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Xanten: Der Kreis der Pferde

Xanten : Der Kreis der Pferde

"Im Märzen der Bauer" - dieses berühmte Volkslied steht Pate für eine Serie der Rheinischen Post und der Volksbank Niederrhein. Ein Jahr lang begleiten wir Bauern aus der Region. In der vierten Folge sind wir auf dem Zucht- und Pensionsstall (Tünglerhof) von Stefan Miß (50) aus Xanten zu Gast.

Mit der Weihnachtsverlosung 1975 fing alles an. Stefan Miß war damals sieben Jahre alt, als sein Vater Wilhelm den Hauptpreis gewann. Es war ein Pony. Sein Pony. "Von da an habe ich in meiner Freizeit geritten", erinnert sich Miß. Heute ist er 50 Jahre alt und führt gemeinsam mit seiner Frau Julia (33) den Zucht- und Pensionsstall Tünglerhof in Xanten. "Wir haben 75 vermietbare Boxen und vier Zuchtstuten", sagt Miß. Bis dahin war es ein langer, vor allem nicht immer einfacher Weg. Doch dazu später mehr.

 An der Urseler Straße 11 liegt der Tünglerhof von Julia und Stefan Miß.
An der Urseler Straße 11 liegt der Tünglerhof von Julia und Stefan Miß. Foto: Julia Lörcks

Pferdesport und Pferdezucht sind in Nordrhein-Westfalen von großer Bedeutung. Nicht ohne Grund, so schreibt es selbst das Umweltministerium, findet sich das Pferd im Landeswappen wieder: "Das Pferdeland NRW besitzt einen hervorragenden Ruf. Viele Reiter erfreuen sich am Pferdesport. Dieser ist zu einer bedeutenden Branche geworden." Der Kreis Wesel sieht das ähnlich: "Bedingt durch den rasanten Strukturwandel in der Landwirtschaft haben sich die Pferdezucht und der Reitsport zu einem weiteren wichtigen Betriebszweig der Landwirtschaft entwickelt." Genauer gesagt gibt es hier - Stand 1. März 2016 - 189 landwirtschaftliche Betriebe, die sogenannte Einhufer (Pferde, Esel) halten. Damit liegt der Kreis Wesel auf dem ersten Platz, gefolgt vom benachbarten Kreis Kleve mit 187 und dem Kreis Mettmann mit 88 landwirtschaftlichen Betrieben. Beim Kreis-Pferdesportverband Wesel sind derweil 42 Pferdebetriebe gelistet - darunter auch die großen Reitställe wie Schult und Voss aus Hünxe. Elf davon kommen aus Alpen, Rheinberg, Sonsbeck und Xanten. Der Tünglerhof ist einer davon.

 Über den Hof führt auch der Wanderreitweg Grenzenlos Reiten.
Über den Hof führt auch der Wanderreitweg Grenzenlos Reiten. Foto: Julia Lörcks

Das war nicht immer so. Das Anwesen - Heinrich Engelskirchen vermutet in seinem Aufsatz "Niederrheinische Bauernhöfe im Raume von Xanten", dass dieses bereits seit 1315 besteht - war früher einmal eine Gärtnerei mit Obst- und Gemüseanbau. Seit 1974 befindet sich der Betrieb im Eigentum der Familie Miß. "Wir wurden damals vom APX zur Urseler Straße umgesiedelt und haben hier als ganz normaler Betrieb mit Kühen, Schweinen und Ackerbau angefangen", sagt Miß. Er begann seine Lehre zum Landwirt und kehrte nach drei Jahren zurück. Doch schon damals reichten 50 Kühe, 60 Sauen und ein bisschen Ackerbau nicht mehr aus, um zwei Familien davon zu ernähren. "Wir hatten den Plan für einen neuen Kuhstall schon fertig in der Schublade liegen, als eines Tages ein Berater zu uns auf den Hof kam und meinen Vater und mich fragte, ob wir nicht Interesse an der Pferdehaltung hätten", erinnert sich Miß. "Zwei Tage später haben wir uns entschieden, eine Reithalle zu bauen." Das war 1991. Ein bis zwei weitere Jahre später stand der Bau - mit 20 mal 40 Metern groß genug, um darin Turniere zu veranstalten. Von da an nahm alles seinen Lauf.

