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Serie: Stadtgeschichte Willich Altgemeinden entstanden im Mittelalter

Willicher Stadtgeschichte (2): Das Mittelalter – Willichs Altgemeinden entstehen : Stundenlanger Gang zum Gottesdienst

1146 war ein böses Jahr. Am Niederrhein war das Getreide so knapp, dass ein Malter Korn die horrende Summe von 13 Schillingen kostete. Trotzdem bauten die Willicher ihre neue Pfarrkirche fertig: ein dreischiffiges romanisches Gotteshaus mit einem nach Westen gerichteten Turm. Aber es war bereits ihre zweite Kirche: Reste der ersten wurden 1849 entdeckt. Für Anrath ist eine Kirche um 1010 bezeugt. Sie wurde 1897 abgebrochen.

Kirchen standen damals im Zentrum menschlichen Bewusstseins: Der Glaube an Gott und an ein hoffentlich besseres Jenseits bestimmten das irdische Leben. Aber der Weg zur ewigen Seligkeit erwies sich als beschwerlich; schon der Gang zum Gottesdienst war meist mit einem stundenlangen Fußmarsch verbunden. Denn die Bevölkerungsdichte war noch gering, die Seelsorgebezirke waren entsprechend groß. Heute kann sich keiner mehr vorstellen, dass Willich und Anrath in altersgrauen Zeiten Teil eines riesigen Kempener Pfarrbezirks waren, von dem sie sich wohl erst im 11. Jahrhundert trennten.

Konkret: Sonn- und feiertags pilgerten die Familien von Willich und Anrath zu Fuß nach St. Peter, der kleinen Holzkirche südlich der heutigen Stadt Kempen. Damit wurde der Kirchgang hin und zurück zum Tagesmarsch. Den nahm man gerne in Kauf, denn eine andere Abwechslung gab es damals nicht.

Auf der Grundlage der Urpfarre Kempen entwickelte sich mit zunehmender Bevölkerung ein verzweigtes Pfarrsystem. Im Südosten kam Kaarst hinzu, das bis 1554 von Willich abhängig war. Erst spät entstand in den feuchten Niederungen im Süden ein neues Siedlungsgebiet: Schiefbahn. Seine Hubertuskapelle unterstand bis 1548 Anrath. Neersen emanzipierte sich erst 1798 von seiner Anrather Mutterkirche.

Willichs zweite Pfarrkirche, 1146 errichtet, war dem heiligen Pankratius geweiht. Im Lauf der Jahrhunderte wurde sie mit zahlreichen An- und Umbauten versehen. So wurden dem Turm zwei gotische Stockwerke aufgesetzt, was zur Folge hatte, dass er sich im Laufe der Zeit ein wenig zur Seite neigte: Die romanischen Fundamente, nur für ein kleines Gotteshaus geplant, waren der zusätzlichen Last nicht gewachsen. Die abergläubische Bevölkerung sah das anders. Sie entwickelte eine Sage. Kobolde, die so genannten Sekes-Männekes, die auf der Hardt in unterirdischen Höhlen lebten, hätten den Turm mit einem Seil schief gezogen. Aus Rache dafür, dass die Frau eines Bauern, den die Sekes-Männekes umgebracht hatten, in ihrer Angst vor weiteren Anschlägen reiche Stiftungen an die Pfarrkirche gewendet hatte. Damit wollte sie erreichen, dass der heilige Pankratius die Kobolde verbannte. Im Oktober 2008 wurde an der Kirche eine Skulptur eingeweiht, die die Erdmännchen darstellt, wie sie den Kirchturm schief ziehen. Ein „sagenhaftes“ Denkmal als letzte Erinnerung an St. Pankratius.

Die St.-Johannisschüssel aus der alten Anrather Pfarrkirche, 1668 gestiftet, zeigt das Haupt des Heiligen, der wegen seiner Berühmtheit auf Geheiß des Herodes enthauptet wurde. Foto: Stadtarchiv Willich Foto: Stadtarchiv Willich

Pfarrpatron der Anrather Kirche war Johannes der Täufer, Schutzheiliger der Hirten und Herden. Als Asket predigte er in der Wüste. Im 10./11. Jahrhundert erreichte seine Verehrung einen Höhepunkt. Sein Patronat wurde gerne an Kirchen vergeben, die man in der Einöde errichtet hatte. Der Heilige wurde ein untrennbarer Teil Anraths, denn ab 1574 erscheint sein Bild auf dem Anrather Gerichtssiegel. Das wurde 1927 Grundlage des Anrather Gemeindewappens. Auch die 1952 eingeweihte Johannesschule, die im Juli 2017 in einer Gesamtschule aufging, trug seinen Namen.

