Zu wenig Plätze für U-3-Kinder in Willich

Kinderbetreuung : Zu wenig Plätze für U-3-Kinder in Willich

Es ist ein Dauerthema der vergangenen Jahre: Wie kann sich die Stadt auf den nicht erwarteten großen Bedarf an Kindergartenplätzen einrichten? Ein Zwischenstand.

In diesem Jahr wird es eine knappe Punktlandung, die mit Kompromissen verbunden ist: Die zuständige Beigeordnete Brigitte Schwerdtfeger und Kindergartenplaner Michael Süßbeck rechnen damit, in diesem Sommer in der Stadt Willich für alle über dreijährigen Kinder einen Platz in einer Kindertageseinrichtung bieten zu können. „Wir haben im Bereich der über Dreijährigen einen Bedarf von 1410 Plätzen und können 1420 Plätze anbieten“, so Süßbeck. In diese Zahl eingerechnet ist der Bau einer temporären Einrichtung in Räumen am St.-Bernhard-Gymnasium. Hier sollen im Sommer 50 über dreijährige und zehn unter dreijährige Kinder aufgenommen werden.

Schwieriger sieht es bei der Versorgung der unter dreijährigen Kinder aus: Es gibt einen Bedarf an 594 Plätzen – tatsächlich kann die Stadt aber nur 400 Plätze in Tageseinrichtungen und 140 Plätze in der Tagespflege bieten. Bei diesem Thema arbeitet die Stadt gerade daran, das Angebot in Großtagespflegestellen und familiärer Tagespflege auf 230 Plätze auszubauen.

Allerdings hat die Beigeordnete die Feststellung gemacht, dass die Eltern der unter dreijährigen Kinder – wenn sie nicht ihr Wunschangebot erhalten – den Übergang in die Tagespflege häufig lieber verschieben. „Alle Eltern werden noch einmal zu einem Informationsgespräch eingeladen“, so Schwerdtfeger. Die Stadt arbeitet weiterhin am Ausbau der Tagespflege – „auch sie hat ein pädagogisches Konzept und einen Bildungsauftrag wie die Tageseinrichtung“, betont Süßbeck.

Das Angebot der Tagespflege sei zudem oftmals flexibler. Um mehr Tagespflegepersonen zu schulen, haben Politik und Verwaltung vor einigen Wochen entschieden, dass die Stadt die Kosten für den Qualifizierungskursus übernimmt. Zudem zahlt die Stadt einen Mietkostenzuschuss für die Räume von Großtagespflegestellen beziehungsweise Tagespflegen, die nicht in den Räumen der Tagespflegepersonen stattfinden können.

Weil aber die Bevölkerungsprognose zeigt, dass die Zahl der Kinder und die Bedarfe der Eltern weiter steigen werden, hat die Stadt schon vor Längerem ein umfangreiches Bauprogramm beschlossen. Der aktuelle Stand:

Alt-Willich

Am Reinershof in Willich soll ein Neubau für die „Villa Kunterbunt“ entstehen. Foto: Marc Schütz

– Neubau für die Kita Traumland im Baugebiet Wekeln X mit Vergrößerung um eine Gruppe, Umzug der bestehenden Gruppen und eventuell weitere Nutzung der bisherigen Räume für eine neue Kita

– Neubau Villa Kunterbunt (im Baugebiet Reinershof)

– Neubau für die Kita Bullerbü, die wegen längerer Öffnungszeiten einen veränderten Raumbedarf hat und 100 Plätze erhält

– Weitere Nutzung des vorherigen Bullerbü-Gebäudes für einen viergruppigen Kindergarten

– Bauliche Erweiterung der Kita Kantstraße, weil die sechste Gruppe aus dem Hausmeister-Gebäude der Robert-Schuman-Europaschule umzieht

– Option: weitere Nutzung der alten Gebäude des Traumlands und der Villa Kunterbunt, falls sich der Bedarf zeigt

Melissa Wankum (v. l.), Nikole Düser und Martin Pimpertz vor der Großtagespflege für unter Dreijährige an der Kreuzstraße. Foto: Norbert Prümen

Schiefbahn

– Beginn der temporären Einrichtung am St.-Bernhard-Gymnasium ab Sommer 2019

– Neubau einer Kindertageseinrichtung: Der Ort wird noch festgelegt.

– Weitere Nutzung des „blauen Hauses“ der AWO an der Linsellesstraße und Neubau AWO-Kindergarten an der Schützenstraße (bereits realisiert)

– Eventuell: Erweiterung der Kita Blauland um eine Waldgruppe

Neersen

– Die Kita Pappelallee behält die Waldgruppe dauerhaft

– Weitere Überlegungen zur „Brücke“ (heute Kirchhofstraße) und/ oder Neubau in Arbeit

Ende 2016 zog die Kita „Brücke“ vom Rothweg an die Kirchhofstraße in Neersen. Foto: Stadt Willich

Anrath

– Neubau eines DRK-Kindergartens mit Bewegungsräumen in der ersten Etage an der Lerchenfeldstraße als Kooperation mit dem TV Anrath

– Start Bauernhof-Kindergarten auf dem Stautenhof (eine Gruppe)

– eine weitere Gruppe im St.-Johannes-Kindergarten

Die Gründe für die aktuellen Nachfragen zur Kinderbetreuung sind vielfältig. Ein Grund sind die steigenden Kinderzahlen, die von Experten vor zehn Jahren so noch nicht erwartet wurden. „Außerdem steigt die Akzeptanz in der Gesellschaft, dass Kinder auch vor Erreichen des dritten Lebensjahres schon in Kindergruppen spielen und lernen“, so Michael Süßbeck – und „wir als Stadt haben die Aufgabe ein gutes Angebot zu machen“. Ebenso ist es gesellschaftlich gewollt, dass junge Mütter schneller in den Beruf zurückkehren, um so die in der Ausbildung erworbenen Kenntnisse wieder kurzfristig zu nutzen.

Als Risiken für die Planung sehen Schwerdtfeger und Süßbeck noch mehrere Faktoren: Wenn es künftig einen Rechtsanspruch auf einen Platz in einer Offenen Ganztagesgrundschule geben sollte, dann wird es noch schwieriger als jetzt schon, Erzieher und pädagogisch qualifizierte Mitarbeiter zu finden.

Außerdem bleibt abzuwarten, was sich aus der momentanen Diskussion ergibt, ob Kinder, die nach dem eigentlichen Einschultermin geboren wurden, noch „auf Antrag“ ein Jahr früher eingeschult werden dürfen. Sollte diese Regelung wegfallen, erwarten die Kindergartenplaner, dass etwa 100 Kinder ein Jahr länger als derzeit kalkuliert in den Kitas bleiben.

Für Michael Süßbeck hat sich in seiner Arbeit ein kompletter Wandel ergeben: Als er vor etwa 17 Jahren seine derzeitige Aufgabe übernahm, ging es angesichts sinkender Geburtenzahlen darum, Kindergärten auslaufen zu lassen. Das hat sich „gedreht“: Statt wie vor 17 Jahren nur sieben Plätze in Tageseinrichtungen für unter dreijährige Kinder bietet die Stadt heute 560 Plätze in Tageseinrichtungen und Tagespflege und baut das Angebot weiter aus. Im Bereich Offene Ganztagsgrundschule wurden 800 Plätze geschaffen.

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