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Kinderschutzbund Willich sorgt sich um das Wohl von Kindern in der Pandemie

Kinderschutzbund Willich : Das Sorgentelefon für Kinder in Not

Bei vielen Menschen ist körperliche Gewalt gegenüber Kindern noch immer akzeptiert. Die Corona-Pandemie hat die Lage nicht verbessert. Viele Freizeitangebote fallen aus – und damit die soziale Kontrolle durch Erzieher, Lehrer oder Trainer.

Vor 20 Jahren, am 8. November 2000, trat in Deutschland das Recht jedes Kindes auf gewaltfreie Erziehung in Kraft. Doch auf dem Weg zur Umsetzung gibt es immer noch viel zu tun, sagt Mario Sagner, Vorsitzender des Kinderschutzbundes im Ortsverband Willich. Die Bandbreite von Gewalt gegenüber Kindern ist groß. Sie reicht sogar bis zu Tötungsdelikten, wie zuletzt im Fall der dreijährigen Greta in einer Kindertagesstätte in Viersen.

Es gibt aber auch den vermeintlich harmlosen „Klaps auf den Po“, der nach einer vom Kinderschutzbund Deutschland und Unicef herausgegebenen Studie immer noch von vielen Deutschen als probates Erziehungsmittel akzeptiert wird. So ist jeder Zweite der Auffassung, dass ein Klaps auf den Hintern noch keinem Kind geschadet habe. Jeder Sechste hält es sogar für angebracht, ein Kind zu ohrfeigen. Die Akzeptanz für körperliche Gewalt steigt nach Erkenntnissen dieser Studie mit dem Lebensalter. Männer stimmten häufiger zu als Frauen.

Wer selbst Gewalt erfahren hat, akzeptiere sie eher in der Erziehung. Seit der Jahrtausendwende ist der Anteil der Menschen, die Gewalt anwenden oder als angebracht ansehen, zwar insgesamt gesunken. Zuletzt stagnierten die Zahlen jedoch. Die Akzeptanz von körperlicher Bestrafung hat damit ein Plateau erreicht. Und die Corona-Pandemie hat die Lage nicht verbessert.

Im ersten strengen Lockdown im Frühjahr waren Kindergärten und Schulen geschlossen. Viele Freizeitangebote, etwa in Vereinen, fallen auch im Moment wieder aus – und damit die soziale Kontrolle durch Erzieher, Lehrer oder Trainer. Die würden sonst beim Schwimmunterricht vielleicht die blauen Flecken am Arm sehen, sagt Mario Sagner: „Es ist wichtig, dass die Leute genau hinschauen. Und genau das findet gerade nicht statt“, konstatiert er.

Der Kinderschutzbund wird oftmals angesprochen von Menschen, „die etwas mitbekommen haben“, sprich, den Verdacht auf eine Kindeswohlgefährdung in ihrer Umgebung wahrnehmen. Das sei oftmals eine heikle Angelegenheit, sagt Mario Sagner: „Die Leute wollen auch niemanden anschwärzen. Sie fürchten, dass bei Einschaltung des Jugendamtes eine Kindesentziehung droht.“

Beim Kinderschutzbund gibt es in solchen Fällen einen festen „Fahrplan“, etwa in Form von Gesprächen. „Wir spielen nicht Polizei, sind eine der Instanzen, die angesprochen werden kann“, erläutert Mario Sagner. Aber auch hier wird man entscheiden, ob bei Anzeichen einer konkreten Gefahr das Jugendamt eingeschaltet werden muss.

Der Kinderschutzbund Willich hat bereits zu Beginn der Pandemie ein Sorgentelefon für dringende Fälle eingerichtet. „Gerade weil viele in der Isolation zu Hause feststecken“, sagt Barbara Jäschke, die im Willicher Ortsverband für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.

Aber es gibt nicht nur körperliche Gewalt, unter der Kinder leiden. „Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, dass auch Strafen mit Nicht-Achtung, Liebesentzug oder auch Herabsetzung von Kindern Formen der Gewalt sind. Hier besteht noch viel Aufklärungsbedarf für einen Bewusstseinswandel“, sagt Mario Sagner.

Im Kinderschutzbund kämpft man für eine Aufnahme der Kinderrechte ins Grundgesetz. „Das wäre eine eindeutig einklagbare Rechtsgrundlage“, findet Sagner. Und eine größere Ausstrahlung in alle gesellschaftlichen Bereiche hinein.