Serie Das Kempener Stadtarchiv Und Seine Schätze (3): Neues Leben unter preußischer Verwaltung

Serie Das Kempener Stadtarchiv Und Seine Schätze (3) : Neues Leben unter preußischer Verwaltung

1814 ist die Zeit der "Franzosenherrschaft" vorbei. Im April 1816 wird Kempen Kreisstadt im Königreich Preußen, zu dem der linke Niederrhein gekommen ist. In der heutigen Serienfolge geht es um Projekte, die in der Zeit der französischen Herrschaft angestoßen wurden und nun unter der gut organisierten preußischen Verwaltung zur Blüte kommen.Texte: Hans KaiserFotos: Kreisarchiv

Der Dreißigjährige Krieg ist für Kempen gerade mal zehn Jahre zu Ende, da erweitert die Stadt 1659 ihre schon lange bestehende Lateinschule zu einem Gymnasium: dem heutigen Thomaeum. Die Absicht dabei ist, die Nachkriegs-Krise mit Bildung zu bewältigen. Es gilt, der verwilderten Jugend wieder Anstand und Sitte beizubringen und mit einer jungen Bildungsschicht den allgemeinen Aufschwung zu fördern. Der Unterrichtsbetrieb wird in provisorischen Räumen am Kirchplatz aufgenommen. 1669 zieht die Schule in die neu erbaute, benachbarte Burse um und, als die zu klein geworden ist, 1804 in das Franziskanerkloster, aus dem die atheistische Pariser Regierung zwei Jahre vorher die Mönche vertrieben hat. Dort kommt 1840 auch das neue Lehrerseminar unter. Indes: Für Gymnasium und Seminar reicht das Kloster auf Dauer nicht aus. So zieht das Thomaeum am 8. Oktober 1863 in sein viertes Domizil, die Burg. Und verewigt sich dort in einer steinernen Spur: Seit dem März 1893 prangt am Portalturm über dem Eingangstor eine Thomas-Statue. Foto: Kreisarchiv Viersen
1901 zog der exklusive "Verein Casino" in ein neues Klubhaus am Hessenring (auf unserem Bild links). Hier gab es bereits 1907 einen Tennisplatz. Um in den Genuss öffentlicher Mittel zur Sportförderung zu kommen, verselbstständigte sich 1954 die Tennisabteilung als Casino-Tennisclub (CTC). Der schloss sich 1961 mit der Muttergesellschaft zur Casino-Tennisgesellschaft zusammen. Seither wird die Gesellschaft Casino in Kempen mit dem Tennissport verbunden. 1976 wurde das alte Klubhaus am Hessenring abgebrochen, nachdem der Klub an der Wachtendonker Straße ein neues Vereinszentrum mit Tennisanlage und Klubheim errichtet hatte. Foto: Kreisarchiv Viersen
1806, also noch unter der bis 1814 andauernden französischen Verwaltung, wurde in Kempen der erste Verein gegründet: die Gesellschaft Societé, Vorläufer des seit 1841 "Vereins Casino". Ihr Zweck war, vergleichbar mit einem englischen Klub, die Pflege komfortabler Geselligkeit für die Honoratioren der Stadt, oder, wie es in der damaligen Sprache heißt, "die Pflege des gesitteten Umgangs und des anständigen Vergnügens". Vereinslokal war seit 1842 das damalige Gebäude der heutigen Enger-Apotheke. Hier trafen sich Landrat, Bürgermeister, Juristen und Mediziner zum Gedankenaustausch, zur Lektüre überregionaler Zeitungen und zum Kartenspiel bei gepflegtem Wein. Um die Jahrhundertwende wurden als Unterabteilungen Kegelklubs, eine Tennisabteilung und die Jagdgesellschaft "Horrido" gegründet, auf deren Chronik wir hier blicken (Kreisarchiv Viersen, Stadtarchiv Kempen, D 3 Nr. 20). Da sehen wir, dass die Inflation im September 1922 den Dollar einen Wert von 1553 Mark erreichen ließ. Andere Vereinsgründungen waren - um nur eine kleine Auswahl zu nennen - der katholische Gesellenverein, die heutige Kolping-Familie (1856); der Kempener Turnverein (1859), heute Vereinigte Turnerschaft; und der Kunst- und Altertumsverein (1889), heute Geschichts- und Museumsverein. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg erreichte das Vereinswesen seinen Höhepunkt. Am 1. April 1914 gab es in Kempen 2625 männliche Bürger, die über 14 Jahre alt waren, aber 62 Vereine mit 2752 Mitgliedern. Viele waren in zwei oder drei Vereinen gleichzeitig. Foto: Kreisarchiv Viersen
Hier etablierte Nikolaus Marcelli 1810 seine Löwen-Apotheke: Im "Baumeisterhaus" Judenstraße/Ecke Schulstraße. Seinen Namen erhielt es von dem bekannten Stadtbaumeister Friedrich Vogts, der es 1740 erworben hatte und bis 1742 im Stil seiner Zeit umbaute. 1970 wurde das schmucke Rokoko-Gebäude für eine Papierwarenhandlung abgerissen. Heute steht hier das Kindermodengeschäft "Radieschen". Foto: Kreisarchiv Viersen
Zur Erinnerung: 1794 hatten die Truppen der französischen Revolution den linken Niederrhein besetzt, seit 1798 unterstand das ganze Gebiet der Regierung in Paris. Auf Französisch meldete daher am 17. Februar 1810 der Kempener Bürgermeister Peter Anton Thissen dem Präfekten des Roer-Départements in Aachen, dass er einem Herrn Marcelli dessen amtliche Konzession als Apotheker zugestellt habe (Kreisarchiv Viersen, Stadtarchiv Kempen, Akten 535/Régistre de Correspondence Nr. 123, S. 59). Marcellis Apotheke war in Kempen die erste von einem studierten Pharmazeuten betriebene und hieß "Zum Goldenen Löwen". 1887 wurde sie zum Markt verlegt; 2012 gab sie dort als "Löwen-Apotheke" ihren Betrieb auf. Foto: Kreisarchiv Viersen
Hier die Südansicht der Stadt um 1860. Noch liegen Gärten anstelle der heutigen Ringstraßen. Rechts steht die hölzerne Windmühle, 1865 abgebrannt, dann kommen das Landratsamt und mit zwei Schornsteinen die Herfeldt'sche Zuckerrübenfabrik. Mit dem Anschluss ans Eisenbahnnetz seit 1863 entwickelt sich die Stadt zum Verkehrsknotenpunkt. Aber noch lange dominiert die Landwirtschaft. Erst in den 1870er-Jahren nimmt die Industrialisierung Fahrt auf. Foto: Kreisarchiv Viersen
(RP)