Stadt Willich: Neun Stolpersteine gegen das Vergessen

Stadt Willich: Neun Stolpersteine gegen das Vergessen

Die Heimat- und Geschichtsfreunde Willich und das Stadtarchiv verlegen am kommenden Montag weitere Stolpersteine - erstmals auch in Neersen. Mysteriös ist die Geschichte dreier Juden, die im Anrather Gefängnis saßen.

Die schlichte Grabanlage, etwa 50 Meter westlich des jüdischen Friedhofs in der Zisdonk gelegen, bleibt für Bernd-Dieter Röhrscheid und Udo Holzenthal ein Mysterium. Die Beiden kennen sich aus in der Geschichte der Juden in Willich, haben sie doch kürzlich erst ein umfangreiches Buch zum Thema veröffentlicht. Wieso die drei unscheinbaren Grabplatten aus dem Jahr 1943 allerdings nicht auf dem jüdischen Friedhof liegen, sondern etwas davon entfernt, darüber gibt es weiter nur Gerüchte. "Womöglich hat es damals dort im Wald eine Erschießung gegeben, und die Leichen wurden an Ort und Stelle verscharrt. Nach jüdischem Ritus darf ein Mensch, der einmal bestattet wurde, nicht mehr exhumiert werden", sagt Stadtarchivar Holzenthal.

Drei vom Künstler Gunter Demnig verlegte Stolpersteine sollen vom kommenden Montag, 19\. Dezember, an vor dem Gefängnis-Museum in Anrath an die drei Männer erinnern. Zudem sollen an diesem Tag jeweils weitere drei Stolpersteine in Neersen und in Schiefbahn verlegt werden. Der Künstler Gunter Demnig erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten - meist selbstgewählten - Wohnort Gedenktafeln aus Messing in den Gehsteig einlässt. Im Februar 2012 wurden im Stadtgebiet Willich die ersten Stolpersteine verlegt, inzwischen sind es insgesamt 66\.

Cilli Salmons, geborene Lomnitz, (4. von links) wurde mit ihrem Mann Max und ihrem Sohn Manfred im Vernichtungslager Maly Trostinec ermordet. Foto: Stadtarchiv

Bisher waren Schüler des St.-Bernhard-Gymnasiums in Schiefbahn und des Lise-Meitner-Gymnasiums in Anrath beteiligt, nun haben die Heimat- und Geschichtsfreunde Willich und das Stadtarchiv die Federführung inne. Bernd-Dieter Röhrscheid, früher Lehrer am St. Bernhard und Vorstandsmitglied der Heimat- und Geschichtsfreunde, und Stadtarchivar Holzenthal haben lange recherchiert, um auch die Biografien der neun Juden zu rekonstruieren, an die nun erinnert werden soll. Auch das Bundesarchiv in Berlin und die Mahn- und Gedenkstätte in Düsseldorf leisteten dabei wertvolle Hilfe.

Da sind zunächst die drei bereits erwähnten Männer Karl Gustav Hackelberg, Dr. Emil Hirsch und Simon Herbst, die 1943 ins Anrather Gefängnis kamen und noch im selben Jahr ums Leben kamen - "Umstände nie geklärt" wird auf den Stolpersteinen zu lesen sein. Mehr konnten Röhrscheid und Holzenthal allerdings zum Leben der Männer herausfinden: Dr. Emil Hirsch wurde 1875 in Rügenwalde geboren und arbeitete als Arzt in Berlin und Düsseldorf, bis ihm 1938 von den Nationalsozialisten die Approbation entzogen wurde und er sich künftig nur noch als "Krankenbehandler" ausschließlich um Juden kümmern durfte. Als er mithilfe eines Fluchthilfenetzwerks versuchte, über die deutsch-belgische Grenze zu gelangen, wurde er festgenommen und der Gestapo übergeben. Er landete schließlich als "Schutzhäftling" im Anrather Gefängnis. Dort starb er 1943 - offiziell an "Kreislaufschwäche".

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Ähnlich rätselhaft ist der Tod des Berliner Kraftfahrers Simon Herbst, dem der Gefängnisarzt Dr. Eugen Witte als Todesursache eine "Lungenentzündung" attestierte. Bei Karl Gustav Hackelberg, Schneider aus Köln, gab Dr. Witte "Blutsturz" als Todesursache an. Ausführlichere Biografien der drei werden am 19\. Dezember im Rahmen der Stolpersteinverlegung verlesen. So wird es auch sein, wenn in Schiefbahn und in Neersen am selben Tag sechs weiterer Juden gedacht wird.

In Neersen werden dann erstmals Stolpersteine verlegt. Sie sollen an Max und Cilli Salmons sowie ihren Sohn Manfred erinnern, die an der Kickenstraße 6 wohnten. 1937 zeigte Max Salmons - zeitgleich mit seinem Bruder Otto - beim Finanzamt an, mit seiner Familie nach Argentinien ausreisen zu wollen. Während Otto Anfang 1938 nach Südamerika emigrierte und später seine Familie nachholte, blieb Max dann doch in Deutschland und zog mit seiner Familie nach Köln. Was er dort wollte, konnte jedoch nicht eindeutig geklärt werden. "Viele Juden zogen damals in Großstädte, weil sie glaubten, dort untertauchen zu können und sicher zu sein", sagt Udo Holzenthal. Wie im Fall der Neersener Familie Salmons jedoch allzu oft ohne Erfolg. Am 20\. Juli 1942 wurde die kleine Familie nach Minsk deportiert und schließlich im Vernichtungslager Maly Trostinec ermordet.

In Schiefbahn werden an der Hochstraße Nummer 22 Gedenksteine für drei der sieben Kinder der angesehenen Familie Louis Kaufmann verlegt. Der 1877 geborene Arthur wurde vermutlich in der Pogromnacht in Köln verhaftet und verschleppt und flüchtete im Dezember 1938 in die Niederlande. Dort wurde er in Amsterdam, in einem Altenheim lebend, im Januar 1943 verhaftet und schließlich am 5\. Februar 1943 in Auschwitz ermordet. Sein Bruder Carl Kaufmann, 1884 geboren, wohnte 1939 in einem Pflegeheim in Langenhagen, am 31\. März wurde er von Hannover aus ins Warschauer Ghetto deportiert und dort ermordet.

"Einer der wenigen Fälle, an deren Ende ein großes Fragezeichen steht, ist Paula Kaufmann", sagt Udo Holzenthal. Denn die Spur der 1886 geboren Schwester von Arthur und Carl verliert sich 1938\. Bekannt ist, dass sie noch bis zum Oktober 1938 im elterlichen Haus in Schiefbahn lebte. Am 5\. Oktober meldete sie sich nach Aachen ab - ins Haus Friedrichstraße 82, das laut Aachener Stadtarchiv bekannt dafür war, dass dort von einem jüdischen Ehepaar eine Pension für Juden geführt wurde, von denen viele versuchten, über die Grüne Grenze ins benachbarte Ausland zu gelangen. Vielleicht auch Paula Kaufmann - auf ihrem Stolperstein steht: "Schicksal unbekannt".

(RP)
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