An(ge)dacht von Msgr. Herbert Ullmann „Die Nacht ist vorgedrungen“

Wülfrath/Mettmann · Der Advent steht kurz bevor. Was das für Msgr. Herbert Ullmann im Jahre 2022 bedeutet, erklärt er in unserer Kolumne „An(ge)dacht“.

 Msgr. Herbert Ullmann (Mitte) sieht in der beginnenden Adventszeit neben Dunkelheit auch viel Hoffnung.

Msgr. Herbert Ullmann (Mitte) sieht in der beginnenden Adventszeit neben Dunkelheit auch viel Hoffnung.

Foto: Köhlen, Stephan (teph)

Und wieder ist Advent. Nach zwei Jahren unter coronabedingten Einschränkungen freuen sich viele auf volle Weihnachtsmärkte, knackig-winterliche, glühweinfreundliche Temperaturen und stilvolle Weihnachtsbeleuchtung in den Städten, aber auch hinter den Fenstern der Wohnhäuser.

Und schon wieder scheint „das Schicksal“ uns einen Strich durch die Rechnung machen zu wollen: Energie sparen! Preissteigerungen! Verschlanktes Budget für Weihnachtsvorbereitungen, obwohl – Umfragen zufolge – doch jeder Erwachsene im Schnitt über 500 Euro für Geschenke ausgeben will, fürs Geld aber wohl deutlich weniger erhält. Für manche aus den unteren Einkommensgruppen sieht es düster aus.

„Die Nacht ist vorgedrungen“, so singt die Kirche in einem der für mich textlich beeindruckendsten Adventslieder. In einer düsteren politischen und geschichtlichen Situation (1938) hat Jochen Klepper, evangelischer Theologe, es geschrieben.

Wenn ich in die Welt hineinschaue, sind die Ereignisse dieser Tage alles andere als hoffnungsvoll und tröstlich. Dunkelheit, Ängste, Kälte umfangen uns. Und jeder muss irgendwie damit fertig werden. Der Hamburger Sozialpädagoge und Pfarrer Jakob Hinrich Wichern erfand Mitte des 19. Jahrhunderts im „Ruges Haus“ (Rauhes Haus) für seine Heimeinrichtung zugunsten „verwahrloster Kinder“ in den dunklen, kalten Räumen damals den Adventskranz, ursprünglich noch mit 24 Talgkerzen (wie heute die 24 Türchen des Adventskalenders). Jeden Tag wurde eine Kerze mehr entzündet, die Licht und Wärme verbreitete. Das Brauchtum hat diese Idee aufgegriffen und weitergetragen. Heute ist sie in unzähligen Variationen weltweit verbreitet. Vom „Rauhen Haus“ in Hamburg ging eine Bewegung aus, die einen anderen Umgang mit „schwierigen Menschen“ pflegte. Mitmenschliche Wärme ist Nahrung für die Seele, mehr noch als Lichterglanz und wohlige Wärme. Der Text von Jochen Klepper fährt fort: „Der Tag ist nicht mehr fern.“ In der größten Dunkelheit draußen geht es auf die Morgendämmerung zu. Der Advent lässt auch das Finstere zu, ja. Er setzt aber das tröstliche, aufrichtende Licht „von oben“ entgegen: „Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.“ Dieses Licht des Sterns der Verheißung wünsche ich uns die nächsten Wochen.

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