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Wülfrath: 81-Jähriger wegen Totschlags vor Gericht: Er wollte mit seiner dementen Ehefrau sterben

Wülfrath : 81-Jähriger wegen Totschlags verurteilt

Die Strafe – ein Jahr, acht Monate – wurde zur Bewährung ausgesetzt. Es ging um Tötung aus Liebe.

Vor dem Wuppertaler Landgericht muss sich ein alter Mann wegen Totschlags verantworten. Er hatte im August 2017 seine in der Diakonie Aprath untergebrachte Frau abgeholt, um beider Leben zu beenden. Er überlebte den Unfall, den er selbst herbeigeführt hatte. Seine Ehefrau (77) starb zwei Wochen später im Krankenhaus.

Er war immer pünktlich. Jeden Tag, nachmittags um halb drei – sieben Jahre lang – besuchte er sie in Aprath. Dann nahm er seine Rosi an der Hand und ging mit ihr spazieren. Als sie schwächer wurde, schob er sie im Rollstuhl durchs Grün. Nach über 50 glücklichen Ehejahren hatte er sie dort hinbringen müssen.

Als es ihr noch besser ging, waren sie oft ins Bergische zum Schwimmen gefahren und dort hatte er zwei Jahre vor der Tat eine Garage gemietet. Schön anonym, eine unter vielen. Hier wollte er ihrer beider Leben irgendwann beenden.

Im August 2017 war es so weit, aber ein aufmerksamer Hausmeister durchkreuzte seine Pläne: Als der die Polizei rief, setzte er sich ans Steuer und fuhr los. Seine Frau saß auf dem Beifahrersitz. Auf dem Weg nach Wuppertal fuhr er seinen Mercedes absichtlich gegen einen Baum. – Zwei Wochen hat sie danach noch gelebt.

Jetzt besucht der alte Mann seine rosi jeden Tag auf dem Friedhof. Mit Sonnenblumen - die hat sie doch so geliebt. Dass sie tot ist und er weiterleben muss – das ist für ihn ein großes Unglück. Er hat sie so sehr geliebt– und nun sind sie getrennt und er muss allein weiterleben.

Vor Gericht muss er sich nun fragen lassen, ob es nicht andere Wege gegeben hätte, um mit der Demenz seiner Frau umzugehen. „Ich habe sie da auf dieser Station in Aprath liegen sehen mit offenen Mund. Sie konnte nicht mehr schlucken – und da war mir klar: Jetzt ist es soweit“, erinnert er sich. Was er sonst erzählt über die Krankheit seiner Frau, möchte man am liebsten nicht hören. Schon als er sie noch zuhause gepflegt hat, konnte er sie keine Minute allein lassen. In der Badewanne sitzend, habe sie nach der Polizei gerufen. Später im Heim habe er sie mit einem Sturzhelm am Tisch sitzen sehen: „Sie hat sich ständig mit der Hand gegen die Stirn geschlagen“, erinnert er sich an einen Anblick, den er bis heute nicht aus dem Kopf bekommt. Da waren Verwandte und Arbeitskollegen längst weggeblieben. Niemand habe mehr danach gefragt, wie es seiner Frau gehe. „Ich war mit den Nerven am Ende“, sagt er. All das beweinen konnte er erst, als eine Nachbarin nun als Zeugin von der glücklichen Ehe schwärmte, die er mit seiner Frau gehabt habe. Mehr als fünfzig Jahre lang waren sie keinen Tag getrennt. Nun ist sie tot - und er erzählt seine Geschichte vor einem Gericht. Dort wird man entscheiden müssen, wie er bestraft werden soll. Gestraft ist er ohnehin: Seine Frau ist nicht mehr da und er hat überlebt.