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Kabarettist Dieter Nuhr spricht über Extremisten und Coronavirus

Interview Dieter Nuhr : „Ich bin ein Hassobjekt für Extremisten jeder Art“

Der aus Wesel stammende Kabarettist Dieter Nuhr spricht im Interview über Kabarett und das Coronavirus und einen gelöschten Facebook-Post.

Dieter Nuhr ist einer der renommiertesten Kabarettisten Deutschlands und stammt gebürtig aus Wesel. Wie nimmt er die gegenwärtige Corona-Krise wahr und wie verändert sie seine Arbeit? Wie viel Humor ist in der Krise nötig, wie viel erlaubt? Sebastian Peters interviewte Dieter Nuhr.

Herr Nuhr, darf man über das Virus und seine Wirkung Witze machen?

Dieter Nuhr Man darf über alles Witze machen. Die Geschmacksgrenze definiert natürlich jeder anders. Ich kann mich nur nach meiner eigenen richten. Die stimmt hoffentlich mit der meines Publikums überein. Aber davon gehe ich aus, sonst würden nicht so viele Leute zugucken. Die letzte Sendung hatte die beste Quote, die wir jemals hatten.

Macht es die Corona-Krise Ihnen schwerer, als Kabarettist zu wirken?

Nuhr Lustige Frage. Mein Hauptberuf ist ja der Liveauftritt. Und der ist untersagt. Insofern ist mein Berufsleben gerade im Wesentlichen geringfügig inexistent. Ein bisschen Fernsehen geht noch, allerdings ohne Publikum. Da ist das Kabarettistendasein gerade ein bisschen mühsam. Dafür ist es aber in normalen Zeiten sehr angenehm. Alles gleicht sich irgendwann aus.

Wie gestaltet sich Ihr Alltag in der Corona-Krise jetzt?

Nuhr Ich glaube, ich hatte in den letzten 30 Jahren selten so viel Zeit wie heute, mich in der Natur zu bewegen. Der Blick auf den Rhein vermittelt ja bei uns wie bei Ihnen dieses einzigartige Gefühl, der Zeit beim Fließen zusehen zu können. Das kann ich jetzt genießen in der temporären Berufslosigkeit...

Spüren Sie den Wunsch nach menschlicher Begegnung, wie halten Sie Kontakt zu Menschen und wird jetzt mehr oder weniger gescherzt?

Nuhr Im Moment mag ich die Menschen am liebsten, wenn sie in angemessener Entfernung flach atmen ohne zu husten. Ich halte in diesen Tagen medial Kontakt, per Telefon zum Beispiel. Ich entdecke auch gerade die Freuden des Videotelefonierens. Vielleicht werden wir alle bald komplett digitalisiert. Auch gut.

Sie haben zu einem frühen Zeitpunkt der Pandemie in einem Post bei Facebook geäußert, dass Sie trotz des Coronavirus weiter auftreten wollen. Danach hagelte es Kritik. Sehen Sie Anlass, den Post zu korrigieren oder stehen Sie dazu?

Nuhr Wenn Kritik berechtigt ist, bin ich der letzte, der auf seinem Standpunkt beharrt. Ich habe den Post bereits mehrfach korrigiert und übrigens auch gelöscht. Aber das hindert die Leute nicht daran, ihn weiter zu zitieren. Wahrscheinlich noch bei der nächsten Pandemie in 70 Jahren. Selbst das RKI hat das Virus anfangs unterschätzt, ich bin da also in guter Gesellschaft.

Wie empfanden Sie diese Reaktionen? Wird Dieter Nuhr nun per se zur Reizfigur für manche Deutschen, und wie kommen Sie mit dieser Rollenzuschreibung klar?

Nuhr Unhöfliche Reaktionen von Wutgestörten im Internet sind für mich indessen Gewohnheit. Da ich weder links noch rechts noch religiös bin, bin ich ein Hassobjekt für Extremisten jeder Art. Damit kann ich gut leben. Für die überwältigende Mehrheit der Menschen bin ich keine Reizfigur. Im Internet tummeln sich aber gerne die, die sich ansonsten mit Sozialverhalten schwertun. Man hört das am Umgangston. In den sozialen Medien bemerkt man, bedingt durch den Algorhythmus, in erster Linie die, die den größten Krawall machen. Viele – vielleicht auch Sie? – verwechseln dann die Erregung von ein paar Schreihälsen im Internet mit der öffentlichen Meinung. In der realen Welt schlägt mir überall Freundlichkeit entgegen. Der Satz, den ich am häufigsten höre, ist: „Machen Sie weiter!“ Das freut mich sehr.

Welche Phänomene beobachten Sie in den sozialen Medien, wie verändert sich Kommunikation dort, besonders unter Kabarettisten?

Nuhr Unter den Kollegen gibt es, wie in jeder anderen Berufsgruppe auch, einige angenehme Menschen, aber auch viele Betonköpfe. Da will ich kein holzschnittartiges Pauschalurteil treffen. Ich bin mit einigen Kollegen gut befreundet, bei anderen bin ich ausgesprochen stolz, nichts mit ihnen zu tun zu haben. Es gibt unter Kabarettisten Witzbolde, aber auch jede Menge Gemütsstalinisten, die gerne Andersdenkende liquidieren würden. Da bin ich dann froh, wenn sich die Kollegen nur geringer Relevanz erfreuen.

Ihre Prognose: Wird das Coronavirus in Ihren künftigen Programmen eine Rolle spielen oder ist es kabarettistisch gnadenlos überschätzt?

Nuhr So schnell, wie die Themen bei uns wechseln, weiß ich nicht, ob sich bis zum nächsten Programm überhaupt noch jemand an das Coronavirus erinnert.