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Stadt Willich: Kindesmissbrauch bleibt Tabuthema

Stadt Willich : Kindesmissbrauch bleibt Tabuthema

100 bis 300 Fälle von Kindesmissbrauch gibt es pro Jahr allein in Willich, schätzt die Polizei. Nicht alle Fälle werden zur Anzeige gebracht. Die Täter kommen meist aus dem Umfeld des Kindes. Organisationen bieten Hilfe an.

Die Zahlen spiegeln die Realität eigentlich nicht richtig wider. Die seelischen Qualen, die die Opfer oft ihr Leben lang begleiten, können sie erst recht nicht ausdrücken. Trotzdem sind allein schon die Zahlen erschreckend: In der Stadt Willich wurden der Polizei im Jahr 2012 acht Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern angezeigt, 2013 waren es immerhin fünf. Aber: Wie viele Fälle es wirklich sind, weiß niemand. Die Polizei geht davon aus, dass es wohl mindestens zehn- bis dreißigmal so viele gewesen sein werden.

Längst nicht alle Taten werden zur Anzeige gebracht, sagen Kriminalhauptkommissarin Gesa Brauer-Ebner, bei der Kreispolizei Viersen im Sachgebiet Kriminalprävention und Opferschutz tätig, und Kriminalhauptkommissar Lutz Strothmann, in Willich für die Kriminalitätsbekämpfung zuständig. Und: Unter sexuellem Missbrauch von Kindern sind sehr vielfältige Taten zusammengefasst - zum Beispiel auch die Begegnungen eines Kindes mit einem Exhibitionisten oder Verbalerotiker sowie einmalige Berührungen.

Dass nicht jeder Kindesmissbrauch angezeigt wird, zeigen auch die Erfahrungen des Kinderschutzbundes Willich: Mit vier bis fünf Fällen sexueller Gewalt werden die Mitarbeiter hier konfrontiert - pro Monat! Nicht immer erweisen sich die Vorwürfe als richtig, doch Geschäftsstellenleiterin Dagmar Widera ist überzeugt, dass auch der Kinderschutzbund bei Weitem nicht von allen Fällen erfährt. Und nicht immer ist eine Anzeige der richtige Weg, denn in einem Gerichtsverfahren müsste das Kind die Taten gleichsam erneut durchleben. "Wir sind eben eine Ermittlungsbehörde, und das ist nicht immer das, was ein Kind braucht", sagt auch Kommissar Strothmann. Zudem könnten Fälle von sexuellem Missbrauch häufig nicht bewiesen werden, da Kinder nicht immer gerichtsverwertbare Aussagen machen und beispielsweise keine genauen Zeitangaben machen können.

Sexuelle Gewalt an Kindern ist immer noch ein Tabuthema. Hinzu kommt: "Mit einem Verdacht, der sich als falsch herausstellt, kann man auch die Existenz eines vermeintlichen Täters zerstören", sagt Gesa Brauer-Ebner. Denn ein solcher Vorwurf - ob wahr oder unwahr - bleibt haften. Deshalb sollten alle Eltern aufmerksam sein, genau auf ihre Kinder und deren Verhalten achten. "Es gibt keine Checkliste, die man abhaken kann und anhand derer man sieht, ob ein Kind missbraucht wurde", sagt Polizist Strothmann. "Kinder senden Signale, die oft schwer zu verstehen sind." Manchen Kindern sei nach einem Missbrauch gar nichts anzumerken, andere verhielten sich auffällig, obwohl nichts vorgefallen ist.

Dass ein Kind einen sexuellen Missbrauch erfinde, sei äußerst selten, sagt Strothmann. Denn das, was die Kleinen von den Taten berichten, liegt außerhalb ihrer bisherigen Erfahrungswelt - "oft haben sie nicht mal Worte dafür". Zudem wollen sie ihre Eltern häufig nicht beunruhigen und wenden einen Trick an, um sich vorzutasten: "Sie erzählen, dass einem Freund etwas passiert sei", sagt Brauer-Ebner und rät Eltern, die den Verdacht haben, dass ihr Kind Opfer sexueller Gewalt wurde: "Zuhören, zuhören, zuhören!" Man brauche Zeit und Nerven, müsse aber auf das Kind eingehen und im Gespräch bleiben.

Die tatsächlich zur Anzeige gebrachten Taten beziehen sich oft auf Fälle, in der ein Fremder ein Mädchen oder einen Jungen missbraucht hat. "Fremde werden eher angezeigt", sagt Strothmann. Meist gibt es jedoch eine Beziehung zwischen Opfer und Täter. "Der böse Mann, der aus dem Busch springt, ist eher ein Klischee." Vielmehr wickle der typische Täter das Kind über längere Zeit ein, erschleiche sich das Vertrauen, mache dem Kind ein schlechtes Gewissen und missbrauche es schließlich - und das durchaus über einen längeren Zeitraum. "So viel Zeit hat ein Fremder gar nicht", erklärt Strothmann. Täter könne jeder sein: der Vater, der Onkel, der Fußballtrainer, der Lehrer oder der Pfarrer. "So etwas passiert häufiger, als wir denken", sagt Brauer-Ebner, warnt aber davor, in jedem gleich einen Täter zu sehen. "Es gibt halt auch den älteren Herren, der am Spielplatz sitzt und den Kindern einfach beim Spielen zuschaut, weil er selbst gern Enkel hätte."

Um Übergriffe im Vorfeld zu verhindern, ist es wichtig, Kinder stark zu machen. "Starke Kinder sind zwar manchmal unbequem für die Eltern, weil sie Widerworte geben, aber sie sind eben auch unbequem für einen potenziellen Täter", sagen die beiden Polizisten. Wenn ein Kind nicht von jedem geküsst werden möchte oder nicht gern Hoppe-Hoppe-Reiter spielt, müsse man das akzeptieren. "Kinder müssen auch Nein sagen dürfen!" Und so, wie Eltern ihre Kinder auf den Straßenverkehr vorbereiten und auf Gefahren aufmerksam machen, dürfe auch sexueller Missbrauch kein Tabu sein. "Zumindest sollten Kinder schon im Kindergartenalter ihre Körperteile benennen und mit ihren Eltern darüber unbefangen reden können. Nicht den Kindern sind solche Themen unangenehm, sondern den Erwachsenen", sagt Gesa Brauer-Ebner.

Wenn sich das Kind an die Eltern wendet und von einem sexuellen Missbrauch erzählt, gelte es, Ruhe zu bewahren: "Man sollte das Kind stärken, es loben und ihm sagen, dass man nun gemeinsam Hilfe suchen wird", sagt Strothmann. Und man solle andere aus dem Umfeld des Kindes diskret einbeziehen und sie allgemein fragen, ob ihnen etwas am Kind aufgefallen sei. Der nächste Schritt sollte es dann sein, fachliche Hilfe zu suchen - nicht zwingend bei der Polizei, sondern etwa beim Arzt, beim Kinderschutzbund oder anderen Organisationen.

(RP)