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Hofsterben am Niederrhein​: Landwirte in Sonsbeck setzen auf Nebenjobs​

Hofsterben am Niederrhein : Landwirte setzen auf Nebenjobs

Um ihre Betriebe aufrechtzuerhalten, erschließen sich viele Landwirte weitere Geschäftsfelder. Landtagsabgeordneter René Schneider besuchte einen alten Bauernhof in Sonsbeck, der sich komplett neu erfunden hat.

Klimawandel, niedrige Erzeugerpreise sowie steigende Boden- und Pachtpreise haben in den vergangenen Jahren viele Landwirte unter wirtschaftlichen Druck gesetzt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind im Zeitraum von 2016 bis 2020 jährlich rund 3000 landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland aufgegeben worden. In den Jahren 2010 bis 2016 schrumpfte die Zahl der Betriebe sogar um 4000 pro Jahr. Auf seiner Sommertour unter dem Motto „bedrohte Arten“ machte der SPD-Landtagsabgeordnete René Schneider in Sonsbeck Halt, um mit den örtlichen Landfrauen über das Höfesterben auch am Niederrhein zu sprechen.

Der Hof von Brigitte Krebber-van Betteray, der Vorsitzenden der Sonsbecker Landfrauen, präsentierte sich bei dem Besuch sehr lebendig. 1735 wurde der Klappboomshof erstmals im Register erwähnt. Seit 1861 befindet er sich im Familienbesitz. Kerngeschäft war lange die Schweinezucht. Doch in der sechsten Generation zogen auch die van Beterays die Reißleine. Als die Preise für Schweinefleisch zunehmend sanken und mit den Corona-Lockdowns auch noch die Absatzmärkte einbrachen, entschied die Familie, die Zucht aufzugeben. 2021 verließ die letzte Sau den Klappboomshof. Vor allem für Johannes van Betteray war dies kein leichter Schritt. „Aber wir hatten die drei Optionen, den Hof verkommen zu lassen, zu verkaufen oder umzunutzen“, sagte er. „Wir haben uns neu aufgestellt, um ihn lebendig zu halten“, ergänzte die Landfrauen-Vorsitzende.

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Heute werden dort geführte Eseltouren angeboten. Die Familie hat vier Schimmel im Besitz. Der Stall wurde entkernt, saniert und dient nun als kleines Museum. Der 23-jährige Sohn, der eine Tischlerwerkstatt am Hof betreibt, hat zudem ein Tiny House für die Eltern gebaut, das in einem kleinen Wäldchen nahe des Haupthauses steht. Seit April ist das Mini-Ferienhäuschen in der Vermietung. „Es ist schön, Gäste auf dem Hof begrüßen zu können, die dann mal sehen, wie Landwirtschaft funktioniert“, betont Krebber-van Betteray. Noch immer betreibt die Familie Ackerbau, baut auf rund 45 Hektar Land Zuckerrüben, Getreide und Mais an. „Ist eine multifunktionale Landwirtschaft also ein möglicher Weg hin zur Landwirtschaft der Zukunft?“, fragte René Schneider.

Tatsächlich scheinen für Landwirte zusätzliche Einkommensquellen eine Schlüsselrolle einzunehmen, um fortzubestehen. Laut Statistischem Bundesamt betrieben 2020 die Hälfte aller landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland zu ihrer Primärproduktion noch zusätzliche Geschäftsbereiche. 47 Prozent verdienten sich mit der Erzeugung erneuerbarer Energien etwas dazu. Forstwirtschaft (29 Prozent) und Direktvermarktung (18 Prozent) waren weitere wichtige Einkommensquellen. Jeder vierte arbeitete zeitweise auf anderen Höfen.

Auch Ulrike und Frank Terhorst haben Photovoltaik-Anlagen auf ihren Dächern, um sich ein Zubrot zu sichern. Doch bei rund 115 Hektar Land in der Bewirtschaftung, Schweinemast und Milchviehbetrieb wird der Spielraum knapp, noch ein weiteres Standbein aufzubauen. Das Paar sieht daher auch die Politik in der Pflicht, vor allem jungen Landwirten eine Perspektive zu geben. „Unser Sohn ist gerade aus der Lehre raus und würde irgendwann den Hof übernehmen“, erzählte Frank Terhorst. Neue Verordnungen würden Landwirten aber immer neue Investitionen abverlangen. „Wenn unser Sohn für einen hohen sechsstelligen Betrag den Stall umbauen muss, dann braucht er auch Planungssicherheit, dort für 15 oder 20 Jahre produzieren zu dürfen“, betonte Terhorst. Ferner forderte er einen gerechteren Handel. „Wir stellen Tieren gerne mehr Platz, Spielzeug und mehr zur Verfügung. Aber es ist nicht fair, dann mit dem Billigfleisch aus dem Ausland konkurrieren zu müssen“, sagte der Sonsbecker.

Schneider gab ihm recht und untermauerte, dass es allgemeingültige Standards in den Märkten sowie Einfuhrregelungen für ausgleichende Bedingungen geben müsse. Zugleich räumte er ein: „Beim Thema Landwirtschaft wird die Musik auf EU-Ebene gespielt.“ Dennoch wurde auf dem Hof in Sonsbeck noch lange diskutiert – bei einem Eis von einem örtlichen Gelatiere, das aus Milch von regionalen Landwirten hergestellt wurde. „Regional ist das neue Bio“, sagt Schneider. Denn ohne Anbau geht es nicht.

(beaw)