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Stadt Willich: Sie hilft beim Sprachenwandern

Stadt Willich : Sie hilft beim Sprachenwandern

Wenn Gülden Altinok-Küsters den Klassenraum betritt, kämpfen die 15 Grundschüler um ihre Aufmerksamkeit. Die 46-Jährige mit türkischen Wurzeln bringt Kindern aus Migrantenfamilien ehrenamtlich die deutsche Sprache bei.

Drittklässler Sezer reckt und streckt sich ungeduldig, während er im Unterricht aufzeigt. Seine Hand ragt so hoch in die Luft, wie es im Sitzen auf dem Stuhl nur geht, weil er endlich an die Tafel schreiben will, wie man den Hof des sagenumwobenen britischen Königs Artus, "Camelot", richtig schreibt. Mit seinen 14 Mitschülern – alle türkischstämmige Drittklässler der Grundschule im Mühlenfeld – liest er gerade den Abenteuerroman "Das magische Baumhaus". Wenn die Kinder ein Wort nicht verstehen oder nicht wissen, wie man es ausspricht, besprechen sie diese mit Gülden Altinok-Küsters. Die 46-Jährige begleitet Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund in Kindergärten, Grundschulen und weiterführenden Schulen ehrenamtlich bei ihrer Sprachwanderung. Für ihr Engagement in der Sprachförderung wurde sie gerade ausgezeichnet: Mit dem Preis für Ehrenamtliche der Deutschen Bank Willich. Ihr Projekt "Gute Sprache – gute Zukunft" hat sie vor Kurzem an der Grundschule im Mühlenfeld gestartet.

Muttersprache als Betriebssystem

Vor mehr als 40 Jahren wanderte Altinok-Küsters mit ihrer Familie von der türkischen Hauptstadt Ankara nach Deutschland aus. Im Alter von viereinhalb Jahren fing sie mit dem an, was sie heute mit viel Leidenschaft lehrt: Deutsch. "Die sprachliche Umstellung fiel mir damals nicht schwer, weil ich meine Muttersprache schon beherrschte. Viele Familien sprechen mit ihren Kindern aber nicht mehr in der Muttersprache, weil es bis vor kurzem als nicht fördernd dargestellt wurde." Dabei könne man mit der Muttersprache als "Betriebssystem" jede Sprache lernen. Sie selbst spricht Türkisch und Deutsch fließend, aber auch Englisch, Italienisch und Portugiesisch. Nach vielen Jahren im Ausland und in der Marketing-Branche hat sie sich vor einigen Jahren entschieden, sich ehrenamtlich in der Sprachförderung zu engagieren. "Weil ich in dem Bereich viel weitergeben kann."

Zehn Kapitel des Jugendbuchs in vier Wochen: Das ist das aktuelle Arbeitspensum der Drittklässler mit Lehrerin Altinok-Küsters. Zu Hause lesen die Kinder je ein Kapitel, das sie dann in dem wöchentlich stattfindenden Nachmittagsunterricht montags gemeinsam besprechen. Gerade hat Emre eine Seite vorgelesen. Er ist über das Wort "Albtraum" gestolpert. Lehrerin Altinok-Küsters fragt, ob jemand es ihm erklären kann – in Deutsch oder Türkisch. Klein-Sezer versucht es: "Das ist, wenn man schläft und schlecht über etwas denkt." Mitschülerin Alena ruft "Kötü rüya" (Türkisch für Albtraum). Jetzt versteht auch Emre. Nicht nur bei bestimmten Wörtern oder Begriffen, auch bei Präpositionen oder Artikeln haben die Kinder zum Teil Förderbedarf, weiß Altinok-Küsters aus Erfahrung.

Für die Willicherin ist das sichere Beherrschen der deutschen Sprache das A und O für die Zukunft: "Kinder, die sich nicht selbstständig ausdrücken können, haben später Probleme, in der Schule Aufsätze zu schreiben oder als Auszubildende Bewerbungen zu verfassen. Es geht darum, ihren Lebensweg in eine erfolgreiche Zukunft zu ebnen. Früh damit anzufangen, ist daher sehr wichtig."

(RP)