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Leitungswechsel: Ein Jahr des Umbruchs​ im Forsthaus Hasenacker

Abschiede in Labbecks Jugendbildungsstätte : Ein Jahr des Umbruchs

Im Forsthaus Hasenacker herrscht derzeit viel Bewegung. Nach zweijähriger Pause geben sich die Klassen in der Labbecker Jugendbildungsstätte wieder die Klinke in die Hand. Wechsel gibt‘s aber auch auf der gesamten Leitungsebene.

Jetzt muss es schnell gehen. Der weiße Tischtennis-Ball rollt unaufhaltsam und hat das erste Regenrohr bereits passiert. Jason (10) rennt mit dem knapp 40 Zentimeter langen Stück Kunststoff los, um es seinen Klassenkameraden der 3a zu überreichen, die am Ende der aus sechs Rohren zusammengefügten Pipeline stehen. Da soll nämlich noch lange nicht Schluss sein. Der Ball soll weiterrollen. Die Pipeline wird Stück für Stück von hinten weg nach vorne erweitert. Da ist neben Tempo vor allem Teamwork gefragt. Sobald nur ein Element fehlt, plumpst der Ball einfach runter.

Ähnlich kann man sich die Arbeit im Forsthaus Hasenacker vorstellen. Auch in der Jugendbildungsstätte gibt es „Elemente“, die einfach zusammengehören, ineinandergreifen müssen, damit der Betrieb läuft. Das Führungsteam besteht aus der Einrichtungsleitung, der pädagogischen Leitung und der Hauswirtschaftsleitung. Und so wie im Spiel gab‘s in der Labbecker Einrichtung zuletzt viel Bewegung. Wie berichtet, hat Einrichtungsleiter Tim Jansen das Haus Anfang des Jahres verlassen. Anfang März übernahm die 27-jährige Eva Kolesnikova seine Aufgaben. Nach 20 Jahren verabschiedet sich nun auch Hauswirtschaftsleiterin Monika Minkus. Ihre Nachfolgerin wird Sabine Weihofen. Vollendet wird die wechselvolle Zeit im Team Ende August, wenn schließlich auch die pädagogische Leiterin Tanja Rohr geht.

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Der Abschied fällt Rohr sichtlich schwer. „Ich geh mit mehr als nur einem weinenden Auge“, sagt sie. „Ich bin gleich nach meinem Studium ans Forsthaus Hasenacker gekommen, war 19 Jahre lang hier – fast die Hälfte meines Lebens. Die Jugendbildung hier ist mein Baby.“ Ihr Weggang habe nichts mit der Einrichtung zu tun, betont Rohr. Manchmal ergeben sich eben auch im Privatleben Umbrüche. Die Bildungsreferentin will ein Sabbatjahr einlegen, viel reisen, zwei Monate in Neuseeland und zumindest zwei Monate in Australien verbringen. Anschließend will sie sich fortbilden – „einfach für mich, nicht für die Arbeit“, wie sie erklärt. Zu welchem Thema will sie sich bewusst offen lassen, ebenso, ob sie irgendwann nach Labbeck zurückkehrt. Während Rohr erzählt, ist ihre Vorfreude spürbar, zugleich wandern ihre Augen aber immer wieder sehnsuchtsvoll zu den spielenden Kindern.

Die sind nach zwei Fehlversuchen beim dritten Durchgang angekommen. Und so langsam läuft‘s bei den Grundschülern aus Velbert. Sie haben gelernt, dass der Ball etwas langsamer rollt, wenn sie die Rohrstücke möglichst gerade halten. Und auch mit der Teamarbeit klappt‘s inzwischen. „Das sieht gut aus“, ruft Jan Michel Wilhelms, der das sozial-kommunikative Spiel für die Kinder initiiert hat. Der Tross bewegt sich geschlossen Meter für Meter zum Ziel. Am Ende darf der Ball doch zu Boden kullern, in einen roten Hula-Hoop-Reifen rein. Geschafft. Jubel bricht aus. Die Kinder klatschen sich ab. „Ihr habt super zusammengearbeitet, ihr könnt stolz auf euch sein“, lobt Daniela Bovermann.

Sie ist die Neue im Leitungsteam, Tanja Rohrs Nachfolgerin. Und doch kein unbekanntes Gesicht im Forsthaus Hasenacker. 2011 hat die damalige Sozialwissenschaftsstudentin ein Praktikum in der Einrichtung gemacht. „Ich wusste damals noch gar nicht, was eine Jugendbildungsstätte ist, und schon gar nicht, dass es in Labbbeck eine gibt“, erzählt die Xantenerin. Man habe ihr die Adresse im Praktikumsbüro an der Uni empfohlen. „Und als ich das erste Mal hierher gekommen bin, war ich sofort hellauf begeistert“, so Bovermann. „Das Haus, das Team, die Umgebung sind einfach toll.“ Sie blieb der Jugendbildungsstätte nach ihrem Praktikum erhalten, arbeitete während ihres Studiums als Teamerin weiter. Tanja Rohr persönlich brachte der jungen Frau alles Wichtige bei, was diese für die pädagogische Betreuung der Schulklassen und Seminare brauchte.

Als Bovermann jedoch Mutter wurde, war zunächst einmal Schluss. Sie suchte nach einer Festanstellung, die im Forsthaus Hasenacker nicht frei war. Also übernahm sie die Leitung der Offenen Ganztagsbetreuung an der Lüttinger Grundschule. Neun Jahre lang war sie dort tätig. „Wir pflegten aber immer Kontakt“, erzählt Tanja Rohr. Als sich nun die Möglichkeit auftat, in die Fußstapfen der einstigen Mentorin zu treten, war für Bovermann die Entscheidung klar. „Trotz der langen Zeit dazwischen ist es so, als wäre ich nie weggewesen. Es fühlt sich an wie nach Hause kommen“, sagt die 40-Jährige. Das Schöne an der Arbeit in der Bildungsstätte sei, dass ständig neue Klassen anreisten. „Mal aus der Stadt, mal vom Land“, so Bovermann. „Damit stellt man sich jede Woche einer anderen Herausforderung.“

Nach der zweijährigen Besuchspause ist der Betrieb seit Januar wieder auf Volldampf gestellt. Bis zum Ende des Jahres ist das Haus ausgebucht. „Die meisten Klassen haben uns die Treue gehalten“, sagt Tanja Rohr erfreut. „Nach der Corona-Pause lechzen alle wieder danach, die Angebote wahrnehmen zu können.“

In der Hochphase bis Ende August erhält Bovermann noch Unterstützung von Tanja Rohr. Bis September geht ihr zudem Jan Michel Wilhelms zur Hand. Der 19-Jährige macht gerade seinen Bundesfreiwilligendienst (BFD) im Forsthaus Hasenacker. Ein Jahr lang setzt er die verschiedenen Bildungsangebote für die Kinder, von den Trainings zur Schulung der sozialen Kompetenz, über Naturexkursionen bis zu historischen Lehrprogrammen, mit um.

Pädagogische Erfahrung hatte der Xantener nicht. Die Bildungseinrichtung kannte er nur vom Vorbeigehen, wenn er mit seinem Hund durch den Tüschenwald spazierte. Wilhelms kennt sich stattdessen in der Computerwelt aus, will Kommunikationsdesign studieren und dann zum Beispiel Webseiten oder Logos für Unternehmen entwerfen. Die Wartezeit auf einen Studienplatz wollte er aber sinnvoll nutzen. Und BFD-ler werden am Forsthaus Hasenacker immer gesucht.

Was der 19-Jährige so nicht erwartet hatte: Er lernt in dem Bildungsjahr nicht nur viel über die Arbeit mit Kindern, sondern vor allem über sich selbst. „Ich war früher sehr schüchtern und habe gelernt, mehr aus mir rauszukommen“, erzählt er. „Auch meinen Studienwunsch habe ich noch einmal überdacht.“ Wilhelms bleibt im IT-Bereich. „Aber ich weiß jetzt, dass es mir Spaß macht, anderen etwas beizubringen, dass ich das kann, und dass Pädagogik eine Option für mich ist.“ Manchmal, so sagt Tanja Rohr, braucht es eben ein Jahr des Umbruchs, um den Kopf freizubekommen und sich auf Neues einzustellen.

(beaw)