Die Greifvogelwanderung in Wülfrath ist beliebt.

Wülfrath: Wüstenbussard Merlin hat die Ruhe weg

Bei der Greifvogelwanderung dürfen Besucher das Tier auf den Arm nehmen. Falknerin Uta Wittekind will den Menschen die Natur ein Stückchen näherbringen - und sie hofft, einen Nachfolger für Uhu Uwe zu bekommen.

Merlin hat von Natur aus einen skeptischen Gesichtsausdruck, doch er ist ein ganz umgänglicher Wüstenbussard. Er sitzt mit seinen gelben Klauen auf einem Lederhandschuh und beobachtet, wie immer mehr Menschen ihn umringen. Dem Greifvogel steht eine Wanderung mit 27 neugierigen Teilnehmern bevor. Es ist die Hand von Uta Wittekind, die im Lederhandschuh steckt – noch! Sie möchte den Menschen die Natur ein Stückchen näherbringen – „federnah“, wie die Falknerin unterstreicht – und darum darf die Gruppe den Wüstenbussard samt Lederhandschuh abwechselnd übernehmen und ihn rund um den Schlupkothener Steinbruch führen.

„Eine Greifvogelwanderung ist für Mensch und Tier eine völlig ungefährliche Angelegenheit“, richtet Uta Wittekind an die Gruppe. Hinzu käme, dass Merlin an viele Phänomene des menschlichen Alltags gewöhnt sei. Er werde nur selten ängstlich. „Aber Hunde stellen eine Schwachstelle dar, denn die kennt er nicht gut genug.“

Merlin wird auf die Probe gestellt: Mehrmals trifft die Wandergruppe auf entgegenkommende Hundebesitzer. Wegen eines schwarzen Mopses kreischt Merlin voller Empörung. Als die Gruppe von einem Golden Retriever überholt wird, blickt er diesem mit Argwohn hinterher. Ansonsten bringt das Tier nichts so schnell aus der Ruhe. Selbst der Kreisverkehr am oberen Ende der Wilhelmstraße stellt keine Herausforderung für ihn dar.

Stefan Göbels aus Velbert nimmt mit seiner Frau und beiden Söhnen an der Greifvogelwanderung teil. Auch er streift den Handschuh über und darf Merlin spazieren führen. „Er ist erstaunlich leicht“, stellt er fest. Gerade einmal 750 Gramm wiegt das stolze Tier. „Viel Federn, hohle Knochen und viel heiße Luft“, kommentiert Uta Wittekind. Merlin ist sieben Jahre alt. Am Tag benötigt er bis zu 200 Gramm Nahrung. Ob er nun Mäuse, Ratten oder kleine Vögel verzehrt, er vertilgt sie mit allem Drum und Dran. Wüstenbussarde können Knochen verdauen.

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Der Rest – Haare oder Federn – wird als sogenanntes „Gewölle“ wieder ausgeschieden, wie Wittekind der Gruppe erklärt. In der freien Wildbahn jagen Wüstenbussarde im Familienverband. Ihr Sehvermögen übersteigt das menschliche um das Siebenfache. Sogar ultraviolette Strahlung können Wüstenbussarde mit ihren Augen wahrnehmen. Nach der Jagd wird die Beute zwar nicht brüderlich, aber immerhin ehrlich genug geteilt. Und da die Vögel in Mittelamerika heimisch sind, bauen sie gerne mal Nester oben auf Kakteen. „Es sind die Fakire unter den Greifvögeln“, scherzt Wittekind.

Die Wandergruppe ist inzwischen oberhalb des Schlupkothener Steinbruchs angekommen. Als nächstes nimmt sich der Sohn von Stefan Göbels dem Wüstenbussard an. Doch jetzt wird Merlin unruhig, flattert mit den Flügeln, beginnt zu krächzen. Uta Wittekind erkennt sofort die Ursache: „Den Handschuh bitte leicht drehen, damit Merlin schön auf der Handkante sitzen kann. Dann kann er sich leichter festkrallen.“ Gesagt, getan. Merlin gleicht sein Gewicht mit Flügeln und Schwanzfedern aus, findet Halt und wirkt zufrieden. Wie Uta Wittekind berichtet, haben auf zurückliegenden Wanderungen viele Menschen ihre Herzen an die Vögel verloren – neben Merlin betreut sie noch eine Schleier- sowie zwei Weißgesichteulen.

Die Zuneigung war auch bei Uhu Uwe sehr groß gewesen, der im Juni dieses Jahres verendet war. „Uwe hatte viele Fans, und es ist immer noch ein Jammer“, seufzt Wittekind.

Die Falknerin hegt die Hoffnung, in absehbarer Zeit eventuell einen Nachfolger für Uwe zu bekommen, der aus derselben Zucht stammt, einen jüngeren Bruder sozusagen: „Und wenn er einen ähnlichen Charakter wie Uwe hätte, wäre das eine Erleichterung.“