Willich: In der Robert-Schuman-Europaschule haben Schüler Werke zum Thema Würde geschaffen

Kunst-Projekt : Würde findet sich im Spiegel wieder

In der Robert-Schuman-Europaschule haben Schüler Werke zum Thema Würde geschaffen. Diese gehören zum Projekt „Denk-Würdig“.

Michelle setzt das letzte i-Pünktchen und blickt noch einmal prüfend auf den Spiegel, der nun mit dem Satz „Sei der Mensch, den du gerne treffen würdest“ versehen ist. Darunter sind unter Maschendraht der Kopf eines dunkelhäutigen Menschen, einer blinden Frau, eines Obdachlosen und eines Homosexuellen zu sehen. Den rechten Rand ziert der Kopf einer Frau mit Kopftuch. „Allen Menschen soll mit Würde begegnet werden“, betont Isabella. Über den Spiegel mit seinen verschiedenen Menschengruppen möchten die beiden 17-jährigen Schülerinnen der Robert-Schuman-Europaschule (RSE) anderen Menschen diese Aussage widerspiegeln.

„Würde?“ ist auf einem gerade aufgeklebten Grabstein zu lesen, der am Ende einer aufgemalten Marathon-Strecke steht, an deren Anfang ein Mensch in einem mit Dollarnoten umklebten Hamsterrad läuft. Die Aussage ist klar: Geht es im Leben nur darum, Geld anzuhäufen und sich in diesem Geld-Hamsterrad zu bewegen? „Uns allen wird immer erzählt: Mit dem Abitur kannst du alles erreichen. Alle Türen stehen dir offen. Es schließen sich aber auch Türen“, bemerkt Nikolei, der mit Tom, Norman, Leon, Riccardo und Moritz an dem Werk gearbeitet hat.

Das Thema Würde hat den Oberstufenkunstkurs von Ute Nießen in den vergangenen vier Wochen begleitet. Die 30 Schüler der Stufe elf der RSE haben dem Thema ein künstlerisches Gesicht gegeben, und zwar für das Würde-Projekt „Denk-Würdig“ von Beate Krempe und Waleed Ibrahim. In Zusammenarbeit mit der RSE sowie der evangelischen Emmaus-Kirchengemeinde sind Werke entstanden, die für eine Ausstellung auf dem Willicher Kaiserplatz vorgesehen sind.

Im Kunstraum der Schule setzen die Schüler abschließende Feinheiten an ihren Arbeiten um. Lena und Chiara malen noch letzte Blumen auf den Stahlhelm, der vor ihnen liegt. Daneben sind Zettel mit Sätzen zu lesen wie „Ich bin gezwungen worden, in den Krieg zu ziehen“ und „Ich möchte niemanden verletzen“. Die Aussage, die sie mit ihrem Stahlhelm machen, liegt auf der Hand. „Würde bedeutet so viel. Es ist ein Oberthema, das sich in unendlich viele kleine Themen splittet. Es gibt immer würdevolles und würdeloses Handeln, in jedem Thema“, sagt Hannah, die einen Kindergummistiefel in einen Fluchtschuh verwandelt hat. Blut in Form von roter Farbe, Schmutz und Glassplitter „zieren“ den Stiefel und lassen seine pinke Grundfarbe mit den roten Herzen nur noch erahnen.

Bunt und fröhlich sieht hingegen der kleine Koffer von Nihan aus. Als die 17-Jährige ihn allerdings öffnet, dominiert Schwarz. Ein verzweifelter Mensch aus Pappe ist genauso zu sehen wie eine bunte Ecke, die von der Schwärze aufgefressen wird. Stichworte wie Angst, Druck und Selbstzweifel baumeln von der Kofferdecke. „Von außen sieht das Leben bunt aus. Doch ist das alles würdevoll? Der Konsum, das Streben nach mehr?“, erläutert Nihan. Als sie den Koffer gesehen habe, der zur Materialsammlung gehörte, die Krempe den Schülern zur Verfügung stellte, habe sie sofort gewusst, was sie machen wollte.

So ging es auch Leonie und Kasimir, die große schwarze Engelsflügel mit Ketten verbunden haben, in deren Mitte eine Kinderpuppe zu sehen ist. Die Flügel der Freiheit können nicht ausgebreitet werden, weil die Ketten der Herkunft und der Lebensumstände das nicht ermöglichen. Der Teddybär, der als Kindersoldat im Sandkasten zwischen zwei Panzern sitzt. Der Käfig, der vom Menschenhandel erzählt. Die drei alten Schlüssel, die Tore der Würde aufschließen. Die Puppe, die in eleganten roten Schuhen steckt und für das würdelose Thema Zwangsheirat steht, oder die große Muschel, bemalt mit Begriffen, die für Würde stehen, weil „die Muschel das Erkennungszeichen für den Jakobsweg ist, was wiederum bedeutet, Würde zu schätzen und Werte anzuerkennen“, sagt Antonia.