchen aus Deutschland. „Die Tränen müssen raus“, sagt Insa Wademann, „wenn man die Kratzspuren verzweifelter Menschen in den Mauern der Gaskammer sieht, die zu mehreren hundert eingepfercht wurden.“ Selbst die Zeitzeugen hätten ihre Gefühle, ihre Ängste, ihre Verzweiflung kaum in Worte fassen können: „Die gibt es dafür wohl auch nicht“, denkt Annemarie Graven.

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Die Schülerinnen überhören das Pausenzeichen, erzählen von den Gerüchen, die sie in den Baracken in Auschwitz und Birkenau so betroffen gemacht hatten, und von der Wut über jene Mitmenschen, die mit den Abkürzungen ihres Fußballvereins und einem Herz die Wände der Frauen- und Kinderbaracken beschmiert hatten.

Geredet, das haben sie schon an den Abenden in Auschwitz und nach einem Besuch des Ghettos in Krakau. Aufgearbeitet wird das Erlebte auch in den folgenden AG-Stunden. Reden hilft. Doch: „Vergessen werden wir das nie. Das geht nicht aus der Haut“, sagt Annemarie Graven. Und reden werden sie weiter: „Wir sind vielleicht die letzte Generation, die mit Überlebenden des Grauens gesprochen haben“, betonen sie übereinstimmend.

Es gehe nicht ums laute Hinausschreien – das tun andere. Überzeugen in der Familie, der Nachbarschaft, der Schule, später im Beruf – das gehe nur übers Erzählen. Und über die Aufforderung, dass jeder mal das Lager besuchen müsse mit einem „Guide“, der alles erklärt. Auch das gehört zur Erinnerung: Das Wort „Führer“ gebraucht niemand der Mädchen nach der Fahrt.

Info: Die offizielle Gedenkfeier im Xantener St.-Viktor-Dom mit Kaplan Christoph Potowski beginnt am Freitag um 17 Uhr. Marienschülerinnen der Auschwitz AG werden Texte vortragen und musizieren sowie gemeinsame Lieder anstimmen.

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