Xanten: Der Visionär denkt auch mit 87 noch nach vorn

Xanten: Der Visionär denkt auch mit 87 noch nach vorn

Als ehemaliger Xantener Bürgermeister hat er nicht nur die große Volkszählung 1987 mitgemacht. Er weiß auch, was es heißt, als Fremder in einer Stadt anzukommen. "Toegetrokken Pack" nennt man diese Menschen auf Platt. Er ist einer davon. Auch heute, mit 87 Jahren, ist er noch ein Mann mit Visionen. Unser Kaiser Augustus heißt Alfred Melters.

Ein gepflegtes Glas Bier war sein Einstieg in die Xantener Bürgerschaft. Alfred Melters, 87 Jahre alt, erinnert sich an das - wie er selbst sagt - "schöne Ereignis", als wäre es gestern gewesen. Doch es war schon mehr als 50 Jahre her, als er eines Abends zu seiner Frau sagte: "Ich gehe noch mal schnell ein Bierchen trinken." Wie der Zufall es so wollte, landete er im Hotel van Bebber. Das Restaurant an der Klever Straße war damals Xantens erste Adresse. "Dort saßen alle Originale am berühmten runden Tisch", blickt Melters glücklich zurück. Weniger Minuten später, als Wirt Pit van Bebber ihn fragte, ob er essen oder nur etwas trinken möchte, gehörte er selbst dazu. "Es war mein erster Ausgang, den ich hier in der Stadt hatte", sagt Melters. Behilflich war ihm dabei nicht nur das Bier, sondern auch die plattdeutsche Sprache. "Sie haben mich verstanden. Das Eis war gebrochen. Ich war angekommen."

Denn Melters war ein Fremder. 1963 zog er, weil er eine Anstellung als Lehrer für Deutsch und Geschichte am Gymnasium bekam, von Emmerich nach Xanten. "Toegetrokken Pack" nennt man das auf Platt. "Das Problem mit den Fremden hat es also schon immer gegeben", sagt der Mann, der 20 Jahre später Xantens Bürgermeister wurde und insgesamt 30 Jahre lang dem Rat angehört hat, heute mit einem Lächeln im Gesicht. Seine Erfolgsformeln: Er hat schon früh angefangen, Kontakte zu knüpfen. Und er ließ sich sehen.

Als begeisterter Fahrradfahrer fuhr er mindestens einmal in der Woche durch seinen Wahlbezirk in der Hees. "Wo ich Leute angetroffen habe, habe ich auch mit ihnen gesprochen. Das kam an", sagt Melters. Kurzum: Um große Politik zu machen, muss auch das Zwischenmenschliche stimmen. "Das haben wir kultiviert, das war nicht aufgesetzt, das war unser Naturell."

Wir - das sind Heinz Trauten und Melters. Der ehemalige Stadtdirektor, der im Juli dieses Jahres, nur wenige Wochen vor seinem 80. Geburtstag starb, und der Bürgermeister a.D. waren, ja, das kann man durchaus sagen, ein gutes Gespann. "Wir hatten Visionen und Beziehungen." Melters erzählt. Von Günter Berns, früherer Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Moers, der das Glockenspiel am Rathaus finanziert hat. Von Alfred Gaertner, von 1976 bis 1995 Regierungsvizepräsident in Düsseldorf, der als gelernter Schauspieler im Amphitheater in Birten einmal in langen weißen Unterhosen vorm damaligen Regierungspräsidenten auftrat. "Das war im Anschluss ein langer, fröhlicher und zukunftsträchtiger niederrheinischer Abend", so Melters mit einem verschmitzten Grinsen. Und davon, dass die Stadt Xanten der Gemeinde Alpen die Jugendherberge "geklaut" hat. Und von den erfolgreichen Bemühungen, den Sitz des Niederrhein-Bischofs nach Xanten zu holen - und eben nicht nach Kevelaer. Und natürlich von den drei großen "A"s - die, wie man früher sagte, für die "Hochzeit" von Xanten verantwortlich gewesen sein sollen - Propst Alfred Wilms, Gastwirt Alfred Opel und Bürgermeister Alfred Melters.

Die Hochzeit, das waren die 70er und 80er Jahre. Xanten, das Ende des Zweiten Weltkrieges zu 85 Prozent zerstört war, lebte wieder auf, entwickelte sich von der kleinen Landstadt ohne Raum für Entwicklung zu einer Stadt für Geschichte und Kultur, Freizeit und Natur. "Heinz Trauten hat damals früh erkannt, dass Xanten keine Stadt für Industrie ist. Wir hatten weder eine Autobahn noch eine Brücke. Aber wir hatten die versunkene römische Stadt und Kies", so Melters.

Er gerät ins Schwärmen. Denn es folgten die Landesgartenschau, die Eröffnung des Archäologischen Parks und die historische Stadt als europäische Beispielstadt - alles 1972. Zudem wurden die landwirtschaftlichen Flächen vor den Toren der Stadt ausgebaggert und zum Freizentrum Xanten ausgebaut. "Die Erholung für die Kumpels, das war auch die Motivation für die Geldgeber", sagt Melters. Die Klammer der beiden Visionäre war dabei stets der Wiederaufbau der zerstörten Stadt. "Daraus entwickelte sich der Mut zu Neuem."

Heute sieht er es ähnlich. Melters wünscht sich für die Zukunft eine Weiterentwicklung der historischen Kernstadt. "Es ist wichtig, den Stadtkern lebensfähig zu halten. Auch die Klever Straße müsste mal angepackt werden. Und eine Art Stadthalle fehlt in Xanten. Ich weiß von wunderbaren Plänen für den Ziegelhof. Auch das könnte noch einmal aufgriffen werden. Die Domstadt hat auch Potenzial als Kunststadt. Vor allem wünsche ich mir aber, dass die Menschen wieder mehr aufeinander zugehen, dass sie sich verstehen - über das politische Tun hinaus." Im Plattdeutschen heißt das: "Ene drinke goan."

(RP)