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Landwirtschaftsserie: Familie Lemken berichtet über Büro, Urlaub und Familie

Landwirtschaftsserie : Alle an einem Tisch

„Im Märzen der Bauer“ – dieses berühmte Volkslied steht Pate für eine Serie der Rheinischen Post und der Volksbank Niederrhein. Ein Jahr lang begleiten wir Bauern aus der Region. In der elften Folge sind wir bei Familie Lemken aus Sonsbeck und sprechen mit ihr über Büro, Urlaub und Familie.

Es ist ein kalter Vormittag im Januar. Wie immer sind Rita und Johannes Lemken seit 6 Uhr auf den Beinen. Der 51-Jährige fütterte zusammen mit einem Auszubildenden die Tiere. Seine Frau machte den Kindern Frühstück, brachte sie zur Bushaltestelle und kümmerte sich um das Büro, um die Buchführung, die Schlagkartei, das Herdenmanagement und den Schriftverkehr. Nun kommt ihr Mann kurz ins Haus, lächelt seine Frau an, aber für einen Kaffee bleibt kaum Zeit – die Pflicht ruft. Es ist zwar Winter, und auf dem Feld mag weniger zu tun sein als im Frühling, Sommer oder Herbst. Arbeit gibt es auf einem Bauernhof aber das ganze Jahr über mehr als genug.

„Ruhiger wird es für die Landwirte im Januar nicht, nur die Art der täglichen Aufgaben verändert sich“, erklärt Marilena Kipp vom Rheinischen Landwirtschaftsverband. Die Betriebe mit Tierhaltung kümmerten sich tagtäglich um ihre Kühe, Schweine oder Hühner, also an 365 Tagen im Jahr. Dagegen nutzten Landwirte mit Ackerbau solche Monate wie den Januar, um Maschinen und Gebäude zu warten oder zu reparieren, erledigten Büroarbeit oder planten den Anbau der kommenden Saison. „Langweilig wird den Landwirten im Winter nicht.“

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Der Familie Lemken erst recht nicht. Sie betreibt den Hallmannshof in Sonsbeck bereits in der sechsten Generation. Es ist einer von rund 1040 landwirtschaftlichen Betrieben im Kreis Wesel. Die Familie hält Milchkühe und Schweine, baut Kartoffeln, Zuckerrüben, Weizen und Mais an, hat außerdem zwei Ferienwohnungen: das Schwalbennest und das Schweizerstübchen. Bis zu vier Personen können jeweils darin übernachten. Es sind Familien, die die Wohnungen buchen, aber auch Fahrradtouristen und andere Menschen, die ein paar Tage oder auch zwei Wochen am Niederrhein verbringen wollen und Erholung vom Alltagsstress suchen. Das weite, platte Land sei ideal dafür, meint Lemken und erinnert sich: „Wie heißt es doch gleich? Man sieht freitags schon, wer sonntags zu Besuch kommt.“

Für die Oster- und Sommerferien sind die ersten Buchungen auch schon bei Rita Lemken eingegangen. Es sind die Wochen, in denen meistens Eltern mit ihren Kindern Urlaub machen. Auf dem Hallmannshof können sie erleben, wie die Landwirtschaft funktioniert. „Wenn die Kinder möchten, können sie morgens dazu kommen“, sagt Lemken. Sie nimmt die Mädchen und Jungen dann mit in den Stall und erklärt ihnen, woher die Milch kommt, wer die Eier legt und wie aus Getreide Brot wird.

