Schlossfestspiele Neersen: Chris Pichler berührte die Gäste im Ratssaal als Romy Schneider.

Schlossfestspiele Neersen : Aufbegehren gegen ein Rollenklischee

Chris Pichler berührte die Gäste im Ratssaal als Romy Schneider.

Die Rolle der „Sissi“ bescherte Romy Schneider frühen Ruhm und ließ sie beinahe ein Leben lang nicht los. In Chris Pichlers Soloabend „Romy Schneider – Zwei Gesichter einer Frau“ blieb die weltweit erfolgreiche Film-Trilogie beinahe Randnotiz, doch allgegenwärtig war Schneiders Aufbegehren gegen das von ihr erwartete Rollenklischee. Sie habe die „Sissi“ gerne gespielt, aber nie mit der Figur identifiziert werden wollen, ließ Pichler im Ratssaal von Schloss Neersen die verstorbene Schauspielerin wehmütig sagen.

Pichler schlug den Bogen von Schneiders schauspielerischen Anfängen bis hin zu deren viel zu frühen Tod. Sie zeigte die Fassade für die Öffentlichkeit und das Gesicht des Menschen hinter dem inszenierten Auftritt. Dabei entfaltete Pichler glaubwürdig die Entwicklung vom beinahe kindlichen Star zur am Leben verzweifelten Frau, die nur wenige Woche nach Erscheinen ihres letzten Films „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“ starb.

Pichler stand auf der Bühne und war je nach Standpunkt zeitgleich in einem Video zu sehen. So ergaben sich im inhaltlichen Bezug auf zwei Gesichter einer Frau verschiedene Blickwinkel auf eine Person. Ebenso erklang Pichlers Stimme zu Zitaten aus Schneiders Tagebuchaufzeichnungen und Briefen aus dem Off, während sie für alle sichtbar schweigend das Gehörte zu reflektieren schien.

Filmtitel, Namen von Regisseuren und Schauspielern, Schneiders Beziehungen zu Männern und Jahreszahlen markierten chronologisch biographische Stationen. In diesem Lebensabriss verkörperte Pichler einfühlsam Verwundbarkeit und Stärke. Sie ließ das kindlich-naive Wesen der 14-Jährigen spüren und weckte dabei Erinnerungen an den „süßen Fratz“ der frühen Rollen. Sie gab die mondäne Grande Dame des französischen Films. Sie spielte die nervöse Aggressivität als Schutzschild gegen die Angst, nicht das Beste zu geben. Sie mimte eindrucksvoll das Begehren nach anspruchsvollen Rollen und die verzweifelte Suche nach dem privaten Glück.

In der Interpretation von Lied und Chanson zeichnete Pichler ein Seelenbild ihrer Protagonistin. Trat die Darstellerin ans seitlich stehende Mikrofon, war es, als gäbe sie ein Interview, das im Rollenspiel private Einblicke verwehrte. „Ich hätte mich schon früher dagegen wehren müssen“, sagte Pichler als Romy Schneider zu deren Auseinandersetzungen mit Klatsch, Tratsch und Vorwürfen. Ein stummer, unerträglich langer Schrei und der dann raue Ruf nach der „Mami“ wurden erschütternd zum Ausdruck der abgrundtiefen Verzweiflung über den Tod des Sohnes.

Im intensiven Spiel spiegelten sich in Pichlers Mimik Spuren und Narben der Verzweiflung einer erschöpften und ausgebrannten Frau hinein. Das Publikum erhob sich zum langen Beifall.

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