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Xanten: Draußen Sturm, drinnen Storm

Xanten : Draußen Sturm, drinnen Storm

"Ist es nicht wunderbar, Zeit zum Zuhören zu haben?", beschrieb Martin Lersch nach eineinhalb Stunden die Stimmung in der Stadtbücherei Xanten. Zum 200. Geburtstag Theodor Storms hatte der Künstler gemeinsam mit seiner Frau Gesine Lersch-van der Grinten zu einer musikalisch untermalten Lesung eingeladen.

Bücherei-Leiterin Anita Rosenberg begrüßte rund 20 Zuhörer zu einer "kleinen intimen Geburtstagsfeier", die mit "Biedermeier in unruhigen Zeiten hier und jetzt" überschrieben war. Lersch stellte sein kleines Skizzenbuch vor mit jeweils zwölf Skizzen zu zwei Erzählungen Storms, gezeichnet 2015 mit Feder, Chinatusche und Buntstiften auf Papier. Er zitierte aus dem Vorwort: "Storm, geboren am 14. September 1817, war in seinem reichhaltigen Leben Rechtsanwalt, Kreis- und Amtsrichter, Verfasser von Gedichten, Erzählungen, Märchen und Spukgeschichten, und er war Herausgeber literarischer Sammelwerke."

Draußen tobte der Sturm, so dass es für die Zuhörer noch leichter war, mit der sanften Stimme von Gesine Lersch-van der Grinten einzutauchen "in die Welt des späten Biedermeiers, in die der deutschen Romantik, eine Zeit, die auch heute noch begeistern und anregen kann. Vielleicht weil Ruhe und Bürgerlichkeit von ihr ausstrahlen." In vielen Novellen Storms ist die unerfüllte Liebesbeziehung der thematische Dreh- und Angelpunkt: Melancholie, Sehnsucht, Wunsch nach Erfüllung, Wunsch nach Zauber und Unbekanntem, so auch in der Erzählung "Im Nachbarhaus links". Die Novelle erzählt von einer alten Dame, die "im Munde des Volkes schon fast zur Sage geworden war" und ihrer Testamentsänderung wegen möglicher Erbschleicher. Der Beginn der Geschichte mit Zigarrenrauch, lustigen Kinderstimmen, düsteren Häusern mit blinden Fensterscheiben, mit Grünspan überzogenem Messingklopfer, Stuckdecken, Spinngeweben, Lehnstuhl und einem erinnerungsreichen Mahagonischrank versetzten die Zuhörer in längst vergangene Tage.

Zehn musikalische Intermezzi mit Akkordeon (Martin Lersch) spiegelten Traurigkeit, Geselligkeit, Lebensfreude, Neugierde, aber auch Trotz, Unverständnis und Dramaturgie wider. Am Ende interpretierte Lersch die vier bekannten Storm-Gedichte "Noch einmal", "Kritik", "Im Garten" und den "Spruch des Alters": "Vergessen und Vergessen werden! Wer lange lebt auf Erden, der hat wohl diese beiden zu lernen und zu leiden." Ob Storm wusste, dass er auf so charmante Art in Erinnerung gehalten wird? Es gab viel Applaus für diese anregende Lesung.

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