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Landwirtschaftsserie: Familie Bossmann berichtet über Erneuerebare Energien

Landwirtschaftsserie : Das Kraftwerk Bauernhof

„Im Märzen der Bauer“ – dieses berühmte Volkslied steht Pate für eine Serie der Rheinischen Post und der Volksbank Niederrhein. Ein Jahr lang begleiten wir Bauern aus der Region. In der zwölften Folge sind wir bei Familie Boßmann in Sonsbeck und sprechen mit ihr über Erneuerbare Energien.

Stefan Boßmann öffnet die Tür zum Herzstück seiner Biogas-Anlage. Ein ohrenbetäubender Lärm schlägt ihm entgegen. Mit bis zu 1500 Umdrehungen pro Minute treibt ein Verbrennungsmotor den Generator an. Der Landwirt runzelt kurz die Stirn und hört genau hin. Läuft der Motor rund? Schnell entspannt sich sein Gesicht. Er kommt wieder nach draußen, schließt die Tür, sperrt den Motorenlärm ein. Zufrieden sagt Boßmann: „Die Anlage läuft gut.“ Und zuverlässig. Seit vielen Jahren schon.

Der Sonsbecker ist Landwirt. Er züchtet Schweine und baut auf seinem Land Mais, Getreide sowie Kartoffeln an. Seit 2007 ist Boßmann außerdem Stromerzeuger. Damals installierte er eine Photovoltaikanlage auf dem Dach, später noch vier weitere. „Wir haben eine Einkommensalternative gesucht.“ 2010 wagte er einen großen Schritt. Er lieh sich Geld von der Bank, steckte einen siebenstelligen Betrag in eine Biogas-Anlage und baute sie neben dem Schweinestall auf. Der große Fermenter, in dem Mais und Gülle vergären, ist seitdem schon von weitem zu sehen. In seinem Schatten liegt das Blockheizkraftwerk. Damit produziert Boßmann Strom für mehrere Hundert Haushalte.

  • Johannes Dörkes (r.) mit Azubi Simon
    SERIE IM MÄRZEN DER BAUER . . . : Landarbeit zwischen Schweinestall und PC
  • Sonsbeck - Landwirtschaft - Serie mit
    Landwirtschaftsserie : Alle an einem Tisch
  • Landwirt Helmut Oellers junior braucht bei
    Serie „Im Märzen der Bauer ...“ : Der Kartoffelberg wird abgetragen

Viele Landwirte in Deutschland haben es wie er gemacht. Es war politisch gewollt. Die Weichen hatte die rot-grüne Bundesregierung im Jahr 2000 gestellt. Mit Erneuerbaren Energien wollte sie Deutschland unabhängiger von Kohle und Atomkraft machen, der Anteil von Wind, Sonne, Wasser und Biomasse an der Stromproduktion sollte steigen. Deshalb versprach sie den Anlagebetreibern im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) eine feste Einspeisevergütung – 20 Jahre lang, sobald ihre Anlage ans Netz gegangen ist. Das bezahlen die Stromverbraucher. Über eine Umlage, die auf den Strompreis draufgeschlagen wird.

Das EEG hat erreicht, was es sollte: Die Erneuerbaren Energien sind in den folgenden Jahren ausgebaut worden. Auch die Biomasse: Allein in Nordrhein-Westfalen stieg die Anzahl der Anlagen zwischen 2003 und 2013 von 83 auf 607 und die installierte Leistung von 17 auf 250 Megawatt. Die Landwirtschaft ist dadurch zu einem wichtigen Pfeiler der Energiewende geworden. So wie sie es sollte. Noch 2007 ermutigte die damalige NRW-Umweltministerin Bärbel Höhn die Bauern dazu, weiter in die Erneuerbaren Energien zu investieren. Sie sollten sich damit ein weiteres Standbein aufbauen, forderte die Grünen-Politikerin und prophezeite ihnen eine rosige Zukunft. Höhn nannte sie „die Ölscheichs der Zukunft“.

Wie ein Ölscheich sieht Boßmann allerdings nicht aus. Der Sonsbecker ist ein bodenständiger Mensch, der sich tief in das EEG und die Stromerzeugung eingearbeitet hat. Damit er weiß, wovon er spricht, und weil es so viele Regeln zu beachten gibt. Höhns Prophezeiung hat sich nicht erfüllt, weder für ihn, noch für andere Landwirte. Zwar sind die Erneuerbaren Energien tatsächlich zu einem „wichtigen Standbein“ für den Sonsbecker geworden. Die ersten zehn Jahre seien gut gelaufen, sagt er. Das mussten sie auch, angesichts der Investitionssumme, die der Landwirt als Kraftwerksbetreiber mit seinem Strom erst einmal wieder hereinholen muss. Knapp 20 Cent bekommt er für die Kilowattstunde, wenn er alle Vorgaben einhält, also nicht zu viel Mais, aber genug Gülle zu Methan vergärt. Aber in ein paar Jahren endet die zugesagte Einspeisevergütung. Wie viel Cent er dann für seine Kilowattstunde Strom bekommt, ist unklar. Der Familienvater schaut sorgenvoll in die Zukunft: Er weiß nicht, was die Politik plant.

