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Kabarettist Jürgen Becker im Willicher Autokino

Jürgen Becker im Willicher Autokino : Kabarett durch die Windschutzscheibe

Der Kabarettist Jürgen Becker trat mit seinem Programm „Die Ursache liegt in der Zukunft“ im Willicher Autokino auf. Am besten funktionierte es, wenn er durch die Reihen ging und in Kontakt zu seinem Publikum trat.

Autokino-Projektleiter Markus Brinkmann hatte die Nase vorn. Schon im April begann er, der Corona-Krise eine Seite abzugewinnen, die etwas Unterhaltung in düsteren Zeiten bot: Er organisierte das Autokino. Auf dem Schützenplatz in Willich fanden unzählige Kinoabende durch die Windschutzscheibe statt. Die gehen am 29. Juni zu Ende.

Anfang des Monats wurde das Angebot erweitert: Auch Comedians und Kabarettisten wurden auf die kleine Bühne eingeladen, deren Geschehen auf eine riesige LED-Leinwand übertragen wird und deren Wortbeitrag durch das eigene Autoradio über die Frequenz 92,3 zu den Gästen kommt. Nach Ingo Appelt, Dave Davis und Rüdiger Hoffmann war am Donnerstagabend Jürgen Becker zu Gast auf dem Schützenplatz in Willich.

Während die Menschen in ihren Autos saßen, die Fenster an diesem heißen Sommerabend hinuntergekurbelt, die Rücklehne zurückgekippt, den Sitz für mehr Beinfreiheit weit nach hinten geschoben und Snacks und ein Getränk auf dem Schoß platziert hatten, spazierte Becker eine Viertelstunde vor Beginn des Programms entspannt über den Platz, nahm schon mal Kontakt zu seinen Gästen auf, die er später nicht mehr sehen würde: Ein „zentralverriegeltes Publikum“, so nannte er es dann beim Blick auf die knapp 50 Autos und fügte angesichts der Stille hinzu: „Ich denke, ich bin in Westfalen.“

Beim Spaziergang über den Platz konnte Becker seine Gäste persönlich begrüßen und Tipps geben: „Wenn Ihnen nicht gefällt, was ich sage, können Sie ja das Radio leiser drehen.“ Und er wünschte ihnen den für den Auftakt seines „normalen“ Bühnenprogramms sprichwörtlich gewordenen „schönen Abend“. „Die Ursache liegt in der Zukunft“ heißt Beckers neues Programm. Es war bereits fertig geschrieben, als der Lockdown begann, so hatte es Becker in einem Interview erklärt. Angeregt durch die Corona-Krise fügte er einiges hinzu, und die Thematik wurde aktueller denn je.

An manchen Stellen hätte man sich tatsächlich gewünscht, das Radio leiser oder abzustellen, denn Becker legte schonungslos seinen Finger auf die Folgen des ungebremsten Wachstums auf die Ressourcen der Natur. Aber so ist es eben, wenn man einem Kabarettisten zuhört: Es ist sein Job, gesellschaftskritisch zu sein, aufzurütteln. Lustig kann das nicht immer sein.

Und so deklinierte Becker alle Themenbereiche durch, bei denen etwas hakt: die mangelhafte Digitalisierung der Schulen, in denen kein Laptop aufgeklappt werde, sondern nur die Tafel; Donald Trump, der „komplett ungeeignet ist, sein Amt auszuüben“, und über allem: der Kapitalismus, das Durchdrungensein von Effizienz. Alles sei durchökonomisiert: der Freizeitsport, die Partnerwahl, die Wirtschaft, das Gesundheitssystem. Hier führe die Ökonomisierung dazu, dass die wichtigsten Berufe am schlechtesten bezahlt würden. Die Betriebswirtschaftslehre bezeichnete Becker als Pseudowissenschaft. Auch den maßlosen Einkauf von Kleidung prangerte der Kabarettist an. Immer wieder betonte Becker den Klimawandel: In acht Jahren sei der Kipppunkt erreicht, bis dahin könne man noch handeln. Die Corona-Krise, so Becker, habe gezeigt, dass ein Umschwenken möglich sei. Er plädierte sehr für den Einsatz von Elektroautos – oder die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs. Notfalls auch schwarz: Denn immerhin tue derjenige, der Bus oder Bahn fahre, etwas Gutes.

Einige Hoffnungsschimmer blitzten dann doch noch auf: „Wir brauchen für unsere Zukunft eine neue Erzählung.“ Denn der Gedanke „Macht Euch die Erde untertan und mehret Euch“ habe angesichts der Überbevölkerung und der zu Ende gehenden Ressourcen ausgedient. Die Jugend sei es, die eine neue Utopie entwickele, erklärte Jürgen Becker und nannte die „Fridays for Future“-Bewegung als eine positive Entwicklung. Der Verzicht, das sei die neue Erzählung für die Menschen. So beerdigte er in seiner Schlussszene die fossile Generation und plädierte für „eine bunte und bessere Welt“.

Jürgen Becker wirkte während der Vorstellung verhalten und schien nicht recht in Fahrt zu kommen – das mag der besonderen Situation geschuldet sein, die entsteht, wenn jemand, der immer vom Kontakt zum Publikum profitiert, plötzlich zu Windschutzscheiben spricht. Wenn er nahe am Publikum war, änderte sich das. So am Ende der Vorstellung, als Becker deutlich beschwingter in seiner Fantasieverkleidung als hoher Vertreter der katholischen Kirche „Weihwasser“ schwenkend durch die Autoreihen ging und die Menschen mit dem Satz „segnete“: „Wir können die Welt nur ändern, wenn wir unser Denken ändern.“