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Sonsbeck: Die Plünderer luden Kinderwagen als Trophäe aufs Verdeck

Sonsbeck : Die Plünderer luden Kinderwagen als Trophäe aufs Verdeck

Der Krieg war endlich vorbei, die Front weiter in Richtung Osten gezogen. Man hatte überlebt. Doch die zurückkehrenden Sonsbecker Flüchtlinge erlebten im März 1945 erneut eine böse Überraschung. Rektor Lambert Janssen zum Beispiel musste feststellen, dass alliierte Soldaten seine Wohnung besetzt hatten. Fast das gesamte Mobiliar hatten deutsche Soldaten kurz vor ihrem Rückzug noch ins Freie geworfen. "Zertrümmert lag alles wild durcheinander", erinnert er sich in der Chronik der St.-Michael-Schule. Aber "die Tatsache, noch das Leben zu haben, tröstete rasch über alles hinweg".

Auch darüber, dass nun alliierte Soldaten ihrerseits Mobiliar auf ihren Lastwagen verluden, Möbel, Teppiche, Läufer, Küchengeräte. "Schließlich setzten sie unseren Kinderwagen als eine Art Trophäe auf das Verdeck", erinnert sich der Pädagoge. Andere kamen glimpflicher davon und hatten kaum unter Plünderungen zu leiden.

Bei den Kämpfen um Sonsbeck sind 300 deutsche Soldaten und etwa 30 Zivilisten gefallen. Die Zahl der Toten bei den Alliierten liegt bei rund 80. Alle wurden zu beiden Seiten des Aufgangs zur Gerebernuskapelle, in Segeltuch eingeschlagen, in vorläufige Gräber gelegt. Obwohl der Zweite Weltkrieg zu Ende war, blieb das Leben gefährlich. Gast- und Landwirt Joseph Roeloffs zum Beispiel trat beim Versuch, ein Pferd einzufangen, in der "Huf" auf eine Mine und starb auf der Stelle.

Nach dem Rheinübergang rückten niederländische Truppen für die Kanadier nach. Lambert Janssen berichtet von schlimmen Tagen, an denen weiter geplündert wurde. Häuser wie die Raymannskate in Hammerbruch wurden mutwillig in Brand gesetzt. Eine Beschwerde des Rektors beim zuständigen General in Kevelaer blieb ohne Erfolg. Als die Militärpolizei endlich gegen 22 Uhr erschien, waren die Plünderer mit ihrer Beute auf und davon.

Das kleine Sonsbeck war in weiten Teilen verwüstet. Im Ort selbst gab es mehr zerstörte als bewohnte Häuser. Die kleineren Ortschaften kamen glimpflicher davon, in Labbeck waren noch 91 von 107 Häusern bewohnbar, in Balberg 117 von 145. Janssen selbst wurde Vize-Bürgermeister und musste versuchen, die Wohnungsnot zu lindern. Bei seinen Gängen von Haus zu Haus stellte er fest, wo noch Menschen notdürftig untergebracht werden konnten, und hielt Ausschau nach Baumaterial. Dank, wie er schreibt, einer hohen Hilfsbereitschaft fanden rund 120 Familien ein Dach über den Kopf. "Nur in zwei oder drei Fällen begegneten mir Schwierigkeiten und Widerstand - das bei Leuten, die nichts oder nur wenig verloren hatten."

Halbwegs gesichert war die Ernährung der Bevölkerung. Es gab angeschossenes Vieh, das geschlachtet werden musste, Vorräte an Getreide, Mahlgeräte, Benzin und einen intakten Backofen. Die Not blieb jedoch noch jahrelang. Selbst für den März 1948 berichtet der Rektor davon, dass jedes zweite Kind kein Frühstück mit in die Schule brachte und dass vier von zehn Schülern nur ein einziges Paar Schuhe besaßen.

(pek)