Tilman Latzel, Leiter Der Gesamtschule Alpen "Ich verstehe manche Eltern nicht"

Xanten · Die Sekundarschule in Alpen steht vor aufregenden Tagen. Morgen beginnen die Anmeldungen für das neue Schuljahr. Schulleiter Tilman Latzel hofft, dass mindestens 60 Neulinge kommen. Das würde die Eigenständigkeit der Schule sichern.

 Schulleiter Tilman Latzel ist froh, dass die Vorzüge seiner ländlichen Schule mit kleinen Klassen auch außerhalb der Gemeinde geschätzt werden.

Schulleiter Tilman Latzel ist froh, dass die Vorzüge seiner ländlichen Schule mit kleinen Klassen auch außerhalb der Gemeinde geschätzt werden.

Foto: Fischer

Alpen Das Ende des ersten Schulhalbjahres bedeutet für Schüler eine Standortbestimmung. In Hälfte zwei sind Korrekturen möglich, um sein Ziel zu erreichen. Für die Sekundarschule sind diese Tage wesentlich ernster. Die Zahl der jetzt anstehenden Neuanmeldungen für das neue Schuljahr im Sommer, sind bedeutsam für die Zukunft der Schule. Zuletzt war die hinter der Vorgabe zurückgeblieben. Das hat die Politik und die Schulaufsicht auf den Plan gebracht. Um den Schulstandort Alpen zu sichern, haben die Räte in Alpen und Rheinberg vorgebaut. Sollte die Akzeptanz der Sekundarschule weiter nachlassen, verlöre sie am Ende ihre Eigenständigkeit und würde zur Dependance der Rheinberger Europaschule, die dann von einer Gemeinschafts- vorzeitig zur Gesamtschule würde. Aber so weit ist es noch nicht. Jetzt haben die Eltern das Wort.

Herr Latzel, die Tage der Anmeldung sind sehr wichtig. Und sie stecken voller Ungewissheit. Können Sie noch ruhig schlafen.

Latzel Es wäre ziemlich schlecht, wenn ich nicht mehr ruhig schlafen könnte. Da kann ich nicht klagen. Aber ich gebe ehrlich zu, dass ich in diesen Tagen angespannter bin als an anderen Tagen. In vielen Gesprächen geht's natürlich um die Frage, wie die Eltern wohl entscheiden.

Ich gehe davon aus, dass Sie Ihre Fühler längst ausgestreckt haben. Welche Stimmung nehmen Sie wahr?

Latzel Klar, wir kriegen in Gesprächen mit Eltern - beispielsweise am Tag der offenen Tür - mit, wie man uns wahrnimmt. Mich freut es sehr, dass unsere Schule auch außerhalb der Gemeinde registriert wird. Eltern aus Borth, Xanten und auch aus Rheinberg selbst haben Interesse gezeigt und sich informiert. Offenbar betrachten sie uns als echte Alternative zu den schulischen Großsystemen um uns herum.

Wenn Sie so auf die Nachbarn abheben, könnte man auf den Gedanken kommen, dass Sie wenig Hoffnung haben, dass genug Kinder aus Alpen zu Ihnen kommen.

Latzel Wir hatten zuletzt hier nicht den Zuspruch, den wir uns erhofft, ja eigentlich erwartet haben. Aber man muss realistisch sein. Von den rund 100 Grundschülern, die im Sommer auf eine weiterführende Schule wechseln, haben viele eine gymnasiale Empfehlung. Die denken, was ich durchaus verstehen kann, nicht zuerst an uns. Deshalb müssen wir, um genug Schüler für uns zu rekrutieren, über den örtlichen Rand hinausschauen.

Dennoch klingt durch, dass Sie vor Ort durchaus mehr Potenzial sehen, als Sie zuletzt gehoben haben.

Latzel Das ist nicht ganz falsch. Es ist schon etwas frustrierend, dass wir mit all unseren Bemühungen nicht alle Eltern so erreichen, wie es die Schule - in aller Bescheidenheit - wirklich verdient hat. Ich weiß eigentlich nicht, was wir noch machen sollen, um den Mehrwert, den unsere Schule nachweislich bietet, den Eltern so zu vermitteln, dass sie sich für uns entscheiden.

Entscheidung setzt Information voraus. Sie die Eltern gut informiert?

Latzel Wir geben uns alle Mühe. Aber in der Tat ist es so, dass manche Eltern unsere Informationsangebote nicht annehmen. Das kann ich nicht verstehen. Wenn ich die beste Schule für mein Kind finden will, dann schau' ich mich doch um, mache mir ein möglichst konkretes Bild und entscheide dann.

Das hört sich so an, als hätten sich viele Eltern bereits ein Bild gemacht, das sie auf Distanz zur Sekundarschule hält.

Latzel Da scheint mir tatsächlich Problem zu liegen, das wir als Schule nur schwer lösen können. Vorbehalte auf der Grundlage von Hören-Sagen kann man auch durch gute Argumente nur ganz schwer überwinden.

Versuchen Sie's hier doch mal mit Argumenten. Was ist ihr Plus?

Latzel Kleine Klassen und eine sehr gute Schüler-Lehrer-Relation, die individuelle Förderung leichter macht. Außerdem sind wir als kleine ländliche Gesamtschule ohne Oberstufe nicht einseitig aufs Abitur ausgerichtet. Wir bieten eine ausgezeichnete Berufsorientierung. Dabei werden wir, wie gerade deutlich gemacht worden ist, von den örtlichen Betrieben hervorragend unterstützt. Dass die Kooperation mit den Betrieben jetzt auch in Rheinberg Schule machen soll, zeigt doch, dass unsere gute Arbeit wahrgenommen wird. Das Gleiche gilt übrigens für die Fächerrotation in Klasse sechs, um am Ende die richtige Wahl für seinen Schwerpunkt treffen zu können. Das Modell ist von anderen Schulen in Nordrhein-Westfalen inzwischen übernommen worden.

Hand aufs Herz. Wie viele Anmeldungen schaffen Sie?

Latzel Ich denke, dass wir um die 60 Anmeldungen erwarten dürfen. Wenn's mehr werden - um so besser. Dann wäre unsere Eigenständigkeit automatisch gesichert und es würde Ruhe einkehren, so dass wir uns wieder ganz auf unser Kerngeschäft, auf das Unterrichten, konzentrieren können. Wenn es knapp unter 60 ginge, wäre auch das kein Problem. Durch die Nachzügler werden wir unser Soll packen. Sicher ist, dass jedes Kind, das jetzt angemeldet wird, nach Klasse zehn als Sekundarschüler seinen Abschluss machen kann.

Alpen ist nicht die einzige Sekundarschule im Land, die sich schwertut. Was erwarten Sie von der Politik?

Latzel Vor allem Zeit und die Abkehr von der reinen Fixierung auf die Anmeldezahlen. Sinnvoll wäre eine verlässliche Perspektive bis mindestens zum Schuljahresende 2021. Dann haben die ersten unserer Schüler ihr Abitur gemacht und wir damit zugleich den Nachweis erbracht, dass unsere Schule bis in die Spitze der schulischen Bildung hinein leistungsfähig ist. Wer das Abitur anstrebt, kann das über uns problemlos und ohne Brüche erreichen, nicht im Turbo-Tempo, aber im höchsten Maße im Einklang mit der persönlichen Lernentwicklung.

BERNFRIED PAUS FÜHRTE DAS INTERVIEW.

(RP)