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Wuppertal: Ab ins Freibad – auch im Winter

Wuppertal : Ab ins Freibad – auch im Winter

Der SV Neuenhof in Cronenberg bietet dank der Abwärme der Müllverbrennungsanlage ganzjährig warmes Wasser.

Um mich herum nur Nebel und Wasser. Durch den Dunst entdecke ich hin und wieder einen leuchtenden Farbklecks — offenbar eine Badekappe. Ich schwimme im Türkisblau des Cronenberger Freibads Neuenhof. Man sagt ja, man kehre wieder dahin zurück, wo man schon mal war. Im zarten Alter von einem Lebensjahr habe ich als Baby mit meiner Mutter hier die ersten Schwimmversuche gemacht.

Es folgte das rituelle Seepferdchen bei Bademeister Werner Budt und sommerliche Badenachmittage im Sonnenschein. Jetzt bin ich 25 Jahre älter und entspanne mich wieder im Becken des Freibads Neuenhof. Die Sonne ist weg, es ist November und ich löse als eine von fast tausend registrierten Winterschwimmern meine guten Vorsätze ein. Bademeister Budt ist immer noch da und fährt an diesem Herbsttag mit einem Mähauto die Wiesen ab. Er ist schön eingemummelt und trägt eine Baseballkappe.

Heute geht es nicht darum, vor dem süßen Jungen aus der Parallelklasse eine hübsche Figur abzugeben. Der Bikini liegt zu Hause. Mit Badekappe, Schwimmbrille und Badeanzug wird es praktisch. Heute steht Training auf dem Programm. Und selbst, wenn ein Gutaussehender in Sichtweite sein sollte, ich würde ihn gar nicht erkennen: Schuld daran sind fast zehn Dioptrien und der Wasserdampf.

Das Freibad Neuenhof bietet das Winterschwimmen schon im vierten Jahr an. Es ist eines von drei Freibädern in Deutschland, in denen Schwimmer auch im Winter ihre Bahnen ziehen können. Im ersten Jahr gab es hier noch eine Kuppel aus Plastikfolie über dem Becken. Winterschwimmer der ersten Stunde werden sich erinnern. Heute schwimmen alle unter freiem Himmel, im auf etwa 27 Grad beheizten Wasser.

Ein kleiner Gang führt auf direktem Wege zum Becken. Aus lauter Gewohnheit als Sommerschwimmerin gehe ich wie immer durch die Tür und stehe frierend im Wind. Kurzsichtig eile ich mit suchenden Schritten in Flipflops Richtung Becken und springe erleichtert in das Türkisblau. Ich werde belohnt, es ist angenehm warm. Die Jahreszeit habe ich vergessen. Eine Bahn Kraul, eine Brustschwimmen, wieder eine Kraul. Jetzt ist mir richtig warm. Hinter den bunten Herbstbäumen an den Hängen erkenne ich den Schornstein der Müllverbrennungsanlage, von der das Freibad seine Wärme bekommt. Zur Freude der begeisterten Winterschwimmer, die nicht nur aus Wuppertal kommen, sondern für dieses besondere Erlebnis aus Sport und Wellness auch Anfahrten aus Remscheid, Wermelskirchen oder Ennepetal in Kauf nehmen.

In der vergangenen Wintersaison wurde die 1000er Marke der Winterschwimmer fast erreicht. "Da kamen wir, wirtschaftlich betrachtet, so mit plus minus Null raus", bilanziert Badobmann Budt und fügt hinzu: "Wir liegen jetzt knapp unter tausend Anmeldungen." Er bleibt aber auch Mitte November optimistisch, den Rekord noch zu knacken.

Ich bin noch nicht richtig wach, die Bahnen und die Gedanken ziehen so an mir vorüber. In der Wolke aus Wasserdampf ist es herrlich entspannend. Und unmerklich verrinnt die Zeit. Alles ist sehr entschleunigend, geradezu meditativ. Durch die erstmals durchgehenden Öffnungszeiten entzerrt sich auch der Betrieb in den Bahnen.

Interessierte können sich immer noch anmelden, sie müssen für die Saison Mitglieder werden (siehe Kasten). Auf Anregung der Schwimmer prüfen Budt und sein Team derzeit, ob sie nicht auch im Winter eine Zehnerkarte anbieten können. Die Hürde ist derzeit noch technischer Art: Da es keine klassische Kasse im Winter geben soll, müsste diese Zehnerkarte — ebenso wie die Dauerkarten — den automatischen Türöffner am Eingang bedienen können. Vielleicht kommt das im nächsten Jahr, die Zahl der Winterschwimmer würde dieses Angebot sicherlich noch erhöhen. Mit einer Dauerkarte liegt die Motivation allerdings höher. Sie ermöglicht einem in der useligen Jahreszeit das tägliche Schwimmen unter freiem Himmel.

Beim Publikum in Badesachen falle ich selbst mit 25 Jahren statistisch allerdings etwas aus dem Rahmen. Der Durchschnitt ist "gutes Mittelalter", sagt Budt schmunzelnd. Und schon jetzt hat er festgestellt: "Die Damen sind in diesem Winter deutlich emsiger als die Herren." Manche kombinieren die geschwommenen Bahnen mit einem Lauf oder einer Fahrradtour auf der Sambatrasse. Mir reicht mein persönlicher Triathlon aus Autofahren, Schwimmen und Haare föhnen.

(RP/url)