 Die Boxen sind alle vier mal vier Meter groß. Stroh wird selbst angebaut.
Die Boxen sind alle vier mal vier Meter groß. Stroh wird selbst angebaut. Foto: Ostermann Olaf

Die ersten drei Pensionspferde kamen zu den drei eigenen Pferden hinzu. Dann wurden es sieben. Miß machte seinen Trainerschein, baute zusammen mit seinem Vater Wilhelm, heute 83 Jahre alt, den landwirtschaftlichen Betrieb nach und nach zu einem Pensions- und Zuchtstall aus. Wo früher Gülle gelagert wurde, werden jetzt Pferde longiert. Möglich machen es ein Loch im und ein Dach über den Behälter. Im ehemaligen Kuhstall befinden sich unter anderem die Boxen - alle vier mal vier Meter groß. Dazu gibt es einen Springplatz und eine Fahranlage. Selbst der Reitwanderweg "Grenzenlos Reiten" führt über den Hof an der Urseler Straße 11. Dann lernte Miß seine Frau Julia kennen. Die gelernte Groß- und Außenhandelskauffrau war eine gefragte Dressurreiterin, brachte Pferde und Kunden mit. Zusammen hatten sie große Pläne, erweiterten auf 75 Plätze und bauten im Jahr 2011 eine zweite, eine noch größere Reithalle. Ein Jahr später, im Januar 2012, wurde ihr Glück tief getroffen. "Ich hatte einen schweren Unfall und bin seitdem erwerbsunfähig", erzählt Julia Miß.

Xanten: Der Kreis der Pferde
Foto: Ostermann Olaf

Eine große Narbe am Kinn lässt erahnen, was die junge Frau damals, beim Verladen eines fremden Pferdes, erlitten hat. Sie spricht nicht viel darüber, reitet der Schmerzen wegen nur noch selten und wenn, dann ausschließlich auf ihrem eigenen Pferd. Das Lachen und die Liebe zum Tier haben beide nicht verloren. Seit 20 Monaten sind sie zudem Eltern der kleinen Chiara-Marie. Ihr ganz großes Glück.

Und irgendwie musste es nach dem Unfall ja auch weitergehen. Miß bekam Unterstützung. Mittlerweile arbeiten vier Mitarbeiter, drei davon fest angestellt, auf dem Hof. "Es hat sich alles wieder eingespielt", sagt Miß. Alle Boxen sind belegt. Die Kunden, die 300 Euro pro Monat für die Vollpension ihrer Pferde zahlen, kommen fast ausschließlich aus der näheren Umgebung. "Der weiteste kommt aus Köln", so Miß. Das klingt auf den ersten Blick gut. Auf den zweiten beklagt er die steigenden Betriebskosten: "Alles ist teurer geworden, das können wir natürlich nicht 1:1 an unsere Kunden weitergeben."

Bis auf Hafer und Kraftfutter baut der Landwirt das Futter - vornehmlich Heu - und das Stroh für die Einstreu auf den eigenen Ackerflächen (40 Hektar) an. Mit seinem Nachbarn teilt er sich die Maschinen. Miß hat neben seinem Schlepper derweil einen Wender und eine Rundballenpresse. Sein Nachbar ein Mähwerk und ein Schwader. Dazu kommen noch einmal 25 Hektar Grünland rund um den Hof. Der Auslauf für die Pferde. Wer möchte, kann für sein Pferd auch eine separate Parzelle auf der Weide anmieten. Bei Bedarf reitet Miß das junge Tier ein.

Neben der Fütterung und Pflege der Pferde gibt es auf dem Tünglerhof vier Zuchtstuten. "Wir versuchen, pro Jahr vier Fohlen aufzuziehen, sie auszubilden und nach fünf bis sieben Jahren zu verkaufen", sagt Miß. Ein fertiges Fohlen gibt es ab 5000 Euro. "Um betriebswirtschaftlich zu sein, müssten eigentlich 15.000 bis 18.000 Euro gezahlt werden. Man hat es schließlich jahrelang gefüttert, eingeritten und die Tierarztkosten getragen", sagt Miß, Somit ist seine Arbeit auch ein Stück weit Ideologie. "Unser Ziel ist es vor allem, das bestmögliche aus dem Tier herauszuholen. Wir orientieren uns dabei an den aktuellen Hengsten aus dem Sport und versuchen so, unsere Zucht zu veredeln." Bei den Stuten handelt es sich um Warmblüter - drei Springpferde und ein Dressurpferd aus vier verschiedenen Verbänden.

Nach drei Jahren ist ein Fohlen übrigens ein Pferd. Das ist mitunter auch die größte Herausforderung. Erst danach darf es beritten und vorsichtig ausgebildet werden. Miß nimmt mit den Tieren auch auf Turnieren teil. Um Erfahrung zu sammeln und die Pferde der Öffentlichkeit zu präsentieren. Seit 2012 findet auch jährlich eins auf dem Tünglerhof statt. "Ein Springturnier mit 1000 Nennungen", sagt Miß. Für die Zukunft kann er sich vorstellen, Pferde online anzubieten. "In den Niederlanden und in Belgien gibt es das schon. In Deutschland muss der Käufer immer noch auf den Hof."

(RP)