Zoo Wuppertal: Arne Lawrenz: Keine Angst vor wilden Tieren

Zoo Wuppertal : Arne Lawrenz: Keine Angst vor wilden Tieren

Arne Lawrenz ist neuer Zoo-Direktor in Wuppertal und plant, mehr Platz für weniger Arten zu schaffen, um die Haltung zu verbessern.

Herr Lawrenz, warum sind Sie Tierarzt geworden?

Lawrenz Ich habe mich als kleiner Junge, auch durch meine Eltern, die Biologen waren, für Afrika und wilde Tiere interessiert. Von daher hat mich Prof. Grzimek besonders begeistert, ich habe alle seine Filme gesehen und seine Bücher gelesen. Dann wollte ich Kameramann von Grzimek werden. Ich habe aber schnell realisiert, dass das zeitlich nicht mehr hinhaut, dann bin ich wie er Tierarzt geworden und jetzt sogar auch Zoodirektor.

Reisen Sie denn zumindest nach Afrika?

Lawrenz Ja, wir haben dort ein Schwarzfußkatzen-Projekt in Südafrika und eines mit Sunis (kleine Antilopen) in Swasiland. Von daher bin ich häufiger unterwegs.

Für Sie war klar, dass es lieber große Tiere als kleine sein sollen?

Lawrenz Nein, eigentlich bin ich mehr auf Katzen spezialisiert. Nach meinem Studium habe ich in einer Kleintierpraxis gearbeitet. Die Schwarzfußkatze ist auch nicht besonders groß.

Hätten Sie gedacht, dass Sie mal Zoo-Direktor werden?

Lawrenz Nein. Mein Ziel war es immer, Zoo-Tierarzt zu werden. Dass ich jetzt Zoo-Direktor geworden bin, liegt am Wuppertaler Zoo. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, mich in einem anderen Zoo zu bewerben. Aber in diesem Zoo, in dem ich schon 15 Jahre arbeite, würde ich gerne Akzente setzen.

Haben Sie als Zoo-Direktor noch Zeit, sich als Tierarzt zu betätigen?

Lawrenz Ich muss die Zeit haben, denn wir haben noch keinen neuen Tierarzt. Erst ab Oktober kommt eine neue Kollegin. Bis dahin mache ich einen Spagat und versuche, beiden Positionen gerecht zu werden.

Was hat Sie gereizt, diese Aufgabe zu übernehmen?

Lawrenz Gereizt hat mich, dass ich den Zoo seit 15 Jahren kenne und Ideen habe, die ich jetzt gerne selbst umsetzen möchte. In meinem neuen Konzept stehen verschiedene Punkte. Als Tierarzt definiere ich mich anders als mein Vorgänger Dr. Schürer, der klassischer Zoologe war. Wir haben hier eine außerordentliche Sammlung an Tieren. Für die Größe des Zoos haben wir viele Tierarten, auch viele seltene, die man sonst nirgendwo sehen kann. Das ist eher das Ergebnis eines Jäger- und Sammlertums. Als Tierarzt definiere ich mich aber über die Gesundheit und dementsprechend über die Tierhaltung.

Was heißt das konkret?

Lawrenz Wir möchten weiter an der Verbesserung der Tierhaltung arbeiten. Wir wollen mehr Platz für weniger Tiere haben. Deshalb müssen wir uns von Tierarten trennen, um den anderen bessere Möglichkeiten zu bieten. Dazu gehört auch das Vergesellschaften von Tieren, das heißt, dass wir größere Anlagen schaffen, indem wir Tiere abschaffen und Anlagen zusammenlegen. Die verschiedenen Tiere leben dann nebeneinanderher, vielleicht kommt es aber auch zu Interaktionen, was eine Lebensraumbereicherung darstellt.

Welche konkreten Beispiele gibt es?

Lawrenz Zum Beispiel die Wölfe und die Bären oder die Zwergotter und die Orang-Utans. Zusammengelegt haben wir schon die Gelbrücken-Ducker (eine Urwaldantilope) und die Okapis. Sie teilen sich jetzt die neue Anlage. Sie belecken sich gegenseitig, obwohl sie vorher noch nie so eine Art gesehen haben. Dass sie Freunde sind, scheint in den Genen zu liegen.

Nach welchen Kriterien suchen sie die Tiere aus, die sie behalten wollen oder die sie abgeben?

Lawrenz Zum einen ist es wichtig, wie die Tiere im europäischen Artenzuchtprogramm organisiert sind. Da gibt es Empfehlungen. Wir gucken aber auch, wie erfolgreich wir mit Zuchtprogrammen sind. Bei manchen müssen wir immer neue Tiere einbringen, weil sie sich hier nicht fortpflanzen. Ein Kriterium ist auch: Wie gut kann ich die Tiere abgeben? Wir werden uns etwa von unseren Kiangs trennen, das ist eine Halbeselart aus der Mongolei, für die wir sehr viel Platz brauchen, den wir nicht haben. Den Hengst haben wir jetzt nach Riga abgegeben, denn der Zoo dort hat eine riesige Anlage. Andererseits bekommen wir hier alle asiatischen Goldkatzen, die sehr bedroht sind. Für sie haben wir nun die eine Hälfte des Großkatzenhauses reserviert, denn wir züchten sie als einziger europäischer Zoo auf natürliche Weise.

Die Zukunft der Eisbären war doch auch immer ein Thema?

Lawrenz Ja, das ist eine offene Frage. Als Tierarzt muss ich ganz klar sagen, dass die Anlage zu klein ist für eine ordentliche Haltung. Wir brauchen etwas Zeit. Wir werden Vilma, die Mutter von Anori, nun erst mal abgeben und einen jungen Mann für Anori dazuholen als Spielpartner. Wenn sie groß sind und geschlechtsreif werden, muss man entscheiden, was passiert. Meiner Meinung nach kann man Eisbären in Wuppertal halten, man muss aber die Anlage extremst erweitern. Da müssen zig Millionen investiert werden. Aber vielleicht gibt es Sponsoren, die das unterstützen? Wenn wir das in den nächsten drei bis fünf Jahren nicht schaffen, trennen wir uns von den Eisbären. Was mir sehr leid täte.

Sie wollen auch die Besucherzahlen steigern?

Lawrenz Ja, wir sind ja kein ökonomischer Betrieb, sondern haben einen Bildungsauftrag, für den wir Steuergelder bekommen. Wir betreiben Forschung und Artenschutz. Aber es wäre natürlich schön, wenn wir etwas wirtschaftlicher werden würden. Umso mehr Besucher wir bekommen, umso mehr können wir unsere Botschaften vermitteln.

Zum Thema artgerechte Haltung: Die hat sich doch bestimmt in den 15 Jahren, in denen Sie hier sind, schon stark verändert?

Lawrenz Ja, 1995 haben wir das neue Elefantenhaus gebaut. Früher lebten drei Elefanten in dem alten Haus plus das Flusspferd und vier Flachlandtapire. Das war damals okay so. Heute leben dort drei Tapire und ein Faultier, und es gibt viel mehr Platz für Tiere und Besucher. Wir haben heute die größte Löwenanlage Europas mit über einem Hektar Fläche. Das sind Beispiele — in diese Richtung muss es weitergehen.

Welcher Zuchterfolg hat sie besonders gefreut?

Lawrenz Die asiatischen Goldkatzen, das ist ein tolles Projekt. Die Eisbär-Nachzucht war auch ein großer Erfolg. Das erfolgreichste Projekt ist die Nachzucht der Elefanten. Wir haben ein gutes Konzept, aber auch etwas Glück gehabt.

Gibt es etwas, worüber Sie enttäuscht sind?

Lawrenz Über die Schwarzfußkatzen, sie sind in Europa fast ausgestorben. Ich bin der zuständige Tierarzt für diese Katzenart in Europa. Sie haben eine Stoffwechsel-Krankheit, an der viele sterben.

Würden Sie sagen, dass Katzen Ihre Lieblingstiere sind?

Lawrenz Schwer zu sagen. Ich habe als Katzenspezialist hier angefangen. Mittlerweile bin ich durch den engen Kontakt auch sehr fasziniert von den Elefanten.

Haben Sie Haustiere?

Lawrenz Da ich rund um die Uhr im Zoo verbringe, sind auch alle Zootiere meine Haustiere. Ich brauche Tiere zu Hause, die nicht so eine intensive Pflege brauchen: Deshalb habe ich Aquarien und Terrarien mit Pfeilgiftfröschen und Eidechsen aus Südamerika. Die Fische stammen aus dem Amazonas.

Haben Sie Berührungsängste mit bestimmten Tieren?

Lawrenz Nein, ganz im Gegenteil: Tiere ziehen mich an und faszinieren mich. Aber ich habe Respekt vor bestimmten Tieren. Ich weiß, mit welchen Tieren ich direkt Kontakt aufnehmen kann und mit welchen besser nicht. Gerade bei Elefanten, die ich nicht kenne, habe ich großen Respekt. Ich weiß, wie stark sie sind.

Ist nie etwas passiert?

Lawrenz Glücklicherweise nicht mit wilden Tieren: Von einem Hund bin ich einmal gebissen worden.

MARION MEYER FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

(RP)