Xanten: Behinderte machen den Rathaus-Test

Xanten: Behinderte machen den Rathaus-Test

Bestandsaufnahme für das Projekt "barrierefreies Sozialamt" von Studentin Tamara Schröder macht Fallstricke sichtbar.

Angela Weniger hat Probleme, über die Rampe ins Rathaus zu kommen: "Die Reifen vom Rollstuhl greifen auf dem Kopfsteinpflaster nicht", sagt sie und kommt so gerade eben an den Knopf 'ran, mit dem sie die Tür zum Foyer automatisch öffnen kann.

"Hätte ich einen größeren Rolli, wäre ich nicht an den Schalter gekommen." Mit dem sehbehinderten Wolfgang Diamant, Heike Schilloks (sie arbeitet in der Lebenshilfe in Veen), Antonia Bilek (sie sieht sehr schlecht und braucht eine Gehhilfe) und Simone Scholten von KoKoBe in Wesel, der Kontakt- und Beratungsstelle für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung, testet Weniger den Weg vom Eingang des Rathauses bis zum letzten Zimmer im Sozialamt auf Barrierefreiheit.

Mit Block und Stift dabei: Tamara Schröder. Die 24-Jährige studiert nachhaltigen Tourismus an der Hochschule Rhein-Waal in Kleve. Für die Studentin ist das barrierefreie Rathaus ein Projekt (wir berichteten), das der Paritätische Wohlfahrtsverband und die Euregio angestoßen haben und mit dem sie Grundlagen legt für eine Vorlesung, die Professorin Ingrid Jungwirth im Wintersemester an der Hochschule in Kleve anbietet: "Gender and diversity", auf Deutsch: "Soziales Geschlecht und Vielfalt".

Mit Hilfe seines Stockes und seines Blindenhundes Maja kommt auch Wolfgang Diamant problemlos ins Rathaus-Foyer. Aber wenn er dann sein Anliegen vortragen will und darauf hingewiesen wird, an einem Automaten eine Wartemarke zu ziehen, hilft ihm das nicht weiter: Erstens weiß er nicht, wo der Automat hängt, und zweitens kann er die Nummer nicht lesen, die auf dem Zettel steht - und sein Hund auch nicht.

Sein Vorschlag, den Studentin Tamara Schröder auf ihrer Liste notiert: Den Automaten ein leichtes Geräusch machen lassen, die Tastatur mit Blindenschrift unterlegen und eine Stimme die Nummer ansagen lassen, die er gerade gezogen hat. Bis dahin macht Diamant es wie immer: "Wenn ich hier alleine 'reinkomme, rufe ich laut um Hilfe."

Jetzt will die kleine Gruppe zum Sozialamt. Erstes Hindernis für Rollstuhl-Fahrer: Die Glastür vom Foyer des Altbaus in den Neubau. Da fehlt ein elektrischer Türöffner-Knopf. Weiter geht es im Erdgeschoss den Gang entlang, links um die Ecke zur Abteilung Sozialamt. Am Treppenhaus eins der vielen Hinweis-Schilder, die an vielen Stellen im Rathaus hängen.

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Mit Pfeilen nach oben-links-rechts-schräg, wo welches Amt zu finden ist. Allerdings führen die auch in die Irre: Pfeil schräg nach oben - heißt das jetzt die Treppe hoch? Oder weist der senkrechte Pfeil den Weg in die nächste Etage? Nein, tut er nicht: Er gibt den Richtungswechsel an.

Und dann die dezent farblichen Wände, grün die am Gang im Sozialamt. Zufall? Oder steht Grün für Sozialamt? "Es scheint hier ein Farbsystem zu geben", vermutet Scholten vom KoKoBe in Wesel, "aber das erschließt sich dem Besucher nicht".

Für Heike Schilloks würde vieles im Rathaus einfacher, wenn dicke beschriftete Pfeile an der Wand den Weg weisen würden. Und dass ausgerechnet das Büro von Fachbereichsleiter Michael Verhalen, im Rathaus auch zuständig für Menschen mit Behinderungen, am hintersten Ende eines abgewinkelten Flures zu finden ist, finden alle schlecht. "Gerade so ein wichtiges Amt sollte nicht am ,AdW' sein", sagt Angela Weniger.

Die engagierte Xantenerin, die auch im Inklusionsbeirat mitarbeitet und die Initiative "All inclusive " gegründet hat, will jetzt fiktiv Wohngeld beantragen. "Wo muss ich da hin?" Vielleicht in den Gang mit den rosafarbenen Wänden? "Fachbereich Soziales, Asylanträge" steht da an einer Tür. "Feuerschutz" an der nächsten. Aha, also falsch.

Am Ende des Korridors mit den rosa Wänden ein Reiter, auf dem auf den "Integration Point" hingewiesen wird. Und darauf, dass Hunde hier draußen bleiben müssen. Daran wird sich Wolfgang Diamant mit Sicherheit nicht halten, sagt er und geht mit seinem Leonberger Maja weiter Richtung Treppenhaus im Altbau, wo unlängst ein Aufzug eingebaut wurde - ein wichtiger Beitrag zur Inklusion, stimmen alle überein.

Und wenn jetzt noch die Menschen, die im Bürgerservice vorsprechen, "als Kunden, nicht als Störer" behandelt werden, wie Simone Scholten ihren Eindruck beschreibt und allen aus der Seele spricht, dann sei man auf dem richtigen Weg. Angela Weniger: "Egal, wer da steht und wie der aussieht: Jeder ist mit Respekt zu behandeln."

(jas)