Als Landwirtin weiß sie das alles natürlich. Damit sie dieses Wissen aber auch kindgerecht vermitteln kann, hat sie sich in Erlebnispädagogik fortgebildet. Durch ihr eigenes Leben bringt sie auch die nötige Erfahrung mit: Sie ist Mutter von vier Kindern und in einem landwirtschaftlichen Betrieb groß geworden. „Die Kindheit auf einem Bauernhof ist die schönste, die man sich vorstellen kann“, schwärmt Lemken. „Deshalb will ich Kindern zeigen, dass es auf einem Bauernhof so viel zu erleben gibt.“

Sie selbst nimmt sich selten frei. Das letzte Mal war vor etwa einem Jahr, als sie mit ihrer Tochter nach Paris gefahren ist. Es war ein Geburtstagsgeschenk. Die 15-Jährige hatte sich Zeit mit ihrer Mutter gewünscht. Also fuhren die beiden Frauen gemeinsam für drei Tage weg. Die Augen von Rita Lemken leuchten, wenn sie von diesem Wochenende mit ihrer Tochter erzählt. Die ganze Familie dagegen sei noch nie zusammen im Urlaub gewesen, sagt sie. „Wir haben die Ferienwohnungen, in den Schulferien können wir schlecht wegfahren.“ Überhaupt sei es für Landwirte nicht so einfach, sich länger frei zu nehmen. Wenn sie ein paar Tage nicht auf dem Hof seien, müsse sich jemand anderes um die Tiere kümmern – und es müsse jemand sein, der etwas davon verstehe.

Die Kühe zum Beispiel sollten mindestens zweimal am Tag gemolken werden, wenn sie gekalbt hätten, erklärt die Sonsbeckerin und zeigt auf die beiden modernen Melkroboter im Stall. Die intelligenten Geräte erkennen mit Hilfe eines Lasers selbstständig die Zitzen am Euter, stülpen das Melkwerkzeug über, pumpen und erfassen dabei noch Daten wie das Gewicht des Tieres, das gelassen daneben steht und frisst. Nur kämen nicht alle Kühe von selbst zu den Robotern, sagt Lemken. Einige müssten hingetrieben werden. „Eine Vertretung zu finden, die sich um die Tiere kümmern kann und die sich auch mit der Technik auskennt, ist nicht so einfach“, sagt sie seufzend.

Die Kinder fahren trotzdem in den Urlaub – zusammen mit den Großeltern. Sie wohnen nebenan, sind zwar schon 81 und 75 Jahre alt, packen auf dem Hof aber mit an. „Ohne sie wäre vieles gar nicht möglich“, sagt Lemken. So oft es geht, essen die drei Generationen auch zusammen, und um 16 Uhr treffen sie sich zum Kaffeetrinken. Es ist mehr als nur eine Arbeitspause. Es ist der Fixpunkt des Tages. „Diese halbe Stunde Zeit am Nachmittag nehmen wir uns“, berichtet Lemken. „Damit wir uns erzählen können, was wir jeweils erlebt haben. Und damit wir noch einmal zusammensitzen, bevor die letzte Schicht des Tages beginnt.“ Denn die Tiere müssen abends noch einmal gefüttert werden.

„Wir versuchen, gegen 19 Uhr Feierabend zu machen“, sagt Lemken. „Aber wenn wir auf dem Feld arbeiten, kann es natürlich später werden.“ Nur sonntags gönnen sie sich einen halben freien Tag. „Wir machen die Stallarbeiten, haben nachmittags aber frei.“ Dann unternehme die Familie einen Ausflug, besuche Verwandte oder verbringe zuhause einen ruhigen Nachmittag. „Das braucht man, um abzuschalten“, sagt Lemken.

Sie weiß, wie wichtig eine Auszeit vom Alltagsstress sein kann, um wieder Kraft zu tanken: Die 41-Jährige nutzt die Angebote des Landfrauenverbandes, tauscht sich mit den anderen Frauen aus, besucht Seminare, lernt dazu. Einmal ging es dabei um Resilienz, also darum, mit schwierigen Situationen im Leben umzugehen – und schwierige Situationen gibt es regelmäßig. Zum Beispiel die Dürre im vergangenen Sommer: Ein Teil der Ernte ist dadurch ausgefallen. Nun fehle Futtermais für die Tiere, sie müssten ihn kaufen, sagt Lemken. „Das sind zusätzliche Kosten.“ Aber die Sonsbeckerin strahlt Zuversicht aus. Sie vertraue auf Gott, sagt sie. Und sie vertraue auf ihre Familie. „Gemeinsam haben wir bisher alles gemeistert.“