 Boßmann an seiner Biogas-Anlage, die er 2010 errichtet hat. In dem großen Fermenter vergären Mais und Gülle.
Boßmann an seiner Biogas-Anlage, die er 2010 errichtet hat. In dem großen Fermenter vergären Mais und Gülle. Foto: Fischer, Armin (arfi)

Der Gesetzgeber hat das EEG in den vergangenen Jahren mehrfach geändert und die Bedingungen für die Anlagenbetreiber erschwert. Er wollte dadurch den Aufschlag auf den Strompreis deckeln, bremste damit aber auch den weiteren Ausbau der Biomasse aus. Nach 2013 sind in NRW kaum noch Anlagen dazugekommen. Zuletzt zählte die Landwirtschaftskammer im Kreis Wesel sieben und landesweit 620. Zusammen produzierten sie Strom für etwa 466.000 Haushalte. In den nächsten Jahren könnten diese Zahlen wieder sinken: Es bleibe abzuwarten, ob die „unsicheren Rahmenbedingungen“ zu einem Abbau der dezentralen Energieerzeugung führen werden, schreibt die Landwirtschaftskammer zum Thema Biogas in Nordrhein-Westfalen. „Die Politik ist schwerer zu kalkulieren als das Wetter“, sagt Bernhard Rüb von der Landwirtschaftskammer NRW.

Die Änderungen des Gesetzgebers haben Folgen für Bauern wie Boßmann: Das System der Erneuerbaren Energien wird von festen Vergütungen auf freie Ausschreibungen umgestellt. Diese werden zentral von der Bundesnetzagentur organisiert. Ein- oder zweimal pro Jahr legt sie bundesweit eine bestimmte Menge an Strom fest, die abgenommen wird, und legt einen Höchstpreis für die Kilowattstunde fest. Dann vergibt sie den Zuschlag an so viele Anbieter, bis sie die erforderliche Gesamtmenge zusammenbekommen hat. Dabei nimmt sie die Erzeuger mit den niedrigsten Geboten zuerst. Nun befürchten viele Landwirte, dass sie ihren Strom zu so niedrigen Preisen anbieten müssen, um einen Zuschlag zu bekommen, dass es sich wirtschaftlich für sie nicht mehr lohnt. Der Bauernverband drängt deshalb darauf, dass die Höchstpreise in den Ausschreibungen angehoben werden: von zuletzt rund 16 auf etwa 19 Cent pro Kilowattstunde. Und drei Cent können einen großen Unterschied ausmachen, ob sich eine Anlage rechnet.

 Eine siebenstellige Summe hat Landwirt Boßmann in die Biogas-Anlage investiert.
Eine siebenstellige Summe hat Landwirt Boßmann in die Biogas-Anlage investiert. Foto: Fischer, Armin (arfi)

Boßmanns Kraftwerk läuft nun seit zehn Jahren, Reparaturen stehen an. Er muss wieder Geld in die Technik stecken. Das will er auch. Er würde sogar gern noch mehr investieren, auch die Abwärme verkaufen, die Kapazität ausbauen – wenn er denn abschätzen könnte, ob es sich langfristig rechnet. Eins dürfte klar sein: Die Nachfrage nach den Erneuerbaren Energien wird vermutlich steigen, wenn Atom- und Kohlekraftwerke vom Netz genommen werden. „Und wo kommt dann die Energie her?“, fragt Boßmann. Wind- und Solarkraft seien gut und schön, stünden aber nicht immer bereit. Er weiß es von seiner Photovoltaikanlage auf dem Dach: Etwa Dreiviertel seines Sonnenstroms erzeuge er in den warmen Monaten. Nur werde im Winter doch nicht weniger Energie benötigt als in den anderen Jahreszeiten, meint Boßmann und fragt noch einmal: „Wo kommt denn die Energie her, wenn wir aus der Kohle und der Atomkraft aussteigen?“

Seine Antwort steht neben dem Schweinestall, läuft rund um die Uhr, bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit. „Und Gülle ist sowieso da, es ist sinnvoll, daraus Methan herzustellen“, meint der Landwirt. Biogas könne außerdem verlustfrei gespeichert werden und je nach Bedarf der Verbraucher minutengenau in Elektrizität umgewandelt werden. Wind- und Sonnenstrom ließen sich dagegen nur in geringen Mengen und teuren Batterien bevorraten. Trotzdem ist der Sonsbecker abhängig davon, was der Gesetzgeber in den nächsten Jahren entscheidet. „Wir hoffen, dass die Politik die Stromerzeugung mit Biogas wieder attraktiver macht“, sagt Boßmann. Noch ist er optimistisch.