Ulrich Liebscher (55) ist seit 2014 Schiedsmann in Alt-Willich und wurde jetzt für eine neue Amtszeit gewählt.

Schiedsmann in Alt-Willich : Nachbarschaftsstreit kann krank machen

Der 55-jährige Unternehmer ist seit 2014 Schiedsmann in Alt-Willich. Der Hauptausschuss wählte Ulrich Liebscher jetzt für eine erneute Amtszeit. Der Konflikt-Sachverständige rät immer zum Dialog – auch mit dem „bösen Nachbarn“.

„Erst dadurch habe ich meine gute Nachbarschaft so richtig schätzen gelernt“, sagt schmunzelnd Ulrich Liebscher. Der 55-jährige Unternehmer ist seit 2014 der Schiedsmann in Alt-Willich, wurde gerade vom Hauptausschuss einstimmig für weitere fünf Jahre wieder gewählt. Die meisten seiner Fälle sind nämlich Streitigkeiten unter den Nachbarn, die sich beispielsweise über den Grill an der Grundstücksgrenze, den dichten, kein Licht mehr gebenden Baumbewuchs oder die überwuchernde Hecke aufregen.

Lieber Schlichten als Richten, das ist schon seit langem für Ulrich Liebscher die Parole, auch beruflich. So leitet er seit vielen Jahren an der Hanns-Martin-Schleyer-Straße das Unternehmen „debkonplus“. Er ist Moderator und Trainer, berät und schult Unternehmen und deren Mitarbeiter, wenn es beispielsweise um das Forderungsmanagement oder um Konfliktlösungen geht, so bei Umgang mit säumigen Zahlern, Schwarzfahrern, aber auch um interne Meinungsverschiedenheiten und Zerwürfnisse etwa bei Gehaltszahlungen, Kündigungen oder Mobbing.

„Vor einigen Jahren habe ich mir die Frage gestellt, wie kannst du dich selbst ehrenamtlich mehr einbringen“, sagt der gebürtige Kaarster, der seit 1984 in Willich wohnt. Schöffe war in der engeren Auswahl. Er entschied sich aber für das Amt des Schiedsmannes, wollte direkt vor Ort mehr Einfluss nehmen und frei von festgezurrten Gerichtsterminen etwas bewegen. Sein Job kam ihm da natürlich zugute.

Mittlerweile hatte er bei seiner über fünfjährigen Tätigkeit jede Menge erlebt. Neben den generellen und kurzen Nachfragen von Bürgern, ob es generell Sinn mache, vor der Klage vor Gericht den teuren Anwalt oder den Schiedsmann einzuschalten, sind es etwa 20 Fälle im Jahr, die über eine lose Beratung hinausgehen. Dazu gehören außerdem Strafsachen, wie Beleidigungen, üble Nachrede, Verletzung des Briefgeheimnisses, Sachbeschädigungen oder Körperverletzungen.

Wie gesagt, in der Hauptsache beschäftigt sich Ulrich Liebscher mit nachbarschaftlichen Streitigkeiten. Seine Erfahrungen: „In vielen Fällen ist der zu nah an der Grenze stehende Baum, die überwuchernde Hecke oder die zu laute Musik nur der Auslöser, hat sich dies im Laufe der Zeit und vieler Monate aus kleinsten Dingen heraus entwickelt.“ Das gehe so weit, dass Menschen mit der Kamera jede Bewegung des Nachbarn im Garten aufnehmen, dass sie nur darauf warten würden, dem anderen eins auszuwischen. Manche mache dies krank, andere planten sogar den Fortzug. „Versuchen sie alles, um von Anfang an mit dem Nachbarn das Gespräch zu suchen“, rät der Konflikt-Sachverständige.

Seine Schlichtungsgespräche werden im alten Willicher Rathaus geführt. Erscheint eine Partei zum Schlichtungsversuch nicht, wird eine Geldbuße von 80 Euro fällig. Die Kosten des Schiedsmannes liegen in der Regel pro Fall bei etwa 40 Euro, die sich beide Parteien teilen. Einigen sich beide, wird dies in einem Schlichtungsprotokoll von allen drei Beteiligten, also plus Schiedsmann, unterzeichnet und mit dem Dienstsiegel der Stadt amtlich.

In einem Fall, als sich ein Nachbar wohl zu Recht von einer Vogel-Voliere auf dem Balkon des anderen beeinträchtigt fühlte, wurde dem zur Beseitigung der Störgeräusche eine bestimmte Frist gesetzt. Erst kurz vor Fristablauf wurden die Vögel bei Ebay verkauft. Sonst hätte der Verursacher vertraglich einen Betrag von 250 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung zahlen müssen.

Gut ging auch der Gaststättenbesuch eines Heranwachsenden aus. Alkoholisiert verwechselte dieser beim Heimweg die Terrasse des elterlichen Hauses, randalierte etwas, da er nicht reinkam, auf einer total fremden Terrasse. Später entschuldigte er sich dafür mit einem Blumenstrauß bei der Hausherrin, die den Schiedsmann eingeschaltet hatte. Erst wenn in einigen Bereichen der Schlichtungsversuch scheitert und eine Erfolglosigkeits-Bescheinigung des Schiedsmannes vorliegt, beschäftigen sich die Gerichte mit diesem Fall.