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Xanten: Eine Erinnerungsaufgabe

Xanten : Eine Erinnerungsaufgabe

Gestern vor 65 Jahren starben 43 Arbeiter beim Explosionsunglück in der Munitionsfabrik in der Hees. Gestern Abend gedachten die Stadt Xanten, das St. Josef Hospital sowie die katholische und evangelische Gemeinde der Toten.

Der 20. November 1942 ist ein Freitag, es ist diesig, regnerisch und sechs Grad kalt. Der Historiker Dr. Ralph Trost zitiert in der Kapelle des St. Josef Hospitals das nüchterne Protokoll zum Unglück in der Luftmunitionsanstalt 2/VI (Volksmund: Muna): Im Arbeitshaus 4 soll die „BM 1000 mit Kompasswelle“ montiert werden. Der Oberfehlshaber Süd hat 150 Stück für den Einsatz an der Ostküste Siziliens geordert. Eine Routinearbeit.

Fenster flogen auf

Zur gleichen Zeit hat der damals elfjährige Wilhelm Sanders Unterricht in der Rektoratsschule in der Innenstadt. An das Unterrichtsfach kann er sich heute nicht mehr erinnern, aber an die Knall. Sanders: „Die Fenster im Klassenzimmer flogen auf, die Scheiben zerbarsten.“

Das war um die Mittagszeit. Ralph Trost zitiert aus den Protokoll: Im Umkreis von 100 Metern wurde das Gelände in ein Trümmer- und Geröllfeld verwandelt. Xantens Bürgermeister Schöneborn hatte vom Rathaus aus eine schwarze Rauchwolke über der Munitionsanstalt gesehen und einen Krankenwagen in die Hees geschickt.

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Für Wilhelm Sanders und seine Klassenkameraden war’s damit vorbei, denn der Unterricht ging weiter. „Es wurde ja über nichts gesprochen. Das war ja damals alles ganz geheim.“ Auch später wurde nicht gesprochen, trotz der großen öffentlich Trauerfeier am 25. November, bei der die Särge der Opfer auf dem Xantener Markt aufgebahrt wurden. Wilhelm Sanders hat die Feier vom Gotischen Haus aus verfolgt.

Ralph Trost zitiert leidenschaftslos aus dem Protokoll: Einen Tag nach dem Unglück ist ein Kriminalkommissar der Gestapo Krefeld in Xanten; am 26. November wird die Unglücksstelle für Aufräumarbeiten freigegeben. Sabotage wird ausgeschlossen.

65 Jahre später treffen sich zumJahrestag des Unglücks viele Menschen in der Kapelle am St. Josef Hospital. Unter ihnen Abordnungen der Schützenbruderschaften von St. Helena und St. Victor; beide Bruderschaften pflegten und pflegen die Gedenkstätte. Auch Wilhelm Sanders ist zum Gedankenaustausch gekommen. Denn das von Ralf Trost vorgetragene Protokoll und die Schilderung der historischen Fakten sind Gesprächsstoff für viele.

Es ist überhaupt das erste Mal, dass der Opfer gedacht wird – und der 35 Soldaten, die zwei Jahre später, am 6. Oktober 1944, bei einem Luftangriff auf Birten starben, weil ein Munitionslager der Anlage getroffen wurde. Bürgermeister Christian Strunk erinnerte in seiner Begrüßung daran, dass auf dem Standort der Munitionsfabrik inzwischen Gutes entstehen konnte: das 1956 von den Katharinen-Schwestern errichtete St. Josef Hospital, vom Orden inzwischen zum modernen medizinischen Versorgungszentrum für die weite Umgebung ausgebaut. Der Bürgermeister verknüpft die Gedenkfeier mit dem Volkstrauertag: „Hier werden wir konkret.“

Erinnerungsaufgabe

Pfarrerin Ulrike Dahlhaus führt – unterstützt von Franziskanerpater Placido – durch die ökumenische Feier. Erinnerung, sagt die Pfarrerin, ist nicht nur rückwärts gerichtet, sie umfasst Zukunft und Gegenwart. „Kirchliche Erinnerungsaufgabe nimmt das menschliche Zusammenleben in den Blick.“ Ulrike Dahlhaus wählt an diesem Abend aus dem Matthäus-Evangelium: „Liebet eure Feinde.“

Das Bläser-Ensemble der Xantener Marienschule, welches bereits die Feier zum Volkstrauertag begleitet hat, gestaltet auch das Gedenken in der Krankenhauskapelle.

(RP)