Die Kirche hatte Macht über die Seelen. Die weltliche Gewalt übte im Willicher Stadtgebiet der Kölner Erzbischof aus. Trotz seines geistlichen Amtes war er in erster Linie Landesherr und Machtpolitiker. Trotzdem durfte er als Geistlicher kein Blut vergießen – weshalb in seinem Auftrag Schirmherren oder „Vögte“ die Rechtspflege ausübten. Einschließlich der Vollstreckung von Todesurteilen.

An der Niers wurde die erzbischöfliche Vogtei von den Herren von Neersen wahrgenommen: Ein Rittergeschlecht, das sich nach dem Fluss nannte, an dem es in mehreren Etappen eine Burg baute, die wie eine Insel inmitten der wasserreichen Bruchgebiete lag. In ihrem Schutz entstand seit dem 15. Jahrhundert an einer parallel zur Niers nach Norden laufenden Straße (der heutigen Hauptstraße) die Dorfsiedlung „Neerstrat“.

Neersen ist also eine Burgsiedlung. Die Dörfer Willich und Anrath dagegen wurden um die dortigen Kirchen besiedelt – in erster Linie von Bauernsöhnen, die auf dem väterlichen Hof kein Auskommen fanden und ein Handwerk ergriffen, um den Treffpunkt Kirchplatz zum Warenaustausch zu nutzen. Wobei von den drei Dörfern Anrath noch am ehesten kleinstädtischen Charakter besaß, denn 1414 erhielt der Ort von Kaiser Sigismund das Marktrecht; um 1500 wird seine Befestigung mit Wall und Graben erwähnt.

Aber die ältesten Namenformen weisen zurück auf eine Zeit, in der es diese Dörfer noch nicht gab: „Anrode“ erinnert an die „Rodung“, die die mittelalterlichen Siedler in den Wald schlugen. Hier wurde auf einer Anhöhe neben einem Herrenhof die Kirche gebaut, die jahrhundertelang als Seelsorgezentrum für die umliegenden Bauernschaften diente. Genauer: Das mittelalterliche Ur-Anrath entstand auf einem Fleck sandiger Braunerde am nordöstlichen Ufer eines uralten Rheintals – dem einzigen Areal in der sumpfigen Bruch-Niederung, auf dem sich die mühsame Rodung damals lohnte.

Grundherr im Anrather Bereich ist etwa seit 1000 nach Christus der Erzbischof von Köln gewesen. Sein Herrenhof hat wahrscheinlich im Herzen des heutigen Anraths an der Stelle der späteren Alleeschule gelegen. Der Hof verschwand schon früh, lebte aber im Arntzerb in Anrath fort. Das wurde auch Schultheißenhaus genannt und ist seit Jahrzehnten als der Gasthof Jean Schmitz, direkt am Kirchplatz, bekannt. Hier residierte ein Verwalter des Erzbischofs, der die Schuld, also die fälligen Abgaben und Dienstleistungen der abhängigen Bauern, heischte. Von diesem „Schuld heischen“ leitet sich seine Amtsbezeichnung ab: „Schultheiß“.

 „Wylike“ geht auf einen „Weiler“ zurück, das heißt, auf eine Gruppe von Gehöften um den alten erzbischöflichen Herrenhof nordwestlich der heutigen Parkstraße. Im alten Unterbruch, dem heutigen Schiefbahn, machten die sumpfigen Gebiete am Rand eines verlandeten Rheinarms eine Besiedlung erst seit dem 12./13. Jahrhundert möglich. Ein Schießstand („Scheibenbahn“), der für die Schützen des Pfarrbezirks Anrath errichtet worden war, gab dem Dorf, das etwa seit 1500 entlang einer alten Heerstraße entstand, seinen Namen. Kurz gesagt: In der heutigen Stadt Willich ist Alt-Willich, dessen fruchtbare Lösslehmböden schon früh Siedler anzogen, wohl der älteste Stadtteil. Ihm folgen in der zeitlichen Abfolge Anrath, Schiefbahn und Neersen.