Wuppertal: "Aids ist vermeidbar geworden"

Wuppertal : "Aids ist vermeidbar geworden"

Wie hat sich der Umgang mit HIV und Aids in 25 Jahren verändert?

Wie hat sich der Umgang mit HIV und Aids in 25 Jahren verändert?

Jähme HIV macht immer noch Angst und stört besonders in der Sexualität. Das HI-Virus ist aber Bestandteil unseres Lebens geworden, und viele Menschen wissen gut Bescheid, schützen sich beim Sex oder beim intravenösen Drogenkonsum. Trotzdem löst die erste bewusste Begegnung mit einem HIV-positiven Menschen oft Verunsicherung aus. Viele haben dann daraus gelernt, mit Menschen, die HIV-positiv sind, gelassen umzugehen. Das gilt auch für Ärzte oder Angehörigen, und wir erleben das auch bei den Zielgruppen: schwulen Männern und Drogenabhängigen. Bei den Migranten ist es immer noch ganz anders, besonders bei Menschen aus Afrika. Bei ihnen herrschen viel Angst und Unsicherheit bezogen auf die HIV-Infektion, HIV ist ein großes Stigma. Die HIV-Infektion ist medizinisch beherrschbar geworden. Aber das soziale Lernen der Gesellschaft hat damit nicht Schritt gehalten. Es passiert noch zu viel Ausgrenzung und Ablehnung aufgrund von moralischen Vorstellungen oder Unwissenheit.

Haben die neuen Behandlungsmethoden nicht unbedingt dazu beigetragen, dass es weniger Diskriminierung gibt?

Jähme Man muss unterscheiden zwischen Diskriminierung und Stigmatisierung. Der Grund für die Stigmatisierung war in den 80er Jahren: Es war eine neue Krankheit, sie war übertragbar, führte zum Tod und hatte beim Übertragungsweg viel mit Sexualität und Drogengebrauch zu tun. Heute ist die Krankheit nicht mehr tödlich, wenn sie rechtzeitig erkannt und gut behandelt wird. Das Krankheitsbild Aids ist vermeidbar, und Menschen können auch mit HIV alt werden. Der zweite Fortschritt: Menschen, die richtig behandelt werden, sind sexuell nicht mehr infektiös, übertragen HIV nicht mehr. Zur Stigmatisierung führen aber nach wie vor, dass die Krankheit nicht heilbar ist, und dass die Übertragung häufig mit Sexualität oder Homosexualität zu tun hat, die nicht zu den bürgerlichen Vorstellungen passen. Da muss man ehrlich hinschauen.

Ist der Umgang laxer geworden?

Jähme Nein. Jeder muss lernen, mit den Veränderungen umzugehen und Eigenverantwortung für den Schutz vor einer Ansteckung zu übernehmen. Wenn man wechselnde Sexualpartner hat, sollte man sich regelmäßig testen lassen. Denn wenn man HIV-positiv getestet wurde, hat man viele Möglichkeiten. Ein Test kann Leben retten und vermeiden, dass eine unerkannte Infizierung sich zum Vollbild von Aids entwickelt und Menschen auf der Intensivstation landen.

Was sind heute die Hauptaufgaben der Aids-Hilfe?

Jähme Information und Aufklärung bleiben unsere Hauptaufgaben. Die Beratung bleibt. Was heute dazu kommt, ist, dass wir realistische Bilder vom Leben mit HIV in die Bevölkerung vermitteln müssen. Man darf es weder dramatisieren noch bagatellisieren. Einige haben durch HIV keine Einschränkungen, andere schon. Es ist sehr unterschiedlich. Dadurch sind unsere Aufgaben vielfältiger geworden. Auch eine Herausforderung ist: Menschen mit HIV werden älter. 20 Prozent der HIV-Positiven in Wuppertal wissen länger als 20 Jahre, dass sie HIV-positiv sind.

Wie viele Betroffene gibt es in Wuppertal?

Jähme Das können wir nur schätzen: um die 350 Menschen. Ein Drittel der Menschen, mit denen wir in Kontakt stehen, ist älter als 50 Jahre. Vor 20 Jahren, als es noch keine wirksamen Therapien gab, wären diese Menschen recht früh gestorben. Bei uns treffen sich 20-Jährige genauso wie 60-Jährige. Die haben ganz unterschiedliche Erwartungen an die Aids-Hilfe. Die Jüngeren müssen noch ihr Leben planen, die Älteren machen sich Sorgen über das Leben im Alter. Das sind ganz unterschiedliche Lebenslagen, die wir als Berater begleiten.

Schützen sich Jugendliche denn heutzutage genug?

Jähme Bei Jugendlichen ist HIV immer noch ein Thema, und das Wissen um die Bedeutung von Schutz ist da. Bei der Vielfalt der Herausforderungen für Jugendliche in unserer modernen Gesellschaft rückt HIV bei vielen aber in den Hintergrund. Bei jungen schwulen Männern steigt die Zahl derer, die HIV positiv sind. Junge Männer haben heute früher ihr Coming-out und leben ihre Sexualität aus. Nur 25 Prozent der Infizierten sind Frauen. Jede Generation muss ihren Umgang mit HIV neu finden. Das ist uns damals auch nicht erspart geblieben.

Sie sind selbst auch betroffen. Wie haben Sie damit leben gelernt?

Jähme Ich habe das gelernt, indem ich den Kontakt zu anderen HIV-Positiven gesucht habe. Ich habe mich informiert und meinen Freunden mitgeteilt und habe Unterstützung und Verständnis bekommen. Ich habe mich daran erinnert, dass meine Eltern als Flüchtlinge aus Schlesien alles verloren und neu angefangen haben. Ich hatte sie zum Vorbild, dass das Leben weitergeht. Der Rest kommt mit der Zeit. Ich bin jetzt 52 Jahre alt und habe gelernt, die HIV-Medizin zu verstehen, die Blutwerte zu interpretieren und gute Ärzte zu finden. Man braucht schon ein dickes Fell im Umgang mit der allgemeinen Bevölkerung. Wenn man HIV-positiv ist und selbstbewusst damit umgeht, wird das respektiert. Die meisten finden es gut, dass man offen damit umgeht. Aber es kann auch sein, dass sich Menschen von einem abwenden. Das ist mir nicht passiert. Ich hatte aber auch die Aids-Hilfe als Arbeitgeber. Da war es für mich wesentlich leichter.

Was ich aus allem heraushöre, ist: 25 Jahre Aids-Hilfe – und es muss unbedingt weitergehen.

Jähme Jede Generation muss ihren eigenen Umgang mit der Sexualität finden. Das hört nie auf. Das Problem ist nicht gelöst. Es ist immer besser, nicht krank zu werden. Jede Krankheit schränkt ein, bringt Unfreiheit. Es ist immer besser, nicht krank zu werden.

Marion Meyer führte das Interview.

(RP)
Mehr von RP ONLINE