Fastenzeit Nachdenkzeit: St. Tönis ist keine wirklich grüne Stadt

Fastenzeit Nachdenkzeit: St. Tönis ist keine wirklich grüne Stadt

Das Abholzen von gesunden Linden am Biwak hat viele Bürger irritiert. Das Baumkataster zählt 5300 Bäume im öffentlichen Stadtgebiet auf. Doch es gibt einige Straßenzüge, in denen es an Grün fehlt: Protokoll eines kleinen Rundgangs durch St. Tönis.

St. TÖNIS Ist St. Tönis zu wenig grün? Das ist jetzt keine politisch gemeinte Frage, sondern zielt auf das Straßengrün, vor allem Bäume in den Straßen und Plätzen von St. Tönis. Nutzen wir die Fastenzeit, gehen wir durch St. Tönis und suchen nach grünen Antworten. Was sagt Helge Schwarz dazu? Die SPD-Ratsherr ist Vorsitzender des Bau-, Energie-, Verkehrs- und Umweltausschusses. Und er versteht Spaß: "Subjektiv betrachtet, würde ich in der jetzigen Jahreszeit auch sagen, dass Tönisvorst wenig Grün hat." Doch dann erinnert er sich an die "vielen prächtigen Alleen, die japanischen Kirschen im Kirchenfeld, die Straßen zwischen St. Tönis und Vorst, zwischen Vorst und Oedt, zwischen Vorst und Süchteln, und im Kehn, um nur einige Beispiele zu nennen."

Lassen wir die Alleen an den Landstraßen mal weg und sprechen wir auch nicht über die Apfelplantagen, sondern die Bäume im öffentlichen Raum von St. Tönis. Helge Schwarz hat sich um eine objektive Betrachtung bemüht und die findet er im Bericht der Gemeindeprüfungsanstalt "Grünflächen der Stadt Tönisvorst im Jahr 2015". Demnach verfügt Tönisvorst über knapp 500.000 qm Straßenbegleitgrün, das entspreche 15,9 qm je Einwohner. Nach den amtlichen Statistiken liegt Tönisvorst damit geringfügig über dem Mittelwert in NRW. Also Durchschnitt. Schwarz: "Das finde ich zufriedenstellend, wenn wir bedenken, dass Tönisvorst historisch betrachtet nie eine 'Waldgemeinde' war, sondern immer schon eine 'Heidelandschaft'."

Der Alte Markt ist zwar von Bäumen gesäumt, trotzdem wirkt die "Steinwüste" im Gegensatz zum benachbarten und begrünten Kirchplatz wenig anheimelnd. Foto: Heribert Brinkmann

Es gibt wahrlich Schlimmeres: Die GPA weist landesweit ein Minimum von 1,97 qm Fläche Straßenbegleitgrün je Einwohner aus, da sind wir mit 15,9 qm ja schon viel besser, aber es gibt auch Maximalwerte von 64 qm. Leider ist aus dieser Erhebung nicht ersichtlich, um welche Städte es sich da handelt. Und um noch etwas die Statistik zu bemühen: Tönisvorst hat eine über dem Mittelwert liegende Bevölkerungsdichte, die sich allerdings schnell ergibt, weil ein Großteil der Fläche des Stadtgebietes landwirtschaftlich genutzt wird und sich die Besiedlung weitgehend auf die Stadtteile St. Tönis und Vorst beschränkt. Immerhin bemerkt die Gemeindeprüfungsanstalt dazu, dass die Erholungs- und Grünfläche je Einwohner "deutlich unter dem interkommunalen Mittelwert" liegt.

Als die Grünen im Sommer vergangenen Jahres versuchten, für Tönisvorst eine Baumschutzsatzung zu verankern, holten sie sich eine blutige Nase. Interessant in unserem Zusammenhang ist dabei ein Wert, den sie in ihrer Begründung aufführten: "Tönisvorst hat mittlerweile einen Bestand an Bäumen entlang der Straßen und Wirtschaftswege, der weit unter dem Durchschnitt liegt. Bei uns kommen lediglich sechs Bäume auf 1000 qm Fläche. In anderen Kommunen ist dieser Wert drei Mal so hoch."

Das Grün ist hier in den Gärten des Wohnviertels zu finden. Dieser Teil der Berliner Straße muss ohne Bäume auskommen. Foto: Brinkmann Heribert

Natürlich gibt es in vielen Straßen in St. Tönis Bäume. Aber das bleibt nicht durchgehend so. Am Nordring fehlen Bäume - wobei man hier kaum von einem Ring sprechen kann. Die Straßenbreite reicht gerade mal für zwei Spuren, bei parkenden Autos wird es noch enger. Klar, dass es hier keinen Platz für Bäume gibt. Oder anderes Beispiel Berliner Straße. Nicht dass sie baumlos wäre, aber es gibt Streckenabschnitte, die ganz ohne Bäume auskommen (Vielleicht ist das manchen Anliegern nur Recht so. Schließlich machen Laubbäume im Herbst auch viel Arbeit, wenn man auf den Bürgersteigen Laub kehren muss). Aber in Großstädten, in denen aufgrund der Schadstoffbelastungen in der Luft Fahrverbote für Dieselfahrzeuge drohen, werden wie etwa in Stuttgart schon Wände mit Moos aufgestellt, die den Feinstaub aus der Luft herauszufiltern helfen sollen.

Oder der Alte Markt: Da gibt es zwar Bäume, aber der Platz ist vollständig zugepflastert. Warum kann man nicht den Grünzug vom Kirchplatz in den Alten Markt erweitern und die Aufenthaltsqualität verbessern? Der Gemeindeprüfungsanstalt würde das vielleicht nicht gefallen, weil für jedes öffentliche Grün auch Kosten für die Pflege anfallen.

Kein Platz für Bäume: Dieser Teil des Nordrings ist ebenfalls baumlos. Foto: Brinkmann Heribert

Wie denken Sie über Bäume in St. Tönis? Gibt es genug oder noch zu wenige? Lieber baumlos leben oder losgehen und einen Baum pflanzen? Emails an heribert.brinkmann@rheinische-post.de .

(RP)