Einmalige Aktion in NRW: Wülfrath überprüft Kinderschuhe in Kitas

Ungewöhnliche Maßnahme: Erste Stadt in NRW überprüft Kinderschuhe in Kitas

Als erste Stadt in NRW prüft die Stadt Wülfrath ab Montag in allen Kitas, ob die Kinder Schuhe in der richtigen Größe tragen. Befürchtet wird, dass viele Schuhe zu klein sind. Das Familienministerium begrüßt die Aktion.

Gudula Kohn vom Wülfrather Jugendamt möchte es nicht länger hinnehmen, dass Kinder mit zu kleinen, engen oder zu großen Schuhen herumlaufen, nur weil sich die Eltern keine passenden Kinderschuhe leisten können. „Wir haben auf unserer Armutskonferenz beschlossen, in allen Kitas unserer Stadt die Füße der Kinder zu vermessen“, sagt sie. „Sollten wir bei manchen feststellen, dass die Eltern kein Geld für neue Schuhe haben, springen wir ein und stellen Schuhe zur Verfügung“, sagt sie. Kinderfüße wüchsen schnell. „Und leider haben nicht alle Familien die Mittel, alle sechs Monate neue Schuhe zu kaufen.“ Kohn betont aber auch, dass mit der Aktion niemand stigmatisiert werden soll. „Auch Kinder reicher Eltern tragen teure Schuhe, die zu klein sind.“

Die Maßnahme, die am Montag in den Wülfrather Kitas startet und bei der die Füße von 677 Kindern im Alter von zwei bis sechs Jahren gemessen werden, dürfte in der Form beispiellos sein. Jedenfalls kennt Kohn keine vergleichbaren Aktionen in anderen Städten. Und auch beim für Kinder zuständigen NRW-Familienministerium ist kein ähnlicher Fall bekannt. Es begrüßt die Aktion in Wülfrath. „Gesunde Füße sind wichtig für die gesunde Entwicklung von Kindern. Hier können Kitas wichtige Unterstützung leisten“, sagte eine Sprecherin des Ministeriums. Da die Aktion alle Kinder der Wülfrather Kitas einbeziehe, sei keine Stigmatisierung zu erwarten.

Eine Umfrage des Onlineportals „stylers.de“, einem Spezialisten für Kleidergrößen, ist im Jahr 2017 zu dem Ergebnis gekommen, dass rund 65 Prozent aller Kinder zu kleine Schuhe tragen, davon 47 Prozent eine Nummer zu klein und 18 Prozent sogar zwei Nummern zu klein. Nach Meinung von Kinderärzten und Orthopäden können zu kleine Schuhe schwerwiegende gesundheitliche Spätfolgen wie Verformungen und Fehlstellungen zur Folge haben.

Besonders bei Kindern bis zum Alter von drei Jahren müssten die Schuhe gut passen, sagt eine Fachverkäuferin eines Düsseldorfer Fachgeschäfts für Kinderschuhe. „Die müssen an den Fuß angepasst sein mit einem kleinen Zuwachs“, erklärt sie. Aber das könnte man nicht pauschal sagen. „Grundsätzlich ist eine Beratung extrem wichtig. Dafür muss man sich auch Zeit nehmen. Im Internet sollte man daher eher keine Kinderschuhe für Kleinkinder bestellen“, sagt die Fachverkäuferin. Man dürfe auch nicht jeden Schuh einfach nehmen, nur weil er von der Größenangabe her passen könnte. „Es spielen auch andere Faktoren wie die Fußbreite eine Rolle.“ Auch der Düsseldorfer Kinderarzt Hermann Josef Kahl rät vom Kauf im Internet ab. „Kinderschuhe müssen unbedingt anprobiert werden“, sagt er. Und grundsätzlich sollten Kleinkinder Schuhe nur anziehen, wenn sie aus dem Haus nach draußen müssten. „In der Wohnung reichen Stoppersocken völlig aus. So kann sich der Fuß am besten entwickeln.“

Das weiß auch der Düsseldorfer Familienvater Christian Niehaus. Ihm und seiner Frau ist es sehr wichtig, dass ihre Tochter Marit immer passende Schuhe trägt. Alle drei bis vier Monate kauft er für die Zweieinhalbjährige neue Schuhe. Dafür geht er in der Regel in ein Fachgeschäft, die Beratung ist ihm wichtig. „Der Schuh muss richtig sitzen und etwas elastisch sein“, sagt Niehaus. Für den Besuch im Fachgeschäft nimmt er sich auch gerne etwas Zeit. „Und das Geld dafür gebe ich auch gerne aus“, sagt er. Auch die Aktion in Wülfrath findet er gut. Das sei ein wichtiges Thema.

Edwin Ackermann, NRW-Sprecher des Berufsverbandes der Kinder und Jugendärzte“ hält eine Überprüfung wie in Wülfrath allerdings für unnötig. „Wir können nicht feststellen, dass Kinder vermehrt zu kleine Schuhe tragen“, sagt er. Aber wenn es so wäre, sei es naheliegend, dass Kinder aus ärmeren Verhältnissen betroffen seien. Aber auch das möchte er erst einmal mit harten Zahlen untermauert sehen.

Nicht nur die falsche Schuhgröße ist es, über die sich Kohn ärgert. Auch die Wahl der Schuhe sei oftmals falsch. „Im Herbst kommen Kinder mit Sandalen in die Kitas, im Sommer mit Gummistiefeln“, sagt sie. Die Messungen in den Wülfrather Kitas werden von Ehrenamtlichen durchgeführt, die von einem Orthopäden dafür geschult worden sind. Für die Überprüfungen müssen die Eltern eine Einverständniserklärung unterschreiben. Bei der Aktion soll aber der Spaß für die Kinder nicht zu kurz kommen. So müssen sie vor der Messung einen Parcours mit Geschicklichkeitsübungen durchlaufen. Anschließend erhalten sie eine Urkunde. Und für die Eltern gibt es ein Formular mit einer Ampel. „Steht sie auf rot, sind die Schuhe zu klein“, sagt Kohn.

(csh)
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