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Marcell Feldberg, Kantor an St. Hubertus: Ein persönlicher Nachruf auf Jonas Mekas

Marcell Feldberg, Kantor an St. Hubertus : Ein persönlicher Nachruf auf Jonas Mekas

Gewiss – es ist wohl reiner Zufall gewesen, dass ich vor etwa drei Jahren mit dem amerikanischen Avantgarde-Filmemacher Jonas Mekas aus New York per Mail ins Gespräch gekommen bin. Doch Zufall oder nicht, mit der Zeit entwickelte sich ein spannender, meist kurzer Dialog über seine Filme oder meine Bücher.

Zugegeben – der Zugang zu seinen Filmen war für mich zunächst kein leichter. Diese Filme aus zitterndem Zelluloid, bebenden Bildern, schnellen Schnitten sind erst einmal verwirrend. Die bildlichen Überlagerungen und Collagen wirken wie mit einer „Wackelkamera“ aufgenommen und entziehen sich jeder konventionellen Kino-Kunst. Doch so unbeholfen die Bilder auch zu sein scheinen: Sie spiegeln eindrücklich das Leben wieder, den Alltag mit seinen Geschichten. Mekas’ „Tagebuchfilme“ faszinieren mich bis heute. Sie dokumentieren und verwandeln gleichzeitig das scheinbar Banale durch ihre Machart doch wieder in Poesie. Kunst und Alltag gehen hier fließend ineinander über. Seine Filme feiern das Leben, ohne dessen Brüche und Fragwürdigkeit dabei auszublenden. Bei aller Kunst: Der filmisch-dichterische Blick bleibt dabei ganz geerdet. Da waren und sind der litauische Bauernjunge und spätere New Yorker Mekas und der Landmensch im urbanen Umfeld Feldberg nicht nur im Gespräch ganz beieinander. Sicher – auch die Musik zu seinen Filmen „fixt“ mich nach wie vor ungemein an. Sie wurde nicht eigens dafür komponiert. Wie Mekas mit der Kamera direkt auf das Leben blickte, so hielt er das Mikrophon in seine unmittelbare Umgebung. Dabei nahm er alles Mögliche an Musik auf, die aus Lautsprechern, von Plattenspielern oder aus dem Radios erklang. Und dabei geht sie oft nicht „mit“ dem Film, sondern läuft gegen die Bilder oder unterläuft sie sogar. Musik der Beatles, ein Prélude von Chopin, ein Renaissance-Chanson, Monteverdi, usw. alles das trifft hier in lebendigster Vielfalt aufeinander. Dann immer wieder Fragmente aus Wagners Ouvertüre zu „Parzival“, die das Alltägliche erhaben erscheinen lassen, aber nicht ohne einen ironischen Unterton. Als Musiker fühlt man sich dabei immer „abgeholt“, aber eben auch wieder fort entführt. Freilich – es hat mich berührt, dass er sich von meinen Texten ebenfalls angesprochen fühlte. Da meine Bücher gut in eine Jackentasche passen würden, nähme er sie gerne mit und würde in ihnen z.B. in der U-Bahn lesen, schrieb er mir einmal. Diese ganz eigene Vorstellung von „Untergrundliteratur“ lässt mich immer noch verschmitzt lächeln. Immerhin – bis zuletzt arbeitete er an verschiedenen Projekten – immer nach vorne gerichtet. Es hat mir Spaß gemacht, ihn bei einem Vorhaben mit meiner alten Freundin Friederike Mayröcker aus Wien zu „verkuppeln“. Vor etwa drei Wochen haben wir das letzte Mal miteinander geschrieben, da gab er sich erschöpft. Jetzt ist er mit 96 Jahren gestorben. Wo und wie er auch jetzt immer sein mag: Er wird gewiss seine Kamera dabeihaben, um auch jetzt noch das Leben einzufangen und in Poesie zu verwandeln

Der Autor Marcell Feldberg arbeitet als Kirchenmusiker an St. Hubertus in Schiefbahn, als Dichter hat er beim Radius-Verlag mehrere Lyrikbände veröffentlicht.