Chancengerechtigkeit für Kinder in Wülfrath

Chancengerechtigkeit für Kinder in Wülfrath : Kinderarmut wirksam begegnen

Der Verein „Kinder in Not“ ist nur ein Puzzleteil im Konzept, Wülfraths Kindern chancengerechtes Großwerden zu ermöglichen.

Die Stadt gilt gemeinhin als arm. Mit Blick auf die finanzielle Situation mag das stimmen. Hinsichtlich des ehrenamtlichen Engagements aber ist die Aussage falsch. Das bestätigte die 4. Armutskonferenz, die jetzt stattfand. „Mehr als 50 Teilnehmer setzten sich in ihrer freien Zeit zusammen“, schwärmt Wolfgang Peetz von der Organisation „Kinder in Not“. 50 Menschen à vier Stunden ergibt 200 Mann-Stunden, das gerechnet à 30 Euro wären 6000 Euro, „die mal eben so fürs Ehrenamt erbracht wurden“.

Im Blickpunkt standen die Jüngsten und die Ambition, gemeinsam ein chancengerechtes Aufwachsen zu ermöglichen. „Der Unterschied zwischen ‚chancengleich’ und ‚chancengerecht’ ist groß“, führt Wolfgang Peetz aus. Letzteres nämlich bedeutet ein individuelles Hingucken nach dem Motto „jedem das Seine“ - also bedarfsorientiertes Handeln und nicht allen das gleiche.

Lehrer, Erzieher, Vertreter von Gesundheitsamt und Job-Center fanden sich in Arbeitsgruppen, um „Lücken im Präventionsleitbild zu definieren“. Die Steuerungsgruppe, zu der unter anderem Wolfgang Preuß, Andreas Seidler sowie Wolfgang Peetz gehören, will sich im Januar 2020 wiedersehen, um die To-Do-Liste weiter umzusetzen.

Neben dem „respektvollen Umgang und der gegenseitigen Achtung“ aller Akteure mit ihrer so sensiblen Klientel bei allem Tun und Handeln ließen sich wie ein roter Faden Bedarfe erkennen. „Es fehlt ein Kinderwagen-Café im Rathaus“, als Treff junger Mütter mit Mitarbeitern aus dem Jugendamt. Diese Idee soll nun möglichst schnell umgesetzt werden. Ob es ein Leuchtturmprojekt wie seinerzeit „Kleine Füße, kleine Schuhe“ wird, mit dem Wülfrath europaweit für Furore sorgte, bleibt abzuwarten.

Wolfgang Peetz, gebürtiger Wülfrather und verliebt in seine Stadt, ist der Nachwuchs eine Herzensangelegenheit. Nach einem Bericht im Jugendhilfeausschuss anno 2004 über die Anzahl von Sozialhilfe lebender Kinder, damals waren es 265, beschlossen seine Frau Dagmar und er, „da muss man etwas machen“. Ein Jahr später war „Kinder in Not“ gegründet, angedockt an das Deutsche Rote Kreuz, dessen Vorsitzender er damals war.

14 Jahre ist das her, „500 Kinder in unserer Stadt gelten als arm“, rechnet er vor, immer wieder Geld zu sammeln, um zu helfen, sei das Wichtigste. „Wir sind exzellent vernetzt, um Armut wirksam zu bekämpfen und nicht nur ein Pflaster zu kleben“, führt er zu Hintergründen aus. „Es reicht nicht, nur Symptome zu bekämpfen, die Ursachen müssen ermittelt werden.“ Anträge auf Unterstützung können nur bei Wülfrather Institutionen wie Schule oder Kita gestellt werden, „auch um die Mitarbeiter zu zwingen, genau hinzusehen“.

Im Fokus soll nach Unterstützung bei Kita- oder Ogata-Mittagessen oder der Abschaffung von Büchereigebühren für Jugendliche unter 14 Jahren weiter die Bildungsoffensive stehen. „Als nächstes möchten wir das Projekt ‚Bildungstandem’ anstoßen“, erzählt er über neue Pläne. Welche Kinder haben besonderen Unterstützungsbedarf, bei dem Ältere sie unter ihre Fittiche nehmen können. Gesucht werden hierfür als Seniorpartner penisonierte Lehrer, aber auch Schüler höherer Jahrgänge. Zwischen Lindenschule und Gymnasium gibt es bereits eine solche Koopertaion, sie soll aufgebaut werden. Auch Gerd Bohnen vom Freiwilligenforum ist mit im Boot. Und die Idee macht Schule, derzeit gibt es etwa Hexenpatenschaften auf dem HWM. In der Hütte der Musikfreunde Wülfrath können Rockzipfel gekauft werden, die einem Kind einen Theaterbesuch ermöglicht, wie Wolfgang Peetz die „partielle Bildungspatenschaft“ erklärt.