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Wülfrather muss sich wegen Totschlags vor Gericht verantworten

Gerichtsprozess : Martyrium inmitten von Alkohol, Schlägen und Psychoterror

Im Prozess um den mutmaßlicher Kopfkissen-Mörder sagte jetzt die Stieftochter des Angeklagten aus. Er sei „eine Seele von Mensch“ – wäre da nicht der Alkohol. Er sei gewesen wie „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ – und dennoch: „Seine Frau hat er geliebt.“

Hat der Angeklagte in der Nacht zum 2. Weihnachtstag seine Frau umgebracht? So steht es in der Anklageschrift – der mittlerweile 65-Jährige bestreitet die Tat. Auch die Aussage eines zum vermeintlichen Tatort geeilten Polizeibeamten hatte ihn entlastet: Der Angeklagte habe geweint und in Selbstgesprächen zu seiner verstorbenen Frau gesagt: „Warum tust Du mir das an?“

Am dritten Verhandlungstag war es nun die Tochter des Opfers, die dem Gericht einen Einblick in ein Familienleben gewährte, das vor allem in Kinderzeiten nur eines gewesen zu sein scheint: Ein Martyrium inmitten von Alkohol, Schlägen und Psychoterror. Als der Angeklagte mit ihrer Mutter zusammenkam, sei sie sieben Jahre alt gewesen. Das anfängliche Vertrauen sei bald schon in Misstrauen umgeschlagen, weil beinahe jeder Tag in einem Desaster geendet habe. Familienfeiern oder auch einfach nur Gespräche zwischen der Mutter und dem Stiefvater: Alles sei irgendwann zu Streiterei und Gebrüll ausgeartet: „Egal, was ich gemacht habe – ich habe immer einen auf den Deckel bekommen.“

Sie könne sich noch gut an den Tag erinnern, an dem sie ihr Zimmer mit dem Kopf ausgemessen habe: „Er hat mich so geschlagen, dass ich von Wand zu Wand geflogen bin.“ Eines Nachts habe sie von kindlicher Gewitterangst geplagt Schutz im Wohnzimmer gesucht. Der Angeklagte habe sie unter Tränen wieder hochgezerrt in ihr Kinderzimmer. „Dort habe ich unter dem Bett gewartet, dass es endlich aufhört“, schildert die mittlerweile 41-Jährige herzzerreißende Szenen. Einmal sei sie zu Hausarrest „verdonnert“ und sechs Wochen lang im Kinderzimmer eingesperrt gewesen. Psychospielchen seien das gewesen – und davon habe es reichlich gegeben. Dabei sei sie als Kind überwiegend bei der Großmutter aufgewachsen und nur am Wochenende zu Besuch bei der Mutter und dem Stiefvater gewesen.

Der sei eigentlich „eine Seele von Mensch“, mit dem man Pferde stehlen konnte. Wäre da nicht der Alkohol, der immer im Spiel gewesen sei. Nicht nur der Stiefvater, auch die Mutter habe getrunken. Beide hätten dann oft gestritten – und sich am nächsten Tag wieder vertragen.

Die Schreiereien der beiden untereinander seien extrem gewesen, sie habe es auch schon mal klatschen gehört. Wer wen geschlagen habe? Das könne sie nicht sagen.

Als die Mutter zwei Jahre vor ihrem Tod an Krebs erkrankt sei, habe sich der Stiefvater rührend um seine Frau gekümmert. Er habe ihr Essen püriert und mit den Ärzten gesprochen. Die Wohnung sei vermüllt und „ein gepflegtes Chaos“ gewesen – aber das kenne sie nicht anders.

Nachdem sie vom Tod der Mutter erfahren habe, sei sie gleich in das Mehrfamilienhaus in der Nordstraße geeilt. Der Stiefvater habe geweint und sich darum gesorgt, was nun mit dem Hund und den Schafen werden solle. In den Wochen danach habe er bis zu vierzig Mal am Tag bei ihr angerufen und ihr sein Leid geklagt.

Er habe nur noch getrunken, von morgens bis abends. Dass nicht nur er seine Frau, sondern sie selbst ihre Mutter verloren habe – das sei ihm dabei nicht in den Sinn gekommen.

Irgendwann habe er sie angerufen und gesagt, dass er nun selbst des Totschlags beschuldigt werde, berichtete die Zeugin nun vor Gericht. Am Abend vor der Tat habe er mit seiner Frau gemeinsam Rotkohl gekocht, Fernsehen geguckt und irgendwann seien beide auf der Couch eingeschlafen. Er wisse nicht mehr, was er an dem Abend gemacht habe. Die Erinnerung? Im Alkoholrausch untergegangen. Mittlerweile habe sie den Kontakt zum Stiefvater abgebrochen und ihre alten Telefonanschlüsse abgemeldet.

Er sei gewesen wie „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ – und dennoch: „Seine Frau hat er geliebt.“