Stadt Willich: Straße erinnert an die Familie Lion

Stadt Willich: Straße erinnert an die Familie Lion

Am Freitag, 20. April, werden die Straßenschilder enthüllt. In unmittelbarer Nähe des Willicher Friedhofs wird eine Straße nach der Familie Lion benannt, deren Mitglieder vor den Nazis flüchteten oder in Lagern umgebracht wurden..

Stets einen guten Ruf hatten in den ehemaligen Gemeinden Neersen und Willich die jüdische Familie Lion. Nahezu 160 Jahre lang hatten die Lions, für die in den vergangenen Jahren acht "Stolpersteine" verlegt wurden, in Neersen und anschließend fast 70 Jahre lang in Willich gelebt. Jetzt soll am Freitag, 20. April, um 11 Uhr die unmittelbar am Willicher Friedhof liegende "Lionstraße" feierlich ihrer Bestimmung übergeben werden. "Als Angehörige von der Straßenbenennung erfuhren, fühlten sich viele stolz und geehrt", fasst Stadt-Archivar Udo Holzenthal, der mit Ex-Studiendirektor Bernd-Dieter Röhrscheid für den neuen Straßenzug gesorgt hatte, die Antworten auf die ausgesprochenen Einladungen zusammen.

Kommen werden 22 Lions aus aller Welt, deren Vorfahren damals die Flucht gelungen war. So werden beispielsweise Peter Lion und Judith Berger, geb. Lion, mit Tochter Ruth (Kinder und Enkel von Hans Lion) aus Australien und Israel, Carol Lion aus New York und Alan Lion aus London (beides Kinder von Ernst Max Lion), Joan Chantrell und Alan Buxton (Tochter und Sohn von Else Buxton, geb. Lion) aus London und Jonathan Rogers mit seinen Söhnen Joshua und Sam aus Berlin und London, Dan Rogers mit Sohn Ben und Miriam Singer, geb. Rogers (Kinder und Enkel von Ruth Rogers, geb. Lion) aus den USA nach Willich kommen. Röhrscheid: "Teilweise sehen sich Familienmitglieder am 20. April zum ersten Mal."

Die Lions waren früher in das gesellschaftliche Leben in Willich eingebunden und voll integriert, sei es bei der Feuerwehr oder bei den Schützen. Nach 1933 änderte sich das völlig. Durch Denunziation Willicher Bürger wurde ihre Metzgerei durch die Nationalsozialisten geschlossen und den Männern die Möglichkeit, als Viehhändler ihren Lebensunterhalt zu verdienen, durch ein Berufsverbot entzogen. Nach der Pogromnacht 1938 flohen vier Kinder noch rechtzeitig, um in England, Australien, Israel oder den USA Familien zu gründen. Die in Willich verbliebenen Rosette Lion und ihr Neffe Arthur wurde im Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert und starben dort 1943. Albert Lion und seine Frau Karoline wurden im Dezember 1941 ins Konzentrationslager nach Riga verschleppt und dort 1943 ermordet.

Lara Sommerfeld (v. l.), Bernd-Dieter Röhrscheid, Udo Holzental und Pauline Thiel zeigen Fotos und Schriftstücke der jüdischen Familie Lion. Foto: Wolfgang Kaiser

Jahrelang suchten Holzenthal und Röhrscheid nach einer neuen Straße, der man den Namen der Lions geben konnte. Im November und Dezember 2014, als der neue Bebauungsplan "Wekeln IX, nördlich Hülsdonkstraße" aufgelegt worden war, hatte der Hauptausschuss und anschließend der Rat einem Antrag von Röhrscheid und Holzenthal zugestimmt, eine Straßenverbindung dort "Lionstraße" zu nennen, zumal es bereits seit Längerem auch in Erinnerung an ehemals dort wohnende Juden in Schiefbahn die "Kaufmannstraße" und die "Rübsteckstraße" gibt.

Im Dezember 2012 waren auf der heutigen vorderen Bahnstraße vor dem Bierhaus "Alt Willich" die ersten vier Stolpersteine für die Großfamilie der Lions verlegt worden, weitere vier kamen im Laufe der Zeit dazu. Mehrmals waren bisher Nachkommen dieser Familie bei diesen Stolpersteinverlegungen nach Willich gekommen, waren bewegt und aufs Neue bestürzt, was ihren Familienangehörigen widerfahren war. Einige der Angehörigen reisen jetzt erneut an.

In unmittelbarer Nähe des Friedhofs, auf dem noch acht Grabsteine der Lions stehen, befindet sich die neue Straße. Bürgermeister Josef Heyes wird in feierlicher Form die "Enthüllung" der Straßenschilder vornehmen. Dazu wird es eine Legende und eine kleine Fotoausstellung über die Lions geben, die die Oberschülerinnen Lara Sommerfeld (14) und Pauline Thiel (15) vom St.-Bernhard-Gymnasium zusammenstellen.

"Wir haben auch die direkten Anwohner angeschrieben, zu kommen und den Kontakt mit den Familienangehörigen zu suchen", sagt Holzenthal. Man werde dann von dort Spaziergänge zu den einstigen Spuren der jüdischen Familie unternehmen. Dort in der Nähe befand sich damals die Bahnhofsstraße, wo Abraham Lion seine Viehweide hatte. Abraham Lion war ein geachteter Metzger, gehörte der Feuerwehr und dem Schützenverein an. Auf seiner Viehweide, dem heutigen Schützenplatz, wurde 1927 erstmals ein Schützenzelt aufgestellt. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wurde der 79 Jahre alt gewordene Abraham Lion 1933 beigesetzt. Als seine Frau Rosetta zehn Jahre später starb, nahm davon in Willich kaum jemand Notiz: Die 86-Jährige kam am 15. Januar 1943 im Ghetto Theresienstadt ums Leben. Sie starb im Gebäude L 321, in Zimmer 13 - "an Altersschwäche", wie es lapidar auf dem Totenschein hieß.

(